Von Michael Hopp
Obwohl er gleich alt ist, wie wir vor kurzem beim Verabschieden spätabends vorm Bistro des Abaton Kinos festgestellt haben, ist Werner so etwas wie ein väterlicher Freund von mir. „Urgestein“ der Hamburger Autonomen Szene, eine Legende fast schon, der Kontinuität, des Durchhaltens, allein mit dem physischen Kraftakt der Präsenz, FSK-Flyer zu verteilen, bei so gut wie jeder Veranstaltung in Hamburg, egal welcher Größe, oft mehrmals die Woche abends raus, und nachher noch in den Sender.
FSK hat Werner, mit praktisch keinem Geld (aber einer Sendelizenz) zum interessantesten Radiosender Deutschlands gemacht, der für mich, in der Dürre der Steppe, in meiner österreichisch-burgenländischen Karawanserei am Friedrichshof, wie ein Leben spendender Regenfall wirken kann, an langen Samstag Nachmittagen zum Beispiel.
FSK ist übrigens auch Kooperationspartner des ROTEN SALON HAMBURG, die unverzichtbare textem – (und „Mann auf der Couch“-)Verlegerin Nora Sdun veredelt die interessantesten Veranstaltungen zu gut hörbaren Radiosendungen in ihrer Reihe „Lorettas Leselampe“.
Hier nachzuhören am Beispiel des ROTEN SALON HAMBURG mit Heinrich Detering und „Marx und die Ökologie“, eine Veranstaltung, die übrigens auch als ROTER SALON in Wien stattfand: https://www.freie-radios.net/141624
Und zum Titel des Beitrags: T spielen am 27.8. in der Wiener „Arena“.
In Hamburg zur Welt gekommen, in Wien auf Bewährung
Und so schrieb mir Werner, nachdem ich im Blog die Vorschau auf auf den „Roten Herbst“ veröffentlicht hatte, auf die Hamburger Veranstaltungen bis zum Ende des Jahres:
Hi Michael
es ist immer ganz interessant von Dir zu lesen.
Besser wäre, die Beweggründe der Einladungen zu erfahren.
Laß mal n Kaffee trniken.
Gru0
Werner
Die Bewegründe der Veranstaltungen, was meint er damit? Die politischen Motive, dieses oder jenes Buch vorzustellen, den Sinn der ganzen Reihe, wozu das ganze? Wenn ich darüber nachdenke, Danke, Werner, fallen mir interessante Unterschiede zwischen dem Hamburger und dem Wiener Salon (der ja noch ein ganz zartes Pflänzlein ist) auf.
Während der Hamburger Salon, der in der MASCH (Marxistischen Abendschule Hamburg) entstanden ist und von da seinen Weg fand in die von Universität, Bildungsbürgertum und Stadtgesellschaft geprägte Stabi, ja bis ins Ossietzeky-Forum im historischen Lichthof, und sich da guter Anerkennung erfreut, ist der Wiener SALON viel mehr Underground, nicht der Coffe-to-Go-Becher aus dem „Café Carl“, sondern ein frisch gezapftes Krügel Bier aus dem Zapfhahn der „Else“.
Die Entwicklung des ROTEN SALON HAMBURG verlief parallel zum „Sieg“ der MASCH vor dem Verwaltungsgericht Hamburg, in einem Verfahren, in dem sie ihre Gemeinnützigkeit zurück erhielt. die ihr als Ergebnis eine Verfassungsschutz-Beobachtung aberkannt worden war. Seither kann man sagen, dass die Beschäftigung mit dem Marxismus in Hamburg als Bildungsprojekt als „gemeinnützig“ anerkannt ist – d. h. der Marxismus ist in der Gesellschaft wieder angekommen und hat sein Paria-Dasein abgestreift. Daran muss ich immer denken, wenn wir in den edlen, best ausgestatteten Räumen für den ROTEN SALON aufbauen, immer unterstützt von den fleissigen Mitarbeitern der StabI.

In Wien ist Marx eher Underground
Wie anders in Wien. Hier findet der ROTE SALON im „Cafe Else“ statt, an einer im Arbeiter-und Migranten-Stadtteil Leopoldstadt (unmittelbar am „Prater“) gelegenen linken Traditionsstätte, die den vorbeiziehenden 1. Mai-Aufmarsch seit Jahren mit einer auch schon zur Tradition gewordenen Party begleitet. Zudem ist es Inhaber Roland Schweizer gelungen, das Café mit dem „Grätzl-Blatt“ (Untertitel: „Von Bewohneri*Innen für Bewohneri*Innen des Volkert- und Aliiertenviertels“) zu einem Zentrum der Stadtteilarbeit rund um das nahe gelegene Struwerviertel zu machen.
Geld für sowas gibt´s hier weniger als in Hamburg, für das Café, das vor der Übernahme durch einen neuen Besitzer steht) eh nicht, für das „Grätzl-Blattl“ ist die minimale Finanzierung ausgelaufen. Die Wiener SPÖ blickt auf eine grosse Tradition zurück, die sich mächtig mit 220.000 Gmeindewohnungen in 2.300 Gemeindebauten manifestiert, und findet auch irgendwo noch die Mittel für Inszenierungen um das historische Rote Wien der Zwischenkriegszeit, muss aber auch mit Attacken von rechts leben, der Karl-Marx-Hof solle umbenannt werden – in Adaption einer in Deutschland losgetretenen Debatte, der Marxismus sei rassistisch und antisemitisch. Oder mit der seit Jahren anhaltenden Hetze gegen SPÖ-Parteivorsitzenden und Vizekanzler Andreas Babler in den durchgängig rechten Zeitungen, weil er sich zu Beginn seiner Karriere als „Marxist“ bezeichnet hatte, was ihm sicher in der Sekunde darauf gleich leid getan hat.

Deutsch-österreichische Freundschaft (DÖF)
Also, lieber Werner, um das Thema für den Hamburger ROTEN SALON zu klären, wollten wir uns bei einem meiner nächsten Hamburg-Aufenthalte auf einen Kaffee treffen, für Wien möchte ich es so beantworten:
Mit der kommenden Veranstaltung zu „Marx & Engels und der Rassismus ihrer Zeit“ können wir uns direkt auf die Versuche beziehen, Marx in Wien aus der Geschichtsschreibung, aus dem Statdbtild und aus der Öffentlichkeit zu tilgen – zudem ist das Buch im Wiener Verlag Mandelbaum (über den hier demnächst zu berichten sein wird) erschieben und hat einen Mit-Autoren aus Wien, Lukas Egger, der die Veranstaltung bestreiten wird. Eine DÖF, das es besser nicht geht, lebt Manfred Tauchen eigentlich noch?
„Wiederaufbau“ der österreichischen Linken
Der linksliberale Wiener Publizist Arnim Thurnher, ein Name, der IMMER fällt auf die Frage, wie es in Wien um alternative Medien bestellt ist (Witz dazu: „Wieviele linke Journalsiten gibt es in Wien?“ „Fünf.“ „Und wer sind die?“ „Armin Thurnher und Robert Misik, Robert Misik, Robert Misik, Robert Misik“), hat letzte Woche im 1977 von ihm gegründeten „Falter“ geschrieben, die Demokratie in Österreich sei nur noch in einer „sehr verdünnten Form“ spürbar – und das läge auch daran, daß es – mit Ausnahme des ORF, der fest in der Umklammerung der Regierungspoltik ist – nur noch Eigentümer-gesteuerte Medien gibt, die direkt den (rechten) Einstellungen ihrer Besitzer folgen. Daher gäbe es in diesen Medien und in der Folge in der Gesellschaft, keine Diskussion, weil ja schon der eigene Standpunkt nicht hinterfragt werden darf.
Und – Großdiagnose in zwei Sätzen – eine schlecht informierte, von einer politischen Beteiligung entwöhnte Gesellschaft, steht wehrlos da gegenüber einer „Orbanisierung“ Österreichs – es gibt keine breite, links der Mitte befindliche Bürgergesellschaft, die dagegen aufstehen könnte. Es fehlen ihr die Worte.
Werner, darum gibt es den Wiener ROTEN SALON, wenn Du nach „Beweggründen“ fragst. Die Worte sollen nicht fehlen, die richtigen Worte! Während wir in Hamburg den „linken Diskurs“, ev. in einer linken Blase führen (die aber so groß ist, daß sie uns dauernd am Trockenschwimmen hält), ist es in Österreich eher einen Wiederaufbau, wie nach dem Krieg. In den 60er Jahren ist die Wiener Linke mit Medien wie „Neues Forvm“ und „Wiener Tagebuch“ gut gestartet und mit dem Differenzierungsmerkmal des Wiener Aktionismus, gut gestartet, auf Augenhöhe mit dem zehn mal größeren Deutschland. Jetzt heißt es, aufzuholen, gemeinsam mit all denen, die schon dabei sind. Dass der Marxismus dabei ein schwer verzichtbarer Impulsgeber und Analyseinstrument ist, daran wird der ROTE SALON WIEN immer wieder erinnern.

ROTER SALON WIEN: Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit
Wulf D. Hund, Lukas Egger und Felix Lösing
Donnerstag, 17. September 2026, 18 Uhr 30
Café Else, Heinestraße 36, 1020 Wien
Das gleichnamige Buch, das in der Veranstaltung besprochen wird, ist erschienen im Mandelbaum Verlag Wien, 2025.
Da die Veranstaltung schon ähnlich in Hamburg stattgefunden hat, sei hier auf das damals begleitende Material hingewiesen:
