Ihr fragt Euch sicher, wie es so ist, fernab am Friedrichshof zu leben? In der neuen Kolumne im Rahmen des MAC Blog sollt ihr es erfahren
Wann kommt Ilonka? Der Nachbar weiß es auch nicht. Niemand weiß es. Der Nachbar wartet auch nicht, er kultiviert Calendula, Zitrone Melisse, Heiligenkraut, Arnika, Salbei, Minze, Basilikum, Dill, Fenchel und Bohnenkraut, Beifuß, Kerbel, und Petersilie im Grün hinter der Hauszeile, in der unser Atelier liegt. Es ist die Nr. 5.
Die Aufzählung habe ich von Henni, mit der ich hier lebe, sie merkt sich sowas. Der Nachbar erklärt ihr jeden Tag mehr von der Botanik des Friedrichshofs. Er ist ein guter, ein großartiger Lehrer, der geduldig darüber hinwegsieht, wenn man am nächsten Tag schon wieder alles vergessen hat. Was mehr bei mir passiert.
Noch mehr Botanisches erfahren wir von Amelia im Gemeinschaftsgarten des Friedrichshof. Amelia ist Sprecherin der Gartengemeinschaft und ehemalige Kommunardin. Auch sie erklärt gerne und findet immer Zuhörer und Zuhörerinnen. Dieses Jahr die Trockenheit, da kommt man mit den Wassersäcken und der provisorischen Bewässerung der Anlage nicht mehr hinterher. Wird es wieder, wie es war? Eher nicht.
Der Gemeinschaftsgarten ist ein bedrohtes Paradies, aber auch ein Verein. Man kann sich eine Parzelle zuweisen lassen, um sie ein Eigenregie zu bebauen. Auch mit anderen, in Gemeinschaft. Hier treffen wir auch die Künstlerin Terese Schulmeister beim Ackern, ein großer Name der historischen Kommune. Einige Kommunarden der ersten Generation leben noch hier.
Am Rückweg durch den Laubwald erzähle ich Henni eine Anekdote, von der ich selber nicht weiß, ob sie stimmt. Als Teresas Vater, Otto Schulmeister, katholisch-konservativer Chefredakteur der Industriellenzeitung „Die Presse“, einst den Friedrichshof besucht und da den anderen Otto getroffen hatte, Otto Muehl, den Mann, an den er seine Tochter verloren hatte, hieß es danach, die beiden Ottos hätten sich auf Anhieb gut verstanden. Naja, wieso nicht, würde man heute vielleicht sagen, alte, weiße Männer. Es war die Zeit in den frühen 80ern, als die Kommune am Friedrichshof hervorragend da stand, auch wirtschaftlich. 300 Menschen lebten alleine am Friedrichshof, der nur ein Standort war, davon 80 Kinder. Otto Muehl war damals der zweitbekannteste Österreicher.
Als ich mit meiner Story am Ende bin, taucht Ilonka auf, am Platz hinter der Schule, vor den Malerateliers. Plötzlich ist sie da, wie aus dem Nichts. Die junge, dunkelhaarige Frau, die immer raucht, eine gepflegte, modische Erscheinung. Jeden Tag trägt sie etwas anderes, das ihrer schlanken, fast dünnen Figur entspricht.
Die ersten Begegnungen verliefen unsicher, ängstlich, jetzt ist das Grüßen schon gewohnter. Ilonka ist immer allein, immer, das trägt zu ihrer besonderen Erscheinung bei. Und sie macht jeden Tag Spaziergänge, entschlossenen Schritts. Tritt mit grüner Hose und weißer Bluse durchs Tor auf die Straße, entweder um einen kleinen Spaziergang zu machen, oder um den Bus zu nehmen, der zwei Mal am Tag von Zurndorf zum Friedrichshof fährt.
Was für ein Leben Ilonka vor dem Friedrichshof gehabt hatte? Wo sie wohl wohnen mag? Wir haben sie noch nie aus einem Haus kommen oder in ein Haus gehen gesehen. Lebt sie in einer der kleineren Wohnungen im Lilli-Bau (benannt nach einer von Muehls Töchtern) – inmitten all ihrer Klamotten? Während wir uns noch, jeder für sich, Geschichten ausmalen, ist Ilonka schon wieder weg.
Anm.: Die Namen der vorkommenden Personen sind zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte teilweise geändert. Das gewählte Pseudonym Ilonka ist eine vor allem im Osten vorkommende Form von Helene, „Die Strahlende“
