Im Dschungel der Geheimniskrämer – „Brief vom Friedrichshof“, Folge 4

Der Titel für diesen Brief ist Henni eingefallen. Er bezeichnet ein Gefühl, das wir häufig am Friedrichshof haben. Wie das? Also, man zieht hier ein (Henni und ich vor einem halben Jahr) und hat schon was im Kopf über den Friedrichshof. Die Kommune war das aufsehenerregendste Projekt ihrer Zeit. Sie ist nicht vergessen,

Niemand kommt zufällig hierher. Vielleicht in den letzten Jahren manche aus der Gegend wegen bezahlbaren Wohnraums. Um den Hof herum sind Einfamilienhäuser entstanden.  Wer aber aus Wien (oder in meinem Fall aus Hamburg) hierherzieht, der hat eine Idee vom Friedrichshof. Und wird schnell auf ähnlich Gestimmte treffen. Die auch eine Idee haben, eine etwas andere vielleicht.

Dann beginnt das Lernen. Es sind Gespräche, die aus Biografien schöpfen.  Wie lange lebst Du schon da? Es gibt Gruppen. Zeugen verschiedener Phasen, Wissende verschiedener Grade. Die kleine, elitäre Gruppe derer, der „Ältestenrat“, die „damals“ schon dabei waren. Sie tragen ihr Wissen mit Würde.

Zwei von ihnen haben mir Interviews gegeben, für meinen Blog. Mein eigener Wissensdurst über die Zeit der Kommune ist aus einem Grund, den ich gar nicht so genau benennen kann, unerschöpflich.  Auch in dem Film, den Henni gerade vorbereitet, und der in der Wiener Filmszene der 70er- und 80er-Jahre spielt, wird vorkommen, welch starken Einfluss die Ideen der „Muehl-Kommune“ damals auf uns hatten. Kleinfamilie? Bäh. Zweierbeziehung, Treue? Ein übles Besitzverhältnis.

Und ich denke mir, Gespräche über den Friedrichshof zu veröffentlichen, kann dazu beitragen, dass Ideen für seine Zukunft entwickelt werden.  Das geht natürlich nur, wenn ein Verhältnis zur Vergangenheit gewonnen wird. Am besten bevor einem eines von außen aufgezwungen wird. Es sollte nicht vergessen werden, Otto Muehl ist schon vor ziemlich langer Zeit ausgezogen hier, am 17. Juni 1991, nicht ganz freiwillig, sein nächster Wohnsitz war ein Gefängnis. Wenn Henni und ich in unserer monogamen Zweierbeziehung mehr streiten als davor, sagen wir: „Das ist der böse Geist vom Otto.“

Die Parndorfer Heide ist eine der trockensten Gegenden Europas, das wird im Klimawandel nicht besser. Oft ist es so heiß hier, dass man kaum denken kann. Wo waren wir? Ach ja, die Gruppen, die es hier gibt. Die, die „immer schon“ da sind. Und die, die erst nach der Kommune hier eingezogen sind, ihr Leben aber auf sehr intensive Art mit dem Friedrichshof verknüpft haben, Künstler, Forscher, Botaniker, Privatgelehrte. Es gibt hier am Friedrichshof tolle Bibliotheken, meine leider noch in Kisten.

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Die Schule am Friedrichshof steht leer, wer weiß? Foto: Henni Fischer

Dann gibt es noch die Leute, die geschäftsführend für die Wohnbaugenossenschaft arbeiten, immerhin leben hier mehr als 300 Menschen. Die, die aus dem „Office“ unterm Castello,  fleissig Newsletter versenden, um Veranstaltungen zu bewerben, die hier stattfinden, ganz brave Sachen (Yoga), nichts Wildes. Über allem schwebt die Eigentümer-Genossenschaft, also jene ca. 300 in ganz Europa verstreuten Ex-Kommunarden, denen der ganze Laden gehört – die zwar nicht mehr hier leben, aber entscheidenden Einfluss haben.

Es gibt es noch andere Menschengruppen hier, möchte sagen „Kasten“, wie die Mitarbeiter der Werkstätten, ich könnte auch, die etwas rätselhafte, eher international geprägte „Factory“ nennen oder die Mitglieder des Gemeinschaftsgarten-Vereins. Die Hausarbeiter sind auf fast utopische Art auch für kleine Reparaturen im Haushalt ansprechbar, nur für den E-Roller der Enkel aus Wien nicht, da fehlt das Werkzeug. Nicht zu vergessen, die Patienten von Pro Mente Burgenland, die hier in voll- und teilbetreute Wohnlösungen leben. Sie haben wahrscheinlich wieder ein anderes Wissen über den Friedrichshof.  

Und Martina und Michael, die mit „Wohnen bei Freunden“ und dem Food-Truck auf der Plaza vorm Castello versuchen, Hotel und Gastronomie wieder ein bisschen anzuschieben, was sicher kein leichtes Unterfangen ist.

Was aber meint Henni mit den „Geheimniskrämern“? Nun, dass alle immer nur ein bisschen was verraten – das meist im Widerspruch steht zu dem „bisschen“, das gerade von wem anderen zu erfahren war. Deshalb auch „Dschungel“ – man verirrt sich leicht. Was aber wäre das „Geheimnis“?  Ich denke, das sind wir selbst.

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