Den Biomüll tun Henni und ich in eine kleine grüne Kunststoff-Tonne, im Prinzip Plastikschrott, wie bei „Action“ in Nickelsdorf in bisher nicht für möglich gehaltenen Mengen zu bekommen, im ungarisch-slowakischen Einzugsgebiet. Ach, die Widersprüche, die der Mensch bei der Nachhaltigkeit aushalten muss! Den grünen Eimer tragen wir zum gemeinschaftlichen Müllplatz, von dem der Nachbar erzählt, in Kommune-Zeiten sei das mit der Mülltrennung besser gelaufen, damals schon, wo kaum noch jemand davon sprach. Weil alles strikter war. So wie man in China schneller auf Elektro-Mobilität umstellen kann, sage ich, ja, vielleicht so, sagt der Nachbar.
Der Müll-Platz liegt direkt am Parkplatz für Anwohner, auf dem ähnlich atavististische Ansprüche gelten wie auf allen Anwohner-Parkplätzen. Jeder Zentimeter zählt, jede Verfehlung wird geahndet. Weil´s bei der Hitze bequemer ist, verbinden wir meist den Gang zum Müll mit dem zum Auto – bringen dann aber das Tönnchen nicht ins Atelier zurück, sondern lassen es bis zu unserer Wiederkehr unbewacht am Stellplatz des Autos zurück. Da steht es dann, unterm Baum. Ja, wir haben einen Stellplatz, einen der wenigen, unter einem Baum ergattert, uns im Verteilungskampf um das rare Gut Schatten durchgesetzt. Sollen doch die anderen in ihren Kisten braten!
Wie zur Strafe war der Eimer weg, als wir zurück kamen! Weg! Den hat nur der Steppenwind geholt, ein Stück weit verweht, ist unser erste Gedanke. Schon suchen wir den Parkplatz ab, lugen auf allen Vieren unter jedes andere Auto, inspizieren die Hecken und Grasränder. Die schwarze Katze kommt vorbei, die jeden Tag zwei Mal, ein Mal von links kommend, ein Mal von rechts, unser Gärtlein durchstreift. Sie wüsste sicher, wo der Eimer ist. Aber Katzen sagen nichts.
Der freundliche Mann mit der rot gefassten Brille, der uns, von den Pferdekoppeln herkommend, gerade über den Weg läuft, der könnte doch was sagen. Wir fragen. „Es könnte sein“, sagt er freundlich, in gebrochenem Deutsch, dass euer Ding den Weg in die Sandkiste am Teich gefunden hat, sieht ja auch aus wie ein Sandkübel für Kinder“. Wollte das kleine grüne Ding wie in „Toy Stories“ seine Lage verbessern? Vom stinkigen Biomüll in zarte Kinderhände? Tatsächlich, da liegt er. Am Friedrichhof kommt alles zurück, lernen wir. Man muss nur fragen.
Ein paar Tage später sind die Kinder und Kindeskinder zu Besuch und wir sitzen an der Sandkiste am Teich. Da taucht der Mann mit der roten Brille auf, kommt auf uns zu. Er scheint Franzose zu sein. Wie geht´s dem Eimer fragt er. Naja, der Eimer tut jetzt wieder Dienst in der Küche, sage ich, Danke nochmal. Er sei Maler, Aquarell-Maler, betont er auf verschiedene Weisen, wir verstehen nicht gleich, was er uns damit sagen will.
In der knielangen kurzen Chino mit einem zurückhaltenden Hawaii-Hemd schlappt er wieder weg, Richtung des Holzbaus mit Sauna, Dusche, Toilette, und irgendwo, noch nicht bemerkt, kann man hier wohl auch Sachen verstauen. Jedenfalls hat der Maler (seinen Namen haben wir nicht verstanden, wenn er ihn gesagt hat), alles dabei. Papier, Farbe, eine Vielzahl verschieden starker Pinsel in einer dafür vorgesehen Leder-Leinen-Pinselrolle wie aus dem Van Gogh-Film.
Ja, ein Holztisch steht auch da wie bestellt, der Malkurs für Finn und Zoe, meine Enkel, kann beginnen. Er zeigt uns sein Buch, hat er auch dabei. Und das viele dickere seines Vaters, der berühmter Siebdrucker war, für Andy Warhol und für Hundertwasser. Er, der Sohn, ist 1982 auf den Friedrichshof geflohen, das sage ich jetzt mal, und lebt seither hier.
Da hätten wir uns sehen können, sage ich. Ich war damals oft auf Veranstaltungen da. Viele der Kommunarden kannte ich aus Wien, wo sie immer wieder mal in den Kommunen und WGs auftauchten, wo ich lebte. Nachher fehlt immer irgendwas. Aber unseren zwanghaften, bürgerlichen Besitzanspruch trauten wir uns nicht zu äußern.
Am Friedrichshof war ich immer unsicher, ängstlich, gehemmt. Also das Gegenteil davon, wie man sich hier benahm. Von Otto Muehl wollte ich lieber nicht angeschaut werden. Ich fuhr mit Walter und Barbara in ihrem alten R4 mit der Krückstockschaltung. Bei der langen Anfahrt durch die Parndorfer Heide dachte ich, hoffentlich hält das Auto, dass wir nicht übernachten müssen. Es hielt immer.
Doch wenn wir dann zu Hause in Wien waren (wir hatten damals eine ziemlich ödipale 3er WG) und Walter und Barbara vor dem Einschlafen noch Sex hatten und ich alleine im Nebenzimmer lag – da dachte ich manchmal, wäre ich doch am Friedrichshof geblieben.
Der „normale“ Blog erscheint wie gewohnt wieder am Freitag, also morgen, von heute aus gesehen M.H.
