Warum ich eine Fortsetzung plane. Was dagegen?

„Hallo, Michael … was treibst Du denn so?“ Uff, mit der Frage habe ich gerade nicht gerechnet und sie ist auch immer schwerer zu beantworten. Warum?

Also. Seit ein paar Monaten wohne ich in der Agentur. Kein Geld für eine Wohnung. Kein Mensch, der mit mir zusammenleben will. Frühmorgens gehe ich oft runter ins Café Caravela an der Langen Reihe. Ich muss raus, bevor die Agentur losgeht, einen anderen Film einlegen. Wir sind nur mehr ganz wenige, aber selbst für die müssen ich und die Räume in einen anderen Modus kommen.

An einem Tag im Herbst sitzt ein bekannter Hamburger Künstler da, ich stehe noch um den Galao an, heute kein Nata, danke. Ich tue so, als kennen wir uns nicht, na klar. Los geht das Männertheater: Blickkontakt aufnehmen oder nicht, grüßen oder nicht, und weil ich so früh am Tag noch fit bin, gebe ich mir einen Schub und sage: „Hallo, Vorname“ (Ihr seht, ich bin vorsichtiger geworden mit der Nennung von falschen oder richtigen Namen. Auch ich bin lernfähig!) und der Künstler erkennt mich auch, Gottseidank! Und er kennt meinen Namen!

Es jetzt mal anders machen

Um an dieser Stelle der sich anbahnenden Konversation einem quälenden Hin und Her zu entgehen, folge ich der Eingebung, es jetzt mal anders zu machen. Nicht wie sonst, abwägend, unentschlossen, am Ende schlechtes Timing …  Was jetzt drei Zeilen weiter kommt, hat vorher nicht auf meiner Zunge gelegen, eher ist es dahin gesuppt in der Neurogastritik des Magens, aus der es sich wie eine Lavablase, wie ein Rülpser entlädt, ein kurzes, fast bellendes, nicht zu unterdrückendes Ausstoßen:

„MAC 2!“*

Die Fragezeichen in den Augen des Künstlers bauen sich träge auf, verraten, nüchtern betrachtet, noch keine besondere Erregung. Da ich nicht davon ausgehen kann, dass der Künstler das öffentlich bisher nur in Social Media-Posts verwendete Kürzel MAC für Mann auf der Couch sofort dechiffrieren kann, schiebe ich nach: „Mann auf der Couch. MAC. Du weißt, mein Buch. Hatte ich Dir geschickt.“ (Und war sturzbeleidigt gewesen, weil ich nie eine Antwort bekommen habe, aber das soll jetzt hier nicht beleidigt rüberkommen!)

„Ja, klar, Mann auf der Couch“, sagt der Künstler, noch mit Sandmännchen in den Augen. Ich könnte ihm um den Hals fallen für so viel Empathie und Fantum.

„Zweiter Teil, was soll ich sonst machen“, höre ich mich jetzt sagen.

Pause. „Ja klar, zweiter Teil“, sagt der Künstler, „Mann auf der Couch, das ist ein guter Titel, funktioniert auch als so eine Art Marke. Wie Winnetou und Winnetou II, das hat ja auch funktioniert.“  Ich: „Hat ja auch funktioniert.“ Die Verabschiedung erfolgt dann zwinkernd kopfnickend ohne Worte. Ich balanciere das brennheisse Galao-Glas (die spinnen, die Portugiesen!) zu einem Platz drei Tische weiter und starre aufs Handy, vermeide jeden weiteren Blickkontakt, mit allen.

karl may winnetou ii schneider
Illustration: Sascha Schneider

Nach dem dritten Band ist dann Schluss. Muss nicht sein!

MAC 2. Wie Winnetou II. Die Modernisierung liegt allein schon in der Wahl der Ziffern. Römisch, nee, zu imperialistisch. Arabisch – yeah, Aufstand!  Damit war der Groschen gefallen in das rote Trinkgeld-Sparschweinchen des Café Caravela. Nicht, dass die Idee so originell wäre, sie ist aber so … BAAAAMMM, wie Olaf Scholz es sagen würde, oder sagt er: WUMMMMS?! Und die Idee ist kommerziell gedacht! WINWIN, absolut!  Die Leserschaft des dann „ersten Bands“ wird wieder kaufen, schon aus Mitleid, ist doch ein gutes Motiv, einen Zwanni zu schicken, oder aus Neugier: Reißt er sich jetzt ein wenig zusammen? Und wenn ich mehr Werbung mache als das letzte Mal, kommen noch ein paar neue Fans dazu. Und dann erscheint schon MAC 3 am Horizont, das ist der, in dem Winnetou stirbt. Aber in „Old Surehand“ gleich wieder aufersteht. Cool. Das könnte ich mir für mich auch gut vorstellen.

Vom Deutschen Wald in den Lalano Estacado

Trägt der Winnetou-Vergleich denn weiter, ist er mehr als ein Gag? 1870 war der erste Band erschienen, noch als Winnetou, der rote Gentleman. Kein Riesenerfolg zunächst, aber alle Beteiligten dachten, da sei was dran, Indianer-Geschichten waren gerade angesagt, hier habe man eine gute Figur, hier wolle man anknüpfen. Da May als Autor von Fortsetzungsromanen in illustrierten Blättern begonnen hatte, war für ihn und seine Verleger das Denken in Fortsetzungen (die genauso in die Zukunft wie in die Vergangenheit erzählt werden können) genauso geläufig wie heute für George Lucas, Disney, Marvel oder die Serienwelt bei Netflix.

Doch Karl May hatte ein Problem, ihm fehlte der Stoff für einen zweiten Teil. Ja, ein zweiter Teil müsse her, klagte er, aber er habe kein Geld, nach Amerika zu fahren, wie solle er denn Eindrücke sammeln, sich inspirieren? Am Ende blieb ihm nichts anderes übrig, als Winnetou II aus bereits geschriebenen Erzählungen für Illustrierte wie „Der gute Kamerad“ oder „Spemanns Illustrierte Knabenzeitung“ wild zusammenzubauen, die Stories aus dem Deutschen Wald in den Lalano Estacado zu transferieren und Winnetou und Old Shatterhand mit der Brechstange einzufügen, ihre treudeutschen Charaktere verbergend. Mit Winnetou III tat sich May dann schon leichter, das zentrale Motiv von Winnetous Tod ließ sich linear ansteuern und ein effektvoller Schluss war von vornherein gegeben.**

MAC sind 21 Bücher + Reha-B

Einfach weitermachen. Mit dem, was man ist und hat und kann. Was ich bin, und ich kann. (Mit dem Schritt vom Ich zum Man und zurück und/oder zu etwas Drittem beschäftigen wir (!) uns gleich auch noch.) Aber einfach ist das Einfach-Weitermachen natürlich nicht. Wäre damit gemeint, einfach weiterzuerzählen, das Buch endet 2020, also die Jahre danach? Ein Ansatz könnte sein mit der Reha-Kur einzusteigen, die ich jetzt gemacht habe, unter anderem um meine Tablettensucht loszuwerden. Reha-B, klar ist Rehab mitgemeint.***

Ja, es gab Leute, die haben sich das ganze Konvolut reingezogen, sagten sie zumindest, zum Beispiel ein damals am Ende der Ausbildung stehender Psychoanalytiker in München, in zwei Nächten, am Handy, mit einem neugeborenen Kind im dunklen Schlafzimmer. Ob ich überlegt hätte, fragte er, was das für meine Kinder bedeute, den Vater hier so komplett entblößt zu sehen. Und er meinte, das Ende sei so plötzlich, man wisse gerne, wie es weitergehe, er jedenfalls hätte noch weitergelesen. Aber wollenwürden das auch andere? Wollen wirklich viele wissen, wie es jetzt weitergeht, mit dem Mann auf der Couch? Egal. Ich (!) musste es jetzt erfahren, wie es weiterging. Aber will ich das wirklich wieder nacherzählen, nahe an der Realität? Oder lieber doch ein Stück ins Fiktionale weiterdrehen, in Richtung Happy End? NO! Das wäre unglaubwürdig. Weitererzählen, nacherzählen, das schon Erzählte neu erzählen? Nochmal, nochmal anders, bis es wirklich ein Roman ist? Das sind so Fragen, die sich stellen, wenn man sagt: MAC 2.


* MAC und die Winnetou-Melodie: MAC, diese mythische Kombination von drei Zeichen, die Markenpower von zwei Markengiganten addiert, potenziert, die mein überfüttertes, fast schon gemästetes und dann doch klein gebliebenes Büchlein auf den Schwingen der Bekanntheit huckepack nehmen sollte, jaja, in ungeahnte Höhen, Breiten, Tiefen, wo alles groß ist, geil, mega oder viel, oder zumindest fett, wie „Mann auf der Couch“ selbst ja auch, fast 700 Seiten, eine tolle Bildstrecke, 20 Euro, da bekommt man auch was für sein Geld, das Maxi Menü unter den Büchern. Der MAC ist da. Packshot. Sound: Ein Synthie-Ohhhm in 120 Dezibel.  Der Sound des Dolby-Spots im Kino aus 12 Meter hohen Lautsprecherwänden, die hinter der Kinoleinwand lauern. Die Spots hatte ich schon fertig, im Kopf. Sound: Na ja, siehe unten, vielleicht tut es auch die Winnetou-Kennmelodie, das Ribanna-Lied …

**Ablagen, Daten und privates Zeugs: Gebe zu, die Winnetou II–Analogie reicht nicht meilenweit. Am ehesten gleicht sie der Idee von Nora Sdun, meiner Verlegerin, auf Mann auf der Couch eine Art Reste-Rampe folgen zu lassen, einen Reaktions- und Materialienband. Legendär: Auf den 60er-Jahre Bestseller von A.S. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung folgte Das Prinzip Summerhill: Fragen und Antworten. Was ich ausdrücken will: Dass man als Autor in der Wahl der Mittel ziemlich frei ist, wenn man einmal den Entschluss gefasst hat, oder einfach nicht anders kann, als eine große Idee weiterzuspinnen. Dazu kommt, dass ich, damit der erste MAC entstehen konnte, Unmengen an Materialien und später Daten aufgehäuft habe, von denen nur ein kleiner Teil den Weg ins Buch gefunden hat, wie etwa die Fotostrecke am Schluss. Für einen weiteren Band bieten sich als Quellen auch tausende, in der Zwischenzeit entstandene WhatsApp-Nachrichten an, die eine dramatische Phase in den letzten drei Jahren dokumentieren, in dem der Messenger-Dienst zu meinem Hauptkommunikationskanal geworden war. Die MAC-Ordner auf meinem Rechner und die Ablagen in den Regalen sind auch sowas wie ein Content Hub, vollgeknallt mit privatem Zeugs und Schmuddelkram. Der eine macht ein Buch draus, der andere wirft es weg.

*** Fakten und Mutmaßungen: Mann auf der Couch hat 656 Seiten, gegliedert in 21 deutlich getrennte Kapitel, inhaltlich wie formal ein fettes Ding (so sollte es ja auch sein, fett), eventuell etwas aus der Zeit gefallen, guckt man auf die Lesegewohnheiten heute (obwohl, es gibt auch die weltweite Szene der dicken, von der Online-Recherche aufgeblähten Romane) und auf die Papierpreise. Die Kapitel hätten jedes für sich für ein eigenes, kleines Bändchen gereicht: „Mutter“, „Vater“, „Vorgeschichte“, „Ablöse“ und so weiter, und so fort. Wie die Wilhelm-Schmid-Gelassenheits-Bändchen bei Suhrkamp, die neben jeder Ladenkasse lagen, das Das hier ist Wasser-Mini-Paperback von David Foster Wallace oder die Die Jahre-/Die Scham-/Das Ereignis-Reihe von Annie Ernaux. Der gleiche Text, ja, aber in einer anderen Publikations-Strategie. Das hätte aber nichts daran geändert, dass der Text, insofern er Nacherzählung meines Lebens ist, ziemlich abrupt im Jahr 2020 endet, als mich Eva verlässt, mit der ich zwei Töchter habe und die Content Marketing Agentur hatte.

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