Nur die Sonne ist Zeuge – „Brief vom Friedrichshof“, Folge 5

Der Brief. Brief ist es ja gar keiner, hat keine Anrede. Müsste nicht „Liebe Mitzitante“  (hier verrät sich der Wiener, haha) darüber stehen? Ev. verbirgt (oder offenbart) sich hier ein Konzept-Problem. An wen richtet sich der Brief eigentlich? Die heutigen Bewohner?  Die „Öffentlichkeit“? Welche? Das Bürgermeisteramt in Zurndorf? Die Kunst & Investoren-Welt in Wien? Oder eine größere, perspektivisch internationale Gemeinschaft, die sich in Zeiten unbezahlbarer Mieten für neue Wohn- und Lebensformen interessiert?

Die Frage nach der „Zielgruppe“ kann ich nicht recht beantworten, wir bewegen uns hier auch nicht im kommerziellen Bereich. Der Brief ist noch ein kleines Pflänzlein, dass sich wie die Tomaten im Gemeinschaftsgarten an dieser oder jener Leiter hochwurschteln kann. Heute aber hat der Brief zumindest eine „Richtung“, denn er wird nicht vom Friedrichshof geschrieben, sondern aus Hamburg, wo ich mich gerade für ein paar Tage für die bezahlte Arbeit aufhalte, und um die Indiecon zu besuchen, eine internationale „Messe“ von unabhängigen Kleinverlagen, die sich hier vernetzen und dem Hamburger Publikum ihre Produktion präsentieren. Es kommen tausende Leute, in die pittoreske, leerstehende, teils grün bewachsene alte Gleishalle im Oberhafen.

Der Friedrichshof ist hier nicht Tagesthema, aber doch bekannt. Das zeigt sich im Gespräch mit Oliver, dem Gründer  des Hamburger Adocs Verlags, der den Schwerpunkt Architektur und Soziales in Theorie und Praxis hat. Oliver ist top-informiert über den Friedrichshof und verweist sofort auf eine Liste von Publikationen und Referenzen und zeigt damit lässig eine Expertise, die ihn für den erlesenen Kreis der Friedrichshof-„Geheimniskrämer“ qualifiziert, wie ich ihn letzte Woche beschrieben habe.

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Foto: Henni Fischer

Das war ein leichtes Gespräch, andere waren komplizierter. Da diese Indiecon die erste ist, an der  ich nach meinem Umzug auf den Friedrichshof teilnehme, muss oder will ich immer wieder erklären, was dieser Friedrichshof überhaupt ist, und nicht nur Leuten wie Oliver,  sondern auch solchen, die noch nie davon gehört haben. Dazu kommt, auch das Burgenland ist nicht weltberühmt,  zum Unterschied von Wien, das keinen Erklärungsbedarf erzeugt.

Oft schon sind mir diese Schilderungen daneben gegangen. Wenn man alles auf einmal darzustellen versucht, hat man schon verloren. „Also, der Friedrichshof ist eine Wohnbaugenossenschaft, circa 300 Leute leben hier, in ganz unterschiedlichen Objekten, von kleiner Sozialwohnung bis Studio und Atelier, auch eine Schule gibt es hier und einen See und einen Biogmeinschaftsgarten und Sportplätze, viele Künstler leben hier – und auch noch Kommunarden der ersten Generation, denn der Friedrichshof war in den 70er und 80er Jahren das Hauptqqaurter einer damals bekannten Kommune, die mit freier Sexualität experimentiert hat, was dann aber nicht so gut ausgangen ist … Im Prinzip ist das ganze so eine Mischung aus Gated Community und Reha und Therapieeinrichtung. Übrigens gibt es 2027 eine Aussstellung des Kommunegründers Otto Muehl in Wien, und im übernächsten vielleicht auch, dann über die Kommune selbst … Und gelegen ist das ganz nahe der ungarischen Grenze, auf der Parndorfer Heide, im Übergang zur ungarischen Puszta. – Steppe also mehr oder weniger, so kann man sich das vorstellen,  vertrockneter Mais – eine der trockensten Gegenden Europas und im Sommer, keine Bäume, so heiß, dass man nicht mehr denken kann, das wird mit dem Klimawandel nicht besser …“.

Wer  (ich!) das so anlegt , hat keine guten Karten, viel zu lange, viel zu vielschichtig und kompliziert, schon am Anfang, bei der Vielfalt der Wohnobjekte, fühlt sich das Gegenüber überfordert und reagiert mit dem leeren und schon abwesenden Blick, der gescheiterte Kommunikation begleitet. Auf der Indiecon geht das schon gar nicht, wo es laut und ein Geschiebe ist und der monsunartige Starkregen an diesem Samstag Nachmittag wie John Bonham auf das Glasdach trommelt und man mit mehreren Leuten spricht, vielleicht sogar mit vielen. Jetzt sind kurze, knackige, eingängige Formulierungen gefragt, die im besten Fall an der Erlebniswelt des Gesprächspartners anknüpfen – und später abrufbare Bilder, kein Schwall abstrakter Worte.
Gestern bin ich da einen Schritt weitergekommen. Es war eine Eingebung.  Und geht ungefährt so:

„Wo wohnst du jetzt?“

„In Österreich, aber am Land, zwischen Wien und Grenze zu Ungarn.“

„Wieso da?“

„Bin mit meiner neuen Freundin in eine sehr interessante, schon bestehende Landkommune gezogen.“

„Landkommune. Wow. Mutig. Was macht ihr da?“

„Naja, ökologischen Landbau, Rezepte gegen die Trockenheit. Und wir arbeiten an einem Zukunftskonzept, wie der Friedrichshof zu einem Zentrum für zeitgemäße Utopien werden kann, also neue Wohn- und Lebensformen, die vielleicht auch klimafest sind. Das Wort Utopien ist ja schon fast vergessen, das wollen wir wieder in Erinnerung rufen. Übrigens, die Kommune früher hier hat mit freier Sexualität experimentiert. Und mit Kunst.“

„Das sind ja spannende Themen! Da musst Du mir mal mehr erzählen. Kann man dich da besuchen?“

YES! Nightjet der ÖBB, Hamburg-Wien-Hamburg, jeden Tag (Nacht). Preiswert, wenn man langerfristig bucht. Und Hotel haben wir auch da. Hier geht´s lang:
https://www.bahn.de/angebot/international/nachtzug-hamburg-wien

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