Ich muss nicht mehr auf den Zauberberg

Liebe wenige Leser, damit müsst Ihr klarkommen, nichts was hier steht, stimmt. Was mich wirklich bewegt, das kommt hier nicht mehr vor! Was hätte es denn hier verloren? Ob ich zum Beispiel mit meiner „Mann auf der Couch“-Frau Eva wieder zusammen bin, das sollt Ihr hier nicht erfahren! Auch, ob meine in der letzten Blog-Folge friedlich daliegende Wohn-Agentur jetzt ganz platt ist oder nur halb, und wie viele nach Panik-Attacken nassgeschwitze Bettlaken damit verbunden sind, das soll Euch hier vorenthalten werden. Der Weg, auf den ich mich jetzt aufmache und ich hoffe, Ihr folgt mir – vom autobiografischen Schreiben zum autofiktionalen zum fiktionalen (den Witz mit ficktional verkneife ich mir), darüber steht schon einiges in diesem Blog, doch über allem schwebt, wie eine dunkle Wolke die Frage, wie weit sich ein schon existierendes Buch umdeuten lässt und wenn ja, in welcher Absicht. Auch die werden wir (?) noch beantworten. Und noch einen Weg gibt es seit sehr langer Zeit: von der Person, zur Persona. In „Mann auf der Couch“ hatte Doktor Von, nach Doktor Zu die zweite, dann sehr, sehr alt gewordene Psychoanalytikerin ihren Patienten (mich?) darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht verpflichtet sei, seine Gefühle zu zeigen, er könne, nach C.G. Jung, als „Persona“ zwischen „innen“ und „nach außen hin gezeigt“ unterscheiden oder auch eine Maske aufsetzen, oder eine von mehreren, auf Archetypen reduzierte, Zauberer, Waldschrat … wie in der griechischen Tragödie oder bei den Samurai in Japan. Sollte das auch für das Schreiben gelten? *

Aber was stimmt jetzt an der Geschichte mit der Reha, also, in echt? Dass ich (oder der Mann auf der Couch?) da war, Bückeberg-Klinik in Bad Eilsen, Niedersachsen, im September 2022, ist mit den Fotos, die diesen Blog schmücken, in gewisser Weise belegt. In MAC gab es auch Fotos. Haben die was „belegt“, ja, denke schon, oder, nein, warum auch, was gäbe es denn zu belegen?

Coming of Age mit Rentnern

Wie geht es jetzt aber mit der zuletzt auch schon angeklungenen, eher als Erzählung aufgefassten Geschichte von der Reha – schöner ist: von meiner Kur – weiter? Mithin mit einem Text, der nicht reportagehaft und ichfixiert an der „Realität“ festhält, sondern das vereinzelt Erlebte nur als Vorlage nimmt, um etwas auch für andere Gültiges zu erzählen – als Textform etwas, das mein Erwachsenwerden, meine Entwicklung als Autor belegt. Idee wäre, die Rehabilitations-Maßnahme als Beginn einer Heilung, eines Wandels zu beschreiben, Let The Healing Begin, predigt Van Morrison vom Plattenspieler. In der letzten Blog-Folge zeigte sich der MAC tatsächlich schon sehr weichgezeichnet, milde, menschenfreundlich, sozialverträglich. So ein kleines Büchlein könnte das werden, Coming of Age unter Rentnern. Im geplanten Titel Reha-B klingt es an: Reha-B, nein, das meint keinen neu entdeckten Planeten in einem Science-Fiction-Film aus den fünfziger Jahren, sondern das englische Rehab, nicht nur Hocker-Gymnastik und Baldrianbad, sondern Entgiftung a la Betty Ford – och, wenn man das so lange erklären muss, ist es schon nicht gut. „I don’t want to go to rehab“, sang Amy Winehouse, ich schon.

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Foto: Michael Hopp

Und Rehab oder Reha-B war die Kur in Bad Eilsen doch durchaus: Den Vorrat an Schmerzmitteln hat der MAC (wollen wir so sagen?) im Schwesternzimmer abgegeben und seither keines angerührt. Doch nicht nur die Schmerzmittel sollten weg, wenn wir in der Story bleiben, der Deal war doch, mit allen, die um den MAC sind, ausgesprochen oder nicht, die piefige „orthopädische“ Reha in Niedersachsen als Gelegenheit zu nutzen, mal innezuhalten, in der Absicht, alles in allem mehr oder weniger neugeboren wiederzukehren, orthopädisch neu eingestellt, entgiftet und für Mitmenschen besser erträglich, weniger frustriert, mehr eins mit sich selbst, sowas. Auch in der Kur selbst war viel die Rede davon, was der MAC denn jetzt „mitnehmen“ wolle – wie zum Beispiel: Mehr auf sich selbst und die Gesundheit gucken, richtig viel: 40 Prozent des Tages!, Reduzieren der Arbeitszeit auf 60 Prozent. Und an dem Tag, als der MAC nach Hamburg zurückkehrt, wie in der letzten Folge des Blogs angedeutet, von Eva in der Wohnagentur empfangen, im warmen, goldenen Licht der Herbstsonne, das durch die hohen Fenster dringt und den Raum erfüllt – der MAC: klarer Blick nach weit vorne, blaue Augen, blondes Haar (aufgehellt). Das Leben: schön, ja, warm. Danach wurde es schnell bitterkalt, doch davon ein anderes Mal.

Hört das Sündigen jetzt auf?

Die Läuterung und wie weit sie trägt. Hört das Schlawinern jetzt auf, wirklich? (Vor allem, was bleibt dann?) Sagen wir so, der Mann auf der Couch im Buch benahm sich ja vorwiegend wie viele heute gegenüber dem Klimawandel: immer fest weiter sündigen, geht eh alles den Bach runter. Und jetzt, nach der Kur, fragt er sich: Bin ich gut, zu denen, die mich lieben, also besser, als davor? Genüge ich meinen vielen Kindern? Meinen Mitarbeitern? Kann ich jetzt vor meinen Vater treten, ach nee, das sollte das Ziel doch gar nicht mehr sein, längst nicht mehr. Ist eine Verbesserung eingetreten, gemessen daran, wie sich der Heini in „Mann auf der Couch“ benahm, oder wie ihn viele wahrnahmen, immer in der Annahme, Michael Hopp sei der Mann auf der Couch. Ist das die Story? Wahr oder unwahr? Oder ist das ganze Läuterungsmotiv die von vornherein lächerliche Dramatisierung eines dreiwöchigen Aufenthalts in einer harmlosen Einrichtung des Gesundheitssystems, in der Alte mit Hockergymnastik in Bewegung und mit Soulfood wie Leberwurstbroten und grünem Wackelpudding in Vanille-Sauce bei Laune gehalten werden? Es geht immer darum, was man (?) draus macht. **

Hat der Mann auf der Couch auch der Reha-Psychologin gut zugehört? Dem Oberarzt, der die Anzugsweste trug, ohne Jacket, zum Rauchen immer das Gebäude verließ und sich unter einem Regenschutz im Garten versteckte, und sich aufs neurolinguistische Programmieren verstand, wenn er nach 45 Minuten Gespräch die Diagnose stellte, der MAC sei gut im Durchhalten, aber nicht im Aushalten, und tapfer, aber nicht mutig. Er höre beim MAC immer nur „Ich muss, ich muss“, dabei sei er doch längst im Alter, in dem er gelernt haben müsste, der inneren Zwangsstimme ein „Ich muss nicht, ich muss nicht“, vielleicht „Ich muss nicht mehr“ entgegenzuhalten, also im Prinzip die Eier (ich meine: den Mut) haben, den Anforderungen des Vaters, des Über-Ichs, egal, wie wir es nennen, dem eben, ein NEIN entgegenzu – schmettern, laut, klar, deutlich, nicht vernuschelt, nicht mit belegter Stimme, kaum zu hören. Die Patienten mit diesem Profil, wie der Oberarzt es nannte, und mit dieser Schwäche, hätten, das zeige eine Studie der Universitätsklinik Eppendorf, das höchste Risiko zu Schmerzpatienten zu werden und schwer zu erkranken. Ich muss nicht! Gilt auch für diesen Blog, oder nicht?

Entleert der Koitus das Gehirn?

Literatur oder Leben? MAC oder ich? Fiktion oder Autobiographie? Übrigens gab auch mein Hero David Foster Wallace in einer Rehab seinem Schreiben einen entscheidenden Schub, nach einem depressiven Absturz in Harvard verbrachte er 1987 ein halbes Jahr im Granada House, einem Reha Zentrum im Bostoner Stadtteil Brighton für Süchtige im Entzug, um danach in schneller Abfolge einige seiner größten Essays zu schreiben. Aber, ich gebe es zu, die Bückeberg-Klinik ist nicht das Granada House und auch nicht Davos von Thomas Mann, und die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass die leichte Anhöhe, auf der die Klink steht, der Bückeberg (?), man weiß es nicht, zu meinem Zauberberg wird. Uff, immer die Big Names. Könnte ja auch sagen: ICH MUSS NICHT, da hinauf, aber ginge diese Demut jetzt schon durch als Ausdruck einer Abkehr vom Größenwahn (der sich immer als Attitüde verkleidet, in Wirklichkeit ist er echt, wer sagt das jetzt wieder?). Läuterung, Demut, Scheitern, sich um Vergebung bemühen oder darum bitten, vielleicht funktioniert die ganze katholischen Scheisse nicht mehr. Kirche ist doch Sünde heute.

Im Beichtstuhl sagte ich als Kind: „Ich habe gelogen.“

„Wie hast Du denn gelogen, worum ist es gegangen?“, fragte der Pfarrer durch das Gitterfenster.

„Ich habe meiner Mutter gesagt, ich habe onaniert, dabei habe ich es gar nicht getan.“

Pornographie. Als ich mit einer Feministin über „Mann auf der Couch“ spreche, sage ich, in einer neuen Version würde ich die Pornostellen weglassen. „Warum?“ sagt sie. Entleert der Koitus das Gehirn? Das glaube ich allerdings wirklich, und es ist großartig.

What´s the story? Morning Glory

Das denke ich jeden Morgen, es ist der Titel eines millionenfach verkauften Albums der britischen Band „Oasis“. Warum denke ich das jeden Morgen? ***

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Foto: Michael Hopp

Noch mehr Orientierung: Karl Marx und die Rockmusik

Helmut Salzinger  (1935 – 1993) war ein deutscher Autor und Musikkritiker und Schriftsteller, der 1972 mit „Rock Power“ im Fischer Taschenbuch Verlag einen Best- und Longseller hatte. Der Band war die erste „Rock Anthologie“, der noch viele weitere folgen sollten, vor allem aber ist er aus einem radikal linken Blickwinkel geschrieben und feiert die Rockkultur als eine des Aufstands, was sich durch viele Songtexte der damaligen Zeit auch belegen lässt. Um mit dem Buch auch die Linken anzusprechen, ließ Salzinger ein Marx-Zitat auf den Rückumschlag drucken, das wir beim MASCH-Kapital-Lesekreis in Hamburg auch besprachen.

Ich konnte nicht umhin, darauf hinzuweisen – das fanden dann doch die meisten lustig, aber nicht so wie ich.

„Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt. Um ihn hervorzubringen, bedarf es einer bestimmten Art produktiver Tätigkeit. Sie ist bestimmt durch ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat. Die Arbeit, deren Nützlichkeit sich so im Gebrauchswert ihres Produkts oder drin darstellt, daß ihr Produkt ein Gebrauchswert ist, nennen wir kurzweg nützliche Arbeit. Unter diesem Gesichtspunkt wird sie stets betrachtet mit ihrem Bezug auf den Nutzeffekt.“ ****


* MAC und Forrest Gump: Ein treuer und damit geliebter Fan von „Mann auf der Couch“ und diesem Blog zeigte sich begeistert von dem Robert-Menasse-Abschnitt in der Folge „Die Märchen, die wir uns erzählen“ und darin von der schon im Buch beschriebenen Begegnung im Wiener Café Sperl, in dem ich als vermeintlich erfolgreicher Chefredakteur „in Deutschland“ auftrete und mich von ihm, dem werdenden großen Schriftsteller, dafür verhöhnen lasse – diese Scham aber ganz offen beschreibe. „Wer wird denn je Robert Menasse lieben?“, fragte der Leser, „aber diesen Mann auf der Couch, wenn er so sympathisch damit umgeht, den werden alle lieben, das hat ja nicht nur Forrest Gump gezeigt, wie sympathisch scheitern sein kann.“ Forrest Gump. Ich kenne den Film gar nicht. Aber die Idee des sympathischen Losers leuchtet mir ein. Im Prinzip bin ich an allem gescheitert, könnte man so sehen – dafür aber auch richtig geliebt zu werden, das wäre doch was! „Aber nicht mehr als 120 – 200 Seiten“, sagt der Leser noch, „oder wie dick sind diese Strunk-Bücher?“ Ich brauche gar nichts Neues zu schreiben, einfach das „Mann auf der Couch-Monstrum“ kürzen, die Redundanzen raus, weniger Kindheit, weniger Psycho & Porno, mehr „Story“, wahrscheinlich meint er die Karriere in den Medien. „Der Character muss klar werden, Michael“, sagt er noch, „dann läuft das auch!“  Forrest Hopp. Nicht alles raushauen, nur manches, gut ausgewählt. Persona oder Character, so ähnlich.

** Magisches und Denken: Die MAC-Verlegerin Nora Sdun meinte, nachdem sie mich auch im persönlichen Umgang erlebt hätte, ich sei ein „Meister des Magischen Denkens“ und solle einmal darüber was schreiben. Sie meinte damit, ich hätte die Kraft, mir Dinge, die überhaupt nicht gegeben sind, so stark einzubilden, dass sie für mich und in gewissem Ausmass auch für andere real existierend werden. Bedeutet, wenn ich mir nach der Reha nur fest genug einbilde, sie hätte mich umfassend geheilt – dann wird das auch so sein. Noch mehr gilt das, wenn ich diese Einbildungen auch aufschreibe. Dann werden sie auf jeden Fall wahr. Welches Genre ist das dann?

*** Kokain und Morgenlatte: Wie haben Oasis das gemeint? In der Textexegese ergibt sich, dass „Morning Glory“ die Einsicht bedeutet, dass Drogen wie Kokain dem Erfolg hinderlich sind und das Leben zerstören können und der Morgenglanz ist das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man die Droge hinter sich gelassen hat. „Morning Glory“ bedeutet aber auch die morgendliche Erektion bei jüngeren Männern, die mit nachlassendem Testosteron-Spiegel vergeht und nicht mehr auftritt. Bei mir ist das bereits der Fall. Ist das eine Story? Ja.

**** Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Erster Abschnitt, Erstes Kapitel, Seite 9. Im Verlag J.H.W. Dietz Nachf., G.m.b.H., Berlin, 1928

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