Reha-B

Hey, und uff. Bin hier auf Kur. Mit sehr vielen, sehr alten, sehr gebrechlichen Menschen, oder: einer von. 15 Minuten vor Öffnung der elektrischen Schiebetüren des „Restaurants“ sammeln sich die ersten. Gehstöcke, Rollatoren, Rollstühle. Die Oberkörper immer leicht nach vorne, nur im Rollstuhl aufrecht. Dazwischen Helfer:innen, die gucken, dass alle weiterkommen, niemand umfällt bei der Handdesinfektion. Punkt halb öffnet sich die Schiebetür und der Pulk beginnt sich hineinzuschieben, hineinzuschleifen. Drinnen wieder Helfer:innen, die am Buffet dabei unterstützen, Butterschnitze und Leberwurstscheiben auf Teller zu bugsieren, damit nichts runterfällt. Jeden Tag denke ich an die Bilder aus „Ben Hur“, William Wylers Bibelfilm in 70 mm. Eine gebückte, geduckt vor sich hinschiebende Menge, vorne dran, gebeugt unter der Last des Kreuzes,  Jesus Christus, auf den all die Last abgeladen werden soll. Damals auch Lepra-Kranke in der Prozession der Gepeinigten, mehr als 2000 Jahre später verneigen sich die Körper der Alten vor einer anderen Seuche.

Liebe ist der einzige Weg

Anfangs ekelte ich mich  und ich dachte, ich sei besser, fitter, gehöre nicht hierher, bekäme ihn noch hoch, naja. Jetzt, nach drei Wochen, liebe ich alle, jeden einzelnen. LOVE. Es ist der einzige Weg. Ich habe ihn gefunden. Frühstück, Mittag, Abendbrot, immer, wenn die Schiebetüren aufgehen wie ein Vorhang, höre ich die Marseillaise am Beginn des Songs „All You Need is Love.“  Und die fröhlichen Trompeten am Ende. Love is all you need. Nur kahle Kopfstellen, die möchte ich nicht ablecken.

Ich sagen, ohne „ich“ zu sagen

Wer über MAC nachdenkt, kommt um das Thema „Ego“-Schreibe nicht herum. Die Ich-Form. Erste Person. Das AUTO im Genre Autofiktion. Meine „Kriege ihn hoch“-Schreibe. Für MAC-Feinde, die den ersten Band schon nicht mochten, ist MAC II eine Kampfansage. Hat der Mann denn nichts anderes im Kopf als sich selbst? Die Psychoanalytikerin war doch schon tot am Ende des ersten Teils. Was soll denn da noch Neues kommen? Vor allem: Wir haben heute Corona, Krieg in der Ukraine, Klimakrise, Energiekrise, Wirtschaftskrise, Wohnungskrise. Da brauchen wir keine Ergüsse eines Mannes in der Egokrise. 

Es stimmt, beim ersten Band (Wie leicht mir diese Formulierung von der Zunge geht!) hatten sich manche Leser genervt gezeigt von der exzessiven Verwendung des Pronomens Ich („Das wollen wir alles gar nicht wissen. Vor allem nicht die ekelhaften Details.“), andere fanden es ganz toll und „mutig“ und lobten, dass so viel „miterzählt“ sei, über die Psychoanalyse, die linke Bewegung, die Alternativzeit, die Medien, die Musik … Aber immer alles „Ich“, muss das sein? Andere wieder fragten sich, warum „Roman“ auf dem Buchdeckel steht, da es sich doch viel eher um eine Autobiographie handele, während die, die keine formalen Vorbehalte hatten, sondern ganz direkt auf den Inhalt schossen, nach der Lektüre von „Mann auf der Couch“ der Meinung waren, meine Psychoanalyse und mein Leben seien, nun ja, gescheitert, und sich daran in ihren Buchrezensionen weideten. Einzelne schrieben E-Mails an mich, in einem sehr besorgten Ton. War es das, was ich hatte erreichen wollen, Mitleid? Weise, aber auch herablassend urteilte Walter Gröbchen im „Wiener“: „Die Insignien des Literaturbetriebs sind hier müßig.“

kur essen
Foto: Michael Hopp

In Teufels Küche

Meine Kinder lasen das Buch entweder nicht, oder es war ihnen unangenehm, darin genannt zu werden, wenn auch unter falschen Namen, und als Leser eines Textes ihres Vaters mit teils pornografisch beschriebenen Beziehungsgeschichten konfrontiert zu werden oder wilden Episoden in öffentlichen Toiletten während seiner homosexuellen Phase. Ein männlicher Feminist und Autor hatte keine Probleme mit dem Wahrheitsgehalt der Geschichten, sondern fand sich abgestoßen von einem unerträglichen Sexismus, die das Buch an vielen Stellen zeige, eine Haltung, an Frauen nur dann interessiert zu sein, wenn sie nützlich sind – im Bett, zum Kinderkriegen oder um mit der Karriere weiterzukommen. Habe ich Dich richtig nacherzählt, Kai Rehländer?

Die Beschwerden und Sorgen, die „Mann auf der Couch“ ausgelöst hatten, berührten mich (berührten mich ehrlich, waren mir nicht egal, ich fühlte mich schlecht). Den Menschen in meinem Leben, die sich durch Art, wie sie in „Mann auf der Couch“ beschrieben waren, verletzt vorkamen, war es auch ganz gleich, ob MAC nun Roman, autobiographischer Roman, autofiktional oder was immer sei, auch die Tarnung mit falschen Namen half nicht. Sie fühlten sich auf der persönlichen Ebene angegriffen, dass ich, Papi, Michael oder Michael Hopp, es im Moment des Schreibens offenbar so empfunden habe. Und wenn schon, es nachher nicht rausgestrichen. Das lässt sich mit einer Diskussion über Genres der Literatur nicht reparieren. Gleichzeitig zeigten die privaten Reaktionen oder von Kollegen, ganz gleich, ob sie mich persönlich erreichten oder über mehrere Ecken, wie schwer die Diskussion über „was ist wahr und was nicht“ zu führen ist: Manche Stellen im Buch „stimmen zwar“, „aber so nicht“, manches sei zwar „irgendwie wahr“, aber vom jeweiligen negativ Berührten anders empfunden worden. *  

Was stimmt hier und was nicht?

Für mich selber funktionierte die Berufung auf das gerade ohnehin angesagte Genre „Autofiktion“ ganz gut, es gelang mir damit, die Resonanz auf das Buch in eine Richtung zu lenken, dem Michael geht’s gar nicht so schlecht, der übertreibt nur, weiß doch keiner, was hier stimmt und was nicht. Ich ließ das dann auch wieder und besann mich – eigentlich naheliegend, warum habe ich das nicht gleich verstanden? – auf die schon durch das Design des Titels demonstrierte Überheblichkeit, das Ding einfach durch plakative Benennung, Beschriftung, Behauptung zu einem Roman zu machen. „Hast Du nicht gesehen“, sagte ich, „das ist ein Roman – wer sagt denn, dass da alles stimmen muss?“ Augenzwinkern. Der größtmögliche Schutzschirm, den die Behauptung „Roman“ bietet, ließ sich auch  ironisch einsetzen – bei denen, die mich so gut kannten, dass sie wussten, dass in dem Buch mehr stimmt, als mir selber recht sein kann.

Die Entscheidung, den Text als Roman zu verkaufen, traf übrigens Art Director Christoph Steinegger ganz alleine. Als das Titelmotiv gefunden war, ging er an die Gestaltung und weil er als Text dafür zu dem Zeitpunkt nicht mehr als die Zeile „Mann auf der Couch“ hatte, setzte er rechts unten in der gleichen Schriftgrösse ein „Roman“ drauf, zunächst nur als besseren Blindtext – visuell gedacht, im Sinn von Aus- und Ansage, Klarheit. Autofiktion ist ja kein Wort, mit dem man mit Design viel machen kann, „Roman“ dagegen schon … schön typographiert strahlt es sofort die Macht der Behauptung aus und ragt hoch aus der Zeit. Man muss kein neues Genre begründen damit, vielleicht ließe sich der großkotzige Auftritt von MAC – in allem, in der Haptik, in der Sprache, in der Maßlosigkeit, in der rosenkranzmäßigen Redundanz, bis die Knie bluten, am ehesten damit beschreiben: Behauptete Wirklichkeit. **



* Kunst und Leben: „Eines sage ich Dir, Süße“, schloß Cathrin an, „wenn Du Kunst und Leben verwechseln solltest, kommst du in Teufels Küche – und da nie wieder raus, aus dieser Verwirrung. Überleg’s dir bitte, wirklich.“ Aus: Thomas Melle, Das leichte Leben, Kiepenheuer & Witsch, 2022

** Druck und Macht: Wer Wirklichkeit sagt, beansprucht Macht und hat sie in dem Moment. Kann sie aber auch gleich wieder verlieren. Nebengedanke: Außer – sie ist gedruckt. Dann hält sie länger, die Macht. Dachte ich. Doch junge Forscher und Intellektuelle sagen heute: Sie lesen nur in Echtzeit im Internet. Alles was gedruckt zugänglich ist, ist schon alt. Weiß ich nicht. Sicherheitshalber ist MAC erstmal ein Blog. Und wenn Behauptetes Macht ausübt, können Behauptungen auch schon einem Missbrauch gleichkommen. Über MAC wurde auch gesagt, darin stünden Sachen, die heute einfach „nicht mehr gingen“.

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