Im Herbst bietet der ROTE SALON HAMBURG Veranstaltungen, die „rot“ sind (wenn euch das beruhigt) – aber vielleicht auch etwas anders … Naja, toll jedenfalls und wir die AutorInnen und das RS-Team geben immer ihr Bestes!
Und hier könnt Ihr Euch anmelden und ev. auch einen Newsletter bestellen, der aktuell informiert: https://roter-salon-hamburg.de
Oktober: Montag, 5., Ossietzky-Forum der Stabi Hamburg
Klasse, Geschlecht und „Rasse“ auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts, Campus Verlag, Vortrag von Niklas Weber zur Sozialgeschichte des Zugverkehrs
Moderation. Michael Hopp
Jeder Mensch fährt mit der Bahn und ärgert sich – ohne sich vielleicht bewusst zu machen, was für ein technologisch-soziales Wunderding mit der Bahn in die Welt gekommen ist. Klasse, Rasse, Geschlecht, alles spielt hier eine Rolle! Tickets buchen wir heute noch in der richtigen „Klasse“. Die Bahn ist ein Kosmos, der für Produktion wie für Reproduktion gleichermaßen unerlässlich ist – habt ihr das schon mal so gesehen?Und übrigens: Pünktlich war die Bahn noch nie in ihrer Geschichte.
https://campus.de/wissenschaft/geschichte/passagiere/CAM52203?srsltid=AfmBOoqaQeyThXE4aqKjf2bCPh1JXNTuFMfGXqVqwazAygVrBQ2bN_gb
November: Montag, 9., Vortragsraum der Stabi Hamburg
Teslokratie – Ideologien des Tech-Kapitalismus, Sammelband, Nautilus Verlag. Vortrag von Alex Karschnia und Maike Weißpflug
Moderation: Michael Hopp, Daniel Grothkasten
Was rollt aus der USA Schreckliches auf uns zu – und stösst keineswegs nur auf Widerstand? Was ist der Tech-Kapitalismus und warum ist er so eine Gefahr für die Demokratie, ja für das Überleben der Menschheit? Darüber wird gerade viel geschrieben und nachgedacht, aber vielleicht immer noch zu wenig. Der Band, den wir für den ROTEN SALON ausgesucht haben, geht einen eigenen Weg, der in unsere „undogmatische“ Veranstaltungsreihe passt . Um sich dem anzunähern was passiert, wenn die Tech-Konzerne die Macht ergreifen, bietet er Analysen aus politischer Theorie, Soziologie, Theologie, Kunst und Kulturwissenschaften – und der ROTE SALON macht einen inspirierenden Abend daraus.
Dezember: Montag, 14., Vortragsraum der Stabi Hamburg
Gerhard Hanloser, Linker Antisemitismus – Zur Kritik eines Kampfbegriffs, Mandelbaum Verlag, 2026
Moderation Marie Hügl
Der „linke Antisemitismus“ ist ein politischer Kampfbegriff, der die Linke spätestens seit dem 7. Oktober 2023 massiv schädigt und behindert. Was kann dagegen getan werden? Hanloser empfiehlt der Linken nicht, sich durch politische Anpassung vom Antisemitismusvorwurf „freizumachen“. Sie solle vielmehr tatsächlichen Antisemitismus selbstkritisch und begrifflich präzise bekämpfen, zugleich aber die Gleichsetzung von Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an israelischer Staatspolitik zurückweisen. Der Ausweg liegt für ihn in einem konsequenten Internationalismus: gegen Judenfeindschaft ebenso wie gegen Rassismus, Nationalismus und die Entrechtung der Palästinenser – und in der Verteidigung freier Kritik des Kampfbegriffs„linker Antisemitismus“.
Zumindest zum letzten Punt werden wir im ROTEN SALON beitragen können!
https://www.mandelbaum.at/buecher/gerhard-hanloser/linker-antisemitismus/autorin

Was kann der Marxismus heute noch leisten?
Saito, SPIEGEL und ein Lesekreis
Von Michael Hopp
In einem Lesekreis der MASCH Hamburg arbeiteten wir uns in den letzten Wochen durch Stephan Krügers „Der deutsche Kapitalismus 1950-2023“. Das Buch bietet eine Menge an Daten, Materialien und Infografiken, großteils aus „bürgerlichen“ Quellen, die Dynamiken und Strukturen des deutschen Kapitalismus seit den 50er Jahren verdeutlichen. Krügers These ist, dass die Politische Ökonomie ,wie wir Marxisten sie vertreten, den bürgerlichen Wirtschaftswisssenschaften überlegen ist. Im Lesekreis ergab sich daher immer wieder die Frage, wie gut dieser Nachweis dem Autoren gelingt. Krüger belegt in den Daten die Phasen der Überakkumulation und zeigt die immer wiederkehrenden Krisen des deutschen Kapitalismus. Er zeigt aber auch, daß immer dann, wenn aus der klassischen Mehrwert-Abschöpfung keine Profite mehr gewonnen werden können, der Kapitalismus neue Wege findet, Kapital zu generieren – dies sind im wesentlichen der Finanzmarkt-Kapitalismus oder die von Tech-Konzernen getriebene Plattform-Ökonomie. In den letzten Jahren konnte der Eindruck entstehen, dass für die Analyse dieser aktuellen Phänomene der Marxismus nicht ausreicht bzw. nicht entsprechend weiterentwickelt wird. In aller Bescheidenheit sei erwähnt, dass es vor einiger Zeit in diesem Blog eine Serie gab – „Die Drei“ – in der von drei Autoren Fragen wie „Welchen Wert haben digitale Daten“ behandelt wurden.
Der „Spiegel“ weiß nicht viel – aber Kohei Saito findet die erste marxistische Erklärung für die Plattform-Ökonomie
In dieser Woche erschien der ansonsten belanglos gewordene „Spiegel“ mit Karl Marx am Titel und eine große Story, wie weit Marx den KI-Kapitalismus schon „geahnt“ hätte. Ansonsten sieht sich der „Spiegel“ ab dieser Ausgabe dem „lösungsorientierten Journalismus“ verpflichtet, der Untergang des einst relevanten Magazins ist nicht aufzuhalten. In der Titelgeschichte aus Hamburg wird Marx` Theorie von der „menschlichen Arbeit“ als „Zentrales Element unseres Wirtschaftssystems“ ungewöhnlich breit beschrieben. Der Zusammenhang zwischen Marxismus und KI wird dann über den linken Ökonomen Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) hergestellt, der den ausbeuterischen Charakter der KI benennt: KI-Unternehmen nähmen das Wissen und die Erfahrung anderer und versuchten, „einen Eigentums-Titel drauf zu setzen“.
Seltsamerweise nicht zitiert wird der Marxist Kohei Saito – es ist nicht nachvollziehbar, warum, denn eigentlich hat Saito soeben ein neues Buch herausgebracht, nicht Piketty – ein Buch, in dem er die Titel-Frage des „Spiegel“ viel eindeutiger aufnimmt und beantwortet. Kohei leistet damit auch einen Beitrag zur eingangs gestellten Frage, wie weit sich die neuen Wege Kapital zu schöpfen, mit dem Marxismus noch erklären lassen. Zur Plattform-Ökonomie von Amazon, Google, Meta & Co. hatte der Marxismus bisher nicht viel zu sagen, mit den bei Saito enthaltenen Thesen könnte sich dies ändern.
Was sagt Saito nun? Er vergleicht die Plattform-Ökonomie mit den klassischen „Commons“, die bei Marx den Beginn des Kapitalismus im England des 16. bis 18. Jahrhunderts markieren. Historische Commons waren gemeinschaftlich genutzte Ressourcen – etwa Weideland, Wälder oder Wasser –, zu denen die Mitglieder einer Gemeinschaft aufgrund gemeinsam festgelegter Regeln Zugang hatten. Sie waren weder gewöhnliches Privateigentum noch einfach Staatseigentum. Die kapitalistische Entwicklung setzte laut Saito wesentlich mit ihrer „Einhegung“ ein: Gemeinschaftliche Ressourcen wurden privatisiert, Zugangsrechte gewaltsam entzogen und die bisher selbstständig Nutzenden dadurch von Eigentümern und Märkten abhängig.
Wie Saito die Plattform-Ökonomie aus den historischen „Commons“ herleitet
In der Plattformökonomie erkennt Saito eine neue, digitale Form dieser Einhegung:
Das Internet, gemeinschaftlich erzeugtes Wissen, Daten, Software und soziale Netzwerke besitzen zunächst einen Commons – Charakter: Ihr Wert entsteht durch die Tätigkeit vieler Menschen und durch ihre gemeinsame Nutzung.
Plattformkonzerne eignen sich jedoch die Zugangswege zu diesem kollektiv erzeugten Reichtum an. Amazon, Google, Meta, Uber oder Airbnb müssen den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Wert nicht vollständig selbst produzieren; sie kontrollieren die Infrastruktur über die andere kommunizieren, arbeiten oder handeln.Wie historische Grundbesitzer können sie deshalb eine Art „Rente“ verlangen: Gebühren, Provisionen, Abonnements, Werbung oder Daten.
Saito spricht sinngemäß von einem digitalen Pachtzins. Besitz an der Plattform ersetzt dabei zunehmend produktive Innovation als Quelle von Macht und Einkommen.
Der entscheidende Vergleich lautet daher: Früher wurden gemeinschaftliche Böden eingehegt, heute werden Wissen, Kommunikation, Daten und digitale Infrastruktur eingehegt. In beiden Fällen wird ein gemeinschaftlich erzeugter oder genutzter Lebensbereich in ein exklusives Eigentums- und Abhängigkeitsverhältnis verwandelt.
Plattformen versprechen zwar „Teilen“ und offenen Zugang, erzeugen nach Saito aber häufig das Gegenteil: Nutzer und Anbieter verlieren Kontrolle, während der Plattformbesitzer Regeln, Sichtbarkeit, Preise und Zugang einseitig bestimmen kann.
Saito nennt das weiterhin Kapitalismus beziehungsweise Rentierekapitalismus – nicht eigentlich „Technofeudalismus“. Denn auch wenn die Plattformbesitzer Grundherren ähneln, dienen ihre Monopole weiterhin der kapitalistischen Akkumulation. Zugleich bedrohen sie die Commons, auf denen ihre eigene Wertschöpfung beruht.
Das Internet muss wieder zu einem „Common“ werden
Seine Gegenperspektive wäre, die Plattform selbst zum Commons zu machen: beispielsweise eine öffentlich, genossenschaftlich oder von Nutzern und Beschäftigten kontrollierte Mobilitätsplattform. Dann bliebe die digitale Koordinationsleistung erhalten, aber Regeln, Daten und Erträge würden gemeinschaftlich bestimmt. Dazu passt Saitos weitergehender Vorschlag einer demokratischen Planung, die digitale Steuerungsmöglichkeiten aus der Verfügung der Tech-Oligarchen löst und für die gesellschaftliche Verteilung knapper Ressourcen nutzt.
Stephan Krüger, Der deutsche Kapitalismus 1950-2023, VSA, 2024
Kohei Saito, Am Ende des Fortschritts -Überleben in den Ruinen des Kapitalismus, dtv, 2026
https://www.masch-hamburg.de/kurse.htm
Weiterer Hinweis für alle, die sich für die Weiterentwicklung der Marxistischen Theorie interessieren
Call for Action:
Hans-Georg-Backhaus-Bibliothek im Museum des Kapitalismus
Im Museum des Kapitalismus (MdK) in Berlin-Kreuzberg soll mit der Hans-Georg-Backhaus-Bibliothek (HGB^2) eine unabhängige radikale Studienbibliothek aufgebaut werden und durch ein inhaltliches Diskussions- und Veranstaltungsprogramm ergänzt werden. Dafür suchen wir Mitstreiter*innen
Der Adorno-Schüler, Ökonom und Soziologe Hans-Georg Backhaus verstarb am 8. März im Alter von 96 Jahren. Er begründete in den 1960er Jahren in Abkehr von der marxistisch-leninistischen Orthodoxie eine kritische Marx-Lektüre, die bis heute eine enorme Energie an theoretischen Forschungen freisetzt und international großes Interesse weckt. Bis ins hohe Alter legte er im Umgang mit der Kritik der politischen Ökonomie, dem theoretischen Erbe von Marx, einen heiligen Ernst an den Tag, der seinesgleichen sucht.
Seine über 4.000 Bücher umfassende marxistische Privatbibliothek konnte durch die Vermittlung seiner Schülerin Nadja Rakowitz von Frankfurt a. M. nach Berlin ins MdK transferiert und so in ihrem Zusammenhang bewahrt werden. Dort sollen nun zunächst Bibliotheksarbeitsplätze und – basierend auf der Erfassung der Bücher in einem Online-Katalog – ein Verleihbetrieb aufgebaut werden.
Jedoch verdankt die Bibliothek Backhaus nicht nur ihren Namen und ihren Bücherbestand, sondern auch einen gesellschaftskritischen und politökonomischen Referenzrahmen. Dieser schließt insbesondere die Einheit der Darstellung eines gesellschaftlichen Gegenstands und seiner Kritik – Kritik benötigt also keine äußerliche moralische Zutat – sowie die widersprüchliche Einheit, des durch das Kapital definierten Gesellschaftssystems ein.
Die HGB^2 versteht sich daher nicht nur als Bibliothek, sondern auch als inhaltlich arbeitendes Kollektiv, das in einem monatlichen öffentlichen Jour Fixe in Kooperation mit dem Arbeitskreis materialistische Dialektik Fragen der marxistischen Gesellschaftstheorie diskutiert. Eine Veranstaltungskooperation mit Online-Streaming mit dem parteiunabhängigen radikalen Marxist Education Project aus New York ist anvisiert und wurde bereits konkret besprochen.
Darüber hinaus will sie – in Absprache und Zusammenarbeit mit dem bestehenden MdK-Kollektiv und aufbauend auf dessen langjährigen Engagement – den Ort bespielen und weiterentwickeln: als Ort für unabhängige radikale Theorieaneignung, -entwicklung und -vermittlung – als Ort für Bildung, Selbstbildung und gemeinschaftliche, solidarische Theoriearbeit, als Ort für Lesekreise, Diskussions- und Vortragsveranstaltungen.
Das Renommee des Namensgebers wird uns auch helfen, neben der bestehenden Reputation des MdK und einem weiterhin soliden inhaltlichen Bespielen des Raums, die nötigen Finanzmittel für Raummiete, Bibliotheksmaterial, ggf. Aufwandsentschädigungen und Veranstaltungsbudget zu requirieren: von kommunaler und staatlicher Bibliotheks- und Wissenschaftsförderung, politischen Stiftungen, privaten Spender:innen und über Crowd-Funding.
Das Projekt wird durch eine weitergehende, langfristige Zukunftsvision angetrieben. Diese beinhaltet einerseits, sich am Aufbau einer gesellschaftskritischen Zeitschrift zu beteiligen, die als Austragungsort substanzieller radikaler Theoriedebatten fungiert (angesichts des schmerzhaft spürbaren Fehlens eines solchen Organs); andererseits ein marxistisches und revolutionäres Kursprogramm für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, unter anderem inspiriert durch die Marxistische Arbeiterschule, ein zwar von der (stalinistischen und teils antisemitischen) KPD initiiertes, aber dennoch strömungsübergreifendes und interessantes Arbeiterbildungsprojekt des Berlin der 1920er Jahre, der von Peter Weiss in der Ästhetik des Widerstand beschriebenen und entworfenen Arbeiter:innenselbstbildung, sowie dem 1970 gegründeten Marxist Education Project aus New York, das ein umfangreiches großes unabhängiges und radikales marxistisches Schulungsprojekt in New York betreibt.
Das inhaltliche Programm startet, in Kooperation mit Nadja Rakowitz, mit einem Screening der Aufnahme von Backhaus‘ letztem Vortrag, bei der wir Backhaus‘ Arbeit und Vermächtnis gemeinsam diskutieren können.
Interesse an der Mitarbeit? Meldet euch!
Felix Lang und Emanuel Kapfinger für den Vorbereitungskreis der HGB^2
Museum des Kapitalismus | Verein für Bildung und Partizipation e.V. | Köpenicker Str. 172 | 10997 Berlin
Spenden / Donations: GLS Bank | IBAN: DE58 4306 0967 1174 7724 00
