Neu im MACBlog
Da der MAC vor einigen Montag auf den Friedrichshof gezogen ist, den einzigen Stammsitz der berühmten „Muehl“ Kommune (1972 – 1990), der heute als normale (aber eben nicht irgendeine) Wohngenossenschaft geführt wird, kann es gar nicht anders sein, als dass dies nicht auch im Blog aufgenommen würde. Der wöchentliche Blog wird sich also in Zukunft neben den Themen aus dem Wunderland des MAC und der Berichterstattung zu den beiden Veranstaltungsreihen ROTER SALON HAMBURG und ROTER SALON WIEN, auch dem heute noch sehr besonderen Leben am Friedrichshof widmen. Dazu wird es an einem weiteren Erscheinungstag die Online-Glosse „Brief vom Friedrichshof“ geben, die sich weniger um die historische Kommune drehen wird (auch nicht um den „Wiener Aktionismus“, dem sie nahestand), sondern eher um Alltagsbeobachtungen aus dem dörflichen Zusammenleben der an die 300 Menschen, die heute hier zusammenleben. Lasst Euch überraschen! MH

Was ist der Friedrichshof?
Der Friedrichshof, einst Mustergutshof des Erzherzogs Friedrich und bis in die 1930er Jahre ein typisch burgenländischer Weiler mit Landwirtschaft, wurde 1972 von Mitgliedern der als „Mühl Kommune“ bekannt gewordene Gemeinschaft erworben und ausgebaut.
Die Kommune wuchs in den 70igern schnell auf über 700 Mitglieder, von denen ca 150 am Friedrichshof lebten und arbeiteten, am Bau, in den Werkstätten, mit den Kindern, in der Schule, in der Küche, als künstlerische Therapeuten.
Die Grundprinzipien des gemeinsamen Lebens waren Gemeinschaftseigentum, freie Sexualität, gemeinsame Arbeit und Produktion, gemeinsames Kinderaufwachsen, direkte Demokratie und Selbstdarstellung – eine Mischung aus performativer Kunst und Therapie.
Die meisten Mitglieder lebten in Stadtgruppen in ganz Europa mit jeweils ca. 50 Menschen.
Dort wurden in den 1980er Jahren eigene Firmen gegründet und Versicherungen , Immobilien, Finanzierungen und Aktien vermittelt. Die Gewinne flossen in die gemeinsame Haushaltskasse, von der der Unterhalt für Alle bestritten wurde. Der Überschuss wurde angelegt und 1986 nach der Katastrophe von Tschernobyl in den Kauf einer Bucht auf La Gomera „El Cabrito“ investiert. Diese ist heute ein ökologischer Ferienbetrieb.
Das anfänglich anarchistisch-kreative Chaos wurde zur Groß-Organisation.
Die Unzufriedenheit wuchs und der Führungsstil wurde immer autoritärer, insbesondere den Kindern gegenüber.
Ende der 80iger erarbeiteten einige Kommunarden ein neues organisatorisches Konzept, das eine Generalversammlung mit geheimen Wahlen und einem Führungsgremium vorsah. Das Gemeinschaftseigentum erhielt nun eine Form: die Cooperative Friedrichshof, eine Ges.br sowie die Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft, an der sämtlich Mitglieder die gleiche Anzahl Anteile erhielten.
Parallel lief eine Untersuchung von der Staatsanwaltschaft gegen Otto Mühl und andere Kommunard-innen wegen sexuellen Missbrauchs, Missbrauchs des Autoritätsverhältnisses sowie Suchtmitteldelikten.
1991 wurde Otto Mühl zu 7 Jahren Haft, Claudia Mühl zu 1 Jahr Haft verurteilt.
Die Kommune wurde per Generalversammlungsbeschluss Ende 1990 aufgelöst.
Die Friedrichshof Genossenschaft entwickelte den Ort weiter, heute leben hier 200 Bewohnerinnen. Grundstücke für Einfamilienhäuser wurden verkauft, weitere Mietobjekte kamen dazu. Den Mittelpunkt bildet das Seminarhotel Friedrichshof mit seinen Seminarräumen und dem Restaurant. Eine Führung über den Friedrichshof und die Geschichte des Ortes kann gebucht werden. Eine weitere Ausstellung befindet sich im 1ten Stock des Hotels.
Der Text ist – hinter Glas – Teil der kleinen historischen Aussstellung, die es heute noch am Friedrichshof gibt

Ort ohne Bilder
Die Fotos im heutigen Blog zeigen die eher vorsichtige Herangehensweise, die der MAC hier gewählt hat. Wie es jeder andere Gast könnte, der das gerade teilweise wieder eröffnete Restaurant des früheren Hotels am Friedrichshof besucht, drückt er sich am Gang zur Toilette herum – dem einzigen Ort, an dem mit einer kleinen Fotogalerie noch auf die Geschichte des Friedrichshofs verwiesen wird. Das Kunstarchiv, das über Jahrzehnte am Friedrichshof bestand, wurde dem „Wiener Aktionismus Museum“ (WAM) überlassen, das „Archiv der Kommune“ ist nicht zugänglich und als Fotoquelle nicht nutzbar, da die Persönlichkeitsrechte der einstigen KommunardInnen an ihren Bildern nicht frei sind. Vielleicht will man aber auch nicht mehr allzuviel sehen aus der Vergangenheit und eine Illustration des folgenden Beitrags mit Malereien des Gründers Otto Muehl bot sich schon deshalb nicht an, weil ihn dies in gewisser „Weise“ wieder als „Über-Vater“ erscheinen liesse. Auch heutige Bewohner einfach ab zu fotografieren, schien nicht der richtige und realisierbare Weg.
So scheint es besser, den Friedrichshof zunächst als Ort ohne medial verwertbare Bilder anzunehmen – und das Entstehen neuer Bilder der weiteren Beschäftigung, dem weiteren Hinsehen zu überlassen. Die Paradies-Garten-ähnliche Botanik des Geländes böte natürlich jetzt schon jede Menge Stoff, aber auch nicht von heute auf morgen. Sich Wahrgenommenem auf nicht-ausbeuterische Art zu nähern, mag etwas sein, das der MAC hier noch lernen kann.
Zum heutigen Beitrag
Wenn der Friedrichshof Zukunft haben will als, in gewisser Weise utopisches Projekt, darf die Vergangenheit nicht verdrängt oder unter den Teppich gekehrt werden, sondern braucht viel mehr eine adäquate Darstellung. Im folgenden ein Interview aus einer Reihe von Interviews, die von der WDR-Journalistin und Kunstkuratorin mit ehemaligen KommunardInnen geführt wurden. Der MAC dankt für die Überlassung zur Verwendung hier im Blog.
Das folgende Interview mit Gitta Verlei wurde am 14.6.2025 auf dem Friedrichshof im Burgenland geführt und ist ein wahrhaftiges, berührendes Dokument, das nicht beschönigt, nicht verdammt, sondern Erlebtes in seiner Widersprüchlichkeit wiedergibt.
Gitta Verlei wurde 1954 in Mainz in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Wie die meisten jungen Leute aus dieser Generation hatte sie Probleme mit ihren Eltern. Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik, Psychologie, Ethnologie, Soziologie und arbeitete nebenbei als Sozialarbeiterin in einem Obdachlosenviertel in Mainz. Dort betreute sie Kinder aus diesen Obdachlosenfamilien. Mit 21 Jahren trat sie der Muehl-Kommune bei. Sie lebt heute noch am Friedrichshof und nahm mehrere Aufgaben wahr, unter anderem die Etablierung von Seminar-Programmen im ehemaligen Hotel.
Regina Wyrwoll: Danke, liebe Gitta, dass du an dem Interviewprojekt mitmachst. Wie bist du in Kontakt zur Muehl-Kommune gekommen?
Gitta Verlei: Ich habe die Kommune über die allerersten Zeitungen kennengelernt, die die Kommune in Wien herausgegeben hat. Sie nannten sich „Pipirepko“ für Psychophysische Reparaturkommune. Außerdem war ein Freund schon 1974 auf den Friedrichshof gefahren.
Was berichtete er?
Er schwärmte einen Abend lang von dieser wunderbaren Gemeinschaft, von Frauen mit warmen großen Brüsten und wie das alles dort so aufgefangen wird mit Aktionsanalyse und so weiter. Unsere Ohren wurden immer größer und größer und zeitgleich trudelte bei uns eine Kommune-Zeitschrift ein, die „AA-Nachrichten“. Wir wollten alle immer Gemeinschaft, Wohngemeinschaft. Aber wir hatten es in unserer Wohngemeinschaft nie zu mehr als fünf Leuten geschafft, haben aber immer von riesigen Gemeinschaften geträumt. Irgendwer brachte also diese Zeitung mit und die Berichte zur Aktionsanalyse haben wir uns an einem Abend laut vorgelesen. Danach lagen wir uns schluchzend in den Armen, weil die so unter die Haut gingen. Und so ist dann der Entschluss gefallen: Da müssen wir hin. Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass wir alle fahren, aber unsere Männer haben gekniffen. Und so blieben meine Freundin und ich übrig. Dann eines schönen Tages, Ende April, Anfang Mai 1975, sind wir von Mainz nach Wien getrampt, wie es damals üblich war, und dann in der Praterstraße angelandet. Und da waren wir hin und weg ob der Gestalten, die uns dort empfangen haben. In Latzhosen, alle kahlgeschoren. Du wusstest nicht, ist es Mann oder Frau? Endlich! Die Gleichheit der Geschlechter wankte dir da entgegen. Und da waren wir beide, die zwei Mädels, endlich angekommen.
Habt ihr auch den Friedrichhof besucht?
Ja. Am 1. Mai 1975 hat uns die Praterstraßengruppe zum Friedrichshof mitgenommen. Den hatten sie damals schon gekauft. Nach drei Jahren war der aber immer noch sehr, sehr basic: kein fließend Wasser, kein Strom. Aber so ein Behelfsstrommotor namens Wachalowski wurde angeschoben, danach hatte man ein bisschen Strom. Da wohnten circa 30 Leute und ein paar kleine Kinder im einzigen Gebäude, das es damals gab, nämlich dem alten Schulhaus, das ja immer noch steht. Das hatte mehrere abgeteilte Räume, war sehr hoch. Oben wurde geschlafen, da gab es durchgängig Hochbetten und unten waren dann Aktionsanalyse und Selbstdarstellungen usw. Wir sind ein paar Tage geblieben und für uns war es entschieden, als wir nach Hause fuhren. Das wollten wir auch. Zurück in Mainz war für uns klar: wir machen jetzt mit bei der Kommune!
Es musste jeder das an Geld mitbringen, was er hatte. Hattest du Geld?
GV: Nein, aber ein Auto, einen 2 CV! Meine Freundin hatte gar nichts, wenn ich mich richtig erinnere. Wir waren so jung, beide noch Studenten. Und die mitgebrachten Sachen wurden dann auf Flohmärkten verkauft. Davon hat die Gruppe sehr bescheiden gelebt. Du hast für 30, 40 Leute nur eine Küche gebraucht und auch nur ein Auto, maximal zwei. Und nicht jeder hatte eins. Also das war alles sehr basic. Bei diesen Flohmarktverkäufen waren zum Beispiel sehr viele Bücher dabei. Damit haben wir endlose Büchertische in Heidelberg bestückt. Davon hat man dann schon ein paar Monate leben können.
Das war für dich Avantgarde gegen die Kleinfamilie?
Also als Avantgarde habe ich es für mich damals nicht formuliert, aber es war mein Traum.
Und die freie Sexualität…
… war eins der Zugmittel, also ich sag mal, zu 90%, das hat mich sehr stark in die Gruppe gezogen.
Ist dein Freund miteingezogen?
Der war aber ein bisschen zwiespältig damit, hat aber auch mitgemacht. Das war ja für ihn auch sehr verlockend. Wir sind dann beide Ende 1975 in der Berliner AA Kommune gezogen.
Ein Jahr später bin ich bei diesem verrückten Marokko-Trip mitgefahren, mit ein paar KommunardInnen. Das war eine Berliner Idee, die hatte mit dem Friedrichshof gar nichts zu tun. Es war eine Idee von unserem Gruppenleiter A., ein Ex-DDRler, freigekauft aus dem Knast vom westdeutschen Staat. A. hatte gehört, in Marokko wollten sie nur Mercedes haben und daraus die geniale Idee entwickelt, dort Geld zu machen. So wurden fünf Mercedes gekauft und sieben oder acht Leute aus der Berliner Gruppe ausgesucht, die diese Wagen dann nach Marokko fuhren und verkauften. Ich war eine von dieser Truppe, und während dieser Zeit ist mein Freund bzw. Exfreund ausgezogen.
Warum bist du nach Berlin gegangen?
Weil wir die Gruppen zusammengelegt haben. Zuerst waren wir am Friedrichshof und sind dann nach Wiesbaden zurück, denn da gab es eine größere Wohnung. Die haben wir geöffnet, sprich: Gemeinschaftseigentum, Aktionsanalyse, freie Sexualität kommuniziert. Es war natürlich eine unglaubliche Zugnummer, es waren ratzfatz 15 oder 20 Leute in unserer gutbürgerlichen Wohnung im Rotlichtviertel von Wiesbaden. Woanders hast du als WG damals gar keine Wohnung bekommen. Also, ich weiß gar nicht, wer das kommuniziert hat, aber wie dann die Kommunikationsstrukturen untereinander liefen, hieß es öfter: Wir sind immer noch zu wenig Leute. 15 oder 20 ist nur eine kleine WG. Wir wollten größer werden, und deshalb ist fast die ganze damalige Wiesbadener Gruppe erst mal nach Heidelberg weiter gezogen. Ein paar sind zurückgeblieben, es haben ja nicht immer alle alles mitgemacht. Dort gab es schon eine Gruppe, das waren auch so 15 Leute und plötzlich waren wir über 30. Ich weiß sogar die Adresse noch, In der Neckarhelle 9. In dieser Stadt der Studenten hatten wir legendäre Auftritte und Schlagabtausche, hauptsächlich mit den Linken. Wir haben uns mit jedem verbal geprügelt an den Büchertischen, da war richtig Highlife in Heidelberg. Aber dann hieß es Ende 1975, wir sollten doch nach Berlin. Dort wären auch so 30 Leute und die hätten eine riesige Wohnung, riesig nach unseren Vorstellungen. Das war eine großbürgerliche sieben Zimmer-Wohnung in Schöneberg, Bülowstraße 90. Zwar blieben dann wieder ein paar zurück, die nicht mitmachten, aber der größere Teil der Heidelberger Gruppe ging komplett nach Berlin und ist dort in der Bülowstraße eingezogen.
War W. schon Mitglied?
Nee, der war noch nicht dabei, Aber M. als eines der Gründungsmitglieder von Berlin war schon dabei und auch ihr späterer Gatte B., dessen Namen sie angenommen hat. Die haben eheiratet, so wie man in der Kommune eben geheiratet hat, die Wohnung lief auf seinen Namen. B. hat ein bisschen den Boss von dieser Gruppe gespielt. Wir waren wir dann also 70 Leute und endlich eine Groß-Kommune! in paar Monate später haben uns Leute vom Friedrichshof besucht, z.B. B., der Ökochef. Irgendwann kam auch Otto. H. war der erste Gruppenleiter vom Friedrichshof 1976.
Wie war damals das Verhältnis zum Friedrichshof, da ihr in Berlin ziemlich autonom agieren konntet?
Das war noch nicht organisiert, mehr informell, erst später änderte sich das mit dem Beschluss des internationalen Gemeinschaftseigentums 1977. Zunächst gab es eine Struktur, dann auch eine Organisation. Aber ganz am Anfang von Berlin haben wir uns lose zum Friedrichshof assoziiert. Da gab es auch noch keine gemeinsame Sexualität unter allen. Die gab es dann erst mit dem Beschluss des Gemeinschaftseigentums.
Hast du die Auflösung von Zweierbeziehungen eher als Befreiung empfunden oder hat das dir Angst gemacht?
Nein, zu 100% als Befreiung.
Wie standest du dazu, dass Homosexualität als psychische Krankheit definiert wurde?
War kein Thema für mich, ich habe nicht darüber nachgedacht.
Und später dann?
Erst nach dem Kommunenende. Also erst wirklich danach, auch durch das wachsende öffentliche Interesse an diesem gesellschaftlichen Thema. Da es einige Homosexuelle in der Gruppe gab, wurde das auch bei uns langsam ein Thema. Und nach dem Ende der Gruppe, also etliche Zeit danach, hatte ich dann die Erkenntnis, dass das schon sehr homophob war, was abgelaufen ist. Lesbische Zweierbeziehungen gab es auch ein oder zwei, was aber jeder in der Gruppe wusste. Sie wurden verunglimpft und beschimpft: Das sei nicht gewollt von der Natur und was weiß ich nicht alles.
Was für eine Arbeitsteilung hat sich in der Kommune entwickelt? Wer machte was, und wer entschied, dass überhaupt etwas gemacht wurde? Es musste ja Geld verdient werden.
Ja, das richtige Geld wurde aber erst später wichtig. Wir haben lange auf den Flohmärkten die Einzugsgüter verkauft, die jeder mitgebracht hatte, wie etwa Kleidung und sehr viele Bücher, manchmal ein Auto oder etwas Bargeld. Und davon wurde erst mal gelebt bis zum Beschluss des internationalen Gemeinschaftseigentums 1977. Es waren ja auch nicht alle Leute arm, einige haben schon Geld mitgebracht und wenn es nur 2000 D-Mark waren oder 5000. Für uns war das wahnsinnig viel Geld, von dem man erst mal eine längere Zeit lang leben konnte. Dann eröffneten wir in der Kurfürstenstraße einen Jeansladen, in Neusiedl in der Nähe vom Friedrichshof gab es auch schon einen. Dafür wurden Jeanssachen in Amerika eingekauft. Es gab noch vier oder fünf andere Gruppen, zum Beispiel in Krefeld oder Genf, die sich erst AA-Kommunen nannten und dann AAO, was AA-Organisation bedeutete, d.h. es vollzog sich ein Zusammenschluss aller AA-Gruppen in die Organisation.
Wie viele Leute waren das damals?
Vielleicht insgesamt 200 bis 250. Es schlossen sich 1977/78 immer öfter auch ganze Wohngemeinschaften dieser AAO an, vor allen Dingen aus Frankreich, es, kamen ganze Landkommunen dazu. Und die waren dann alle AAO. Mit der Ausrufung des internationalen Gemeinschaftseigentums gab es ab diesem Zeitpunkt eine gemeinsame Haushaltskasse für alle Gruppen. Und zu diesem Zeitpunkt wurde auch die gemeinsame freie Sexualität eingeführt, was zur Folge hatte, dass die Gruppen sich, was die Hygiene und damit die Gesundheit betraf, nach außen abschotteten. Bis dahin wurde immer noch fröhlich mit jedem geschlafen, der irgendwie vorbeikam und über Nacht blieb. Zum Glück gab es damals noch kein Aids. 1979, nach dem ersten prominenten Aidstoten war dann allerdings Paranoia angesagt. Bis dahin gab es auch andere Geschlechtskrankheiten wie z.B. Tripper. Wir hatten mal zwei Tripper-Wellen, da war dann jeder gleich angesteckt. Deshalb hat man Gesundheitsregeln aufgestellt: wer einziehen wollte, musste erst mal drei Monate in Quarantäne. Und danach eine komplette Untersuchung, auch auf Gelbsucht und alles, was irgendwie ansteckend war. Nur so konnte man überhaupt mit so viel Leuten Sexualität untereinander praktizieren.
Ihr hattet ein funktionierendes Gesundheitssystem, quasi ein Krankenhaus?
Ein Krankenhaus ist jetzt übertrieben, aber wir hatten eine sogenannte Gesundheitsorganisation, GO-Station genannt. Die hat auch selber Abstriche und mikroskopische Untersuchungen gemacht. Es gab ehemalige Ärzte und, Krankenschwestern in der Kommune. Dadurch brauchten wir nicht dauernd irgendwelche externen Labore einzubeziehen, durch die man dann ganz schnell am Pranger stehen konnte. In Heidelberg musste ich zweimal wegen Tripper sogar in die Klinik. Es gab damals dort die berühmte Free Clinic, in der konntest du dich kostenfrei behandeln lassen und konntest dir deine Spritzen abholen. Aber es war trotzdem maximal störend und ungut.
Deshalb wurden dann Sexualkontakte mit Außenstehenden verboten?
Ja, es kamen so viele Leute, ständig gab es einen Austausch von Menschen. Zum Beispiel wurden Kommunarden auf den Friedrichshof gebracht, denn man brauchte, was weiß ich, aus Berlin den und den Handwerker oder die und die Organisatorin fürs Fahrtenbüro. Dann wurden sie zum Friedrichshof eingeladen oder beordert und zogen um. Der Friedrichshof wurde langsam ausgebaut, so gab es dann hier mehr Platz, da konnte man hier auch mal eine Zeit lang bleiben.
Wie verliefen die Kommunikationsstrukturen? War das eher demokratisch oder top down, von oben nach unten?
Ich kann nicht mehr so genau erinnern. Also, am Anfang lief es weniger mit echten Anweisungen, sondern eher chaotisch. Aber demokratisch kann man das nicht nennen, denn formale Demokratie war nicht sehr hoch angesehen. Anders als später gab es damals kaum verbindliche Anweisungen, sondern es war alles ein bisschen hemdsärmelig und chaotisch. B., der damalige Wirtschafts-Organisator, kam mit der Idee nach Berlin, man sollte jetzt eigene Firmen gründen, denn man müsse Geld verdienen. Irgendwann waren diese Flohmarktgeschichten ausgereizt, schließlich mussten ja 200 oder 300 Leute von irgendwas leben. Bis dahin hatte aber niemand extern irgendwo in einer Firma gearbeitet und Geld verdient. eshalb wurden eigene Unternehmen gegründet, so zum Beispiel ein Umzugsunternehmen, Ruckzuck genannt, mit einem schönen LKW und einer gelben Plane, rote Beschriftung. Ich sehe sie heute noch vor mir. Oder einen Malereibetrieb, obwohl niemand von uns das gelernt hatte. Da sind dann eh ganz seltsame Sachen passiert in diesem Malereibetrieb. Einmal hat ein Kommunarde die Spritzpistole mit Farbe aus dem Fenster hinaus leergesprüht, diese traf dann auf dem Gehsteig eine Frau mit teurem Mantel, für den wir dann die Reinigung bezahlen mußten. Und was hatten wir noch?
Den Jeansladen?
Den Jeansladen, ja, den hatten wir ganz lange und E. hat ihn geleitet. Außerdem haben wir Autos repariert. Wir hatten hinter der Bülowstraße ein großes Grundstück gepachtet, da wurden KfZ repariert. Deshalb kam übrigens einer auf so eine abstruse Ideen wie die, Mercedes in Marokko zu verkaufen. Also, alles was irgendwie Geld brachte und noch legal war, wurde damals ausgelotet. In den Drogenhandel ist man aber nicht eingestiegen, zum Glück.
Du hast gesagt, dass Ihr auf Märkten aufgetreten seid. Dort habt ihr regelrecht Leute akquiriert, Menschen angesprochen oder Performance gemacht?
Ja, oft in Veranstaltungen, hauptsächlich an der Uni. Wer immer das organisiert hat, weiß ich jetzt nicht mehr. Aber es waren legendäre Auftritte. Die Kommune hat sich dort hingestellt und natürlich Werbung gemacht, unter anderem für ihre WCO, die World Commune Organization. Es sollte ja innerhalb von 20 Jahren die ganze Welt darin organisiert sein. Zu viert oder zu fünft haben wir uns zum Beispiel auf die Bühne vom Audimax gestellt – ich erinnere mich noch an einen legendären Auftritt in Berlin. dort wurden wir natürlich angegiftet, angeschrien, angebrüllt von den Berliner Linken, und wir haben zurückgebrüllt. Dann flogen Bierflaschen. Also das waren schon sehr eindrückliche, heiße Veranstaltungen, richtige Schlachten. Die Linken haben der Kommune Verrat an der reinen Lehre vorgeworfen und wir den Linken Verlogenheit und Philistertum. Ansonsten wurden weiterhin die Zeitungen, die AA-Nachrichten gedruckt. Auch das AA-Modell Band 1 erschien, zu dem Band 2 ist es aber nie gekommen.
Das war ein großes Werbepotenzial. Es gab sehr viele neugierige Leute, die durch die Zeitungen zu uns kamen, denn da wurden nach wie vor Analyseberichte veröffentlicht, es ging also um sehr berührende, fast intime Dinge. Und schließlich hat auch das Thema Freie Sexualität sehr viele Leute angezogen. In verschiedenen Städten wurde regelmäßig Open Door gemacht, also einmal die Woche gab es solche Gästeabende. Ich kann mich an Berlin erinnern, da kamen immer 20, 30 Leute zu solchen Abenden. Da wurde neben irgendwelchen Auftritten versucht, diese Gäste aus der Reserve zu locken und ein bisschen zu provozieren, gleichzeitig aber auch zu unterhalten. Dort hat man auch Leute für das so genannte Wohnexperiment akquiriert. Dabei wurde angeboten, für ein verlängertes Wochenende oder für eine Woche auf Probe zu wohnen. Und danach solltest du dich entscheiden: Willst du einziehen – oder lieber nicht?
Habt ihr von den Leuten für diese Wohnexperimente Geld verlangt?
Ja, aber nicht viel.
Was hat die Aktionsanalyse für dich bedeutet?
Hm, anfangs ein Heilungsversprechen, und das hat einige Jahre gehalten in meinem Innersten. Also, gegen den Prägungsansatz durch bürgerliche Körper-Panzerungen erschien das als absolut nachvollziehbares, beinahe logisches Versprechen von Heilung. Lass es mich so ausdrücken: Hemmungen aller Art konnten so abgebaut werden. Also richtig psychisch krank habe ich mich nicht gefühlt, aber in gutbürgerliche Normen eingezwängt und nicht wirklich frei. Insofern war es auch ein Freiheitsversprechen, ich habe lange daran geglaubt. Die von Otto enworfene Parabel frei nach Wilhelm Reich habe ich ein paar Mal durchlebt bis zum Geburtserlebnis. Dann steigst du wieder hinauf, kommst als genitaler Mensch auf die andere Seite der Parabel hervor. Das habe ich ein paar Mal erlebt, als tief gehende Befreiung. Auch das Weinen, das einfache Ausdrücken aller Gefühle. Auch der Vatermord oder Muttermord wurde dargestellt und am Abend dann in der Selbstdarstellung teilweise noch mal wiederholt oder aufgeführt. Es hat ein paar Jahre gedauert, also vier, fünf Jahre nach meiner heutigen Erinnerung, bis ich plötzlich dachte: Dieses Herausschreien der Panzerung, des Verlustes, der Aggression befreit mich eigentlich gar nicht, sondern schafft noch mehr Aggression. Plötzlich hatte ich selber diese Erkenntnis, ohne dass irgendwie öffentlich drüber gesprochen wurde. Lustigerweise, so habe ich das in Erinnerung, sagte Otto selber, dass die Aktions-Analyse nichts bringt, die Erwachsenen seien nur bis zu einem gewissen Punkt, aber nicht wirklich reparierbar und die Zukunft gehöre den Kindern. Sagte Otto.
Wann war das?
Naja, so ein paar Jahre danach. Das heißt, es muss um 1980 gewesen sein. Und dann wurde die Aktionsanalyse ganz eingestellt. Theoretisch hat jeder mit jedem Analyse machen können, aber es gab natürlich auch richtige Analytiker, H. war zum Beispiel einer. Zu solchen Kommunarden mit mehr Erfahrung ist man gerne gegangen und hat sich von ihnen analysieren lassen. Die Aktionsanalyse wurde also beendet, und es blieb die Selbstdarstellung. Und Otto hat dann auch wieder zur Farbe gegriffen, also gemalt. Da ging es zurück zur Performance direkt mit den Kommunarden. as war dann schon im Neubau am Friedrichshof, oben in dem anderen Atelier. Da gab es mehr Platz, und es wurde eine Videoanlage aufgebaut. Und da gab es dann diese Malerton Selbstdarstellungen. Die Leute, die zur Selbstdarstellung ausgesucht waren, waren nackt und haben sich gegenseitig oder selber mit Farbe oder mit Malerton eingeschmiert. Und er hat dann am Bildschirm mit ihnen die Leinwände kreiert, also Bilder gemalt, in Anführungszeichen.
Nur mit ihnen, also den Darstellern?
Mit ihnen quasi als Figuren, als bemalte Figuren. So sind dann ganze Abende entstanden mit bemalten Menschen, Gruppen oder Porträts.
Und Otto malte auch wieder?
Zu malen hat er schon vorher wieder begonnen. Er hatte Anfang der 70er die Malerei für tot erklärt, tot für ihn zumindest. Ich glaube, 1972 gab es noch einen letzten Aktionismus-Auftritt in Zürich und es wurde 1973 noch „Sweet Movie“ gezeigt. Dabei haben etliche Kommunarden mitgespielt. Ich glaube, der Film wurde in Paris gedreht und war dann der letzte öffentliche Aktionismus-Auftritt überhaupt.
Intern hat dann Otto mit Materialaktionen weiter gemacht, d.h. 10, 12 oder 15 Leute lagen nackt auf dem Boden, auf einer Plane. Die wurden dann mit warmem Öl oder Wasser überschüttet. Da bist du richtig übereinander geflutscht. Dann wurde Musik gespielt und dazu eine Geschichte erfunden. Dann kamen die Lappenflügler. Das waren in warmem Wasser getränkte Putzlappen. Die wurden über die ganze Gruppe geworfen und ausgebreitet. Dann wurde man mit Maler-Ton eingeschmiert und mit Lebensmitteln. Er hat praktisch den Aktionismus intern weitergeführt in diesen Malaktionen. Das hat er aber leider nicht sehr lange gemacht. Für mich waren das tolle Momente.
Wie hast du die Selbstdarstellungen erlebt?
Ich bin nicht gerade ein Meister im öffentlichen Auftreten. Das war für mich relativ viel Druck. Man musste sich immer irgendwie was einfallen lassen und ich glaube, dafür war ich zu pragmatisch oder zu phantasielos. Also, ich war nie ein Selbstdarstellungsstar.
In den Selbstdarstellungen entstand auch die „Struktur“. An welcher Stelle warst du da?
Ich war unteres Mittelfeld. Bin dann mal mit einer anderen jungen Frau rasant aufgestiegen oder aufgestiegen worden. War das 1977/78? as weiß ich jetzt gar nicht mehr. Ich wurde als junges Talent gefördert. Otto hat immer versucht, irgendwie Bewegung zu schaffen.
Was für ein Talent wurde dir zugeschrieben?
Gruppenleiter-Talent.
Warst du Gruppenleiterin?
Ja. Ich war ab 1978 oder 79 Gruppenleiterin, aber nur in den zweiten Gruppen. Für ganz oben war ich nicht gut genug bzw. nicht hoch genug in der Struktur. So war ich dann Gruppenleiterin der zweiten Gruppe von Hamburg. Das war eine gute Zeit, bin jeden Tag mit der Gruppe schwimmen gegangen.
Was war deine Aufgabe?
Die Gruppe zu leiten, das Bewusstsein voranzutreiben. Und, ja, die Selbstdarstellungsabende zu leiten.
Und die sogenannten Dokus aus dem Friedrichshof zu verbreiten?
Das war damals noch nicht so angesagt, noch nicht professionell organisiert. Das kam erst Mitte der 80er.
Kannst du mal die verschiedenen Funktionen vom Zwölferrat, den BAGs und die Struktur mit den Gruppenleitern erklären? Was waren die Aufgaben und für wen? Warum wurde zum Beispiel so ein Zwölferrat eingerichtet?
Der Zwölferrat wurde eingerichtet, weil gegen Ende der 1970er Jahre eine Großorganisation mit fast 700 Leuten entstanden war, ein Riesending. Und in dieser Großorganisation gab es doch eine ganze Menge praktische Probleme pragmatisch zu entscheiden und zu lösen. Und das war die Aufgabe vom Zwölferrat. Also da ging alles rein, z.B. Finanzanträge, später dann der Bau am Friedrichshof, die Häuserkäufe in den Gruppen und alles, was sich in den 80er Jahren entwickelte, als man dann auch gut Geld verdiente. Der Zwölferrat sollte eigentlich von allen Gruppenmitgliedern gewählt werden. In Wirklichkeit hat Otto bestimmt, wer da drin sein sollte. Das war natürlich seine nächste Umgebung. Das war vor allen Dingen mal der erste BAG.
Was ist ein BAG?
Ein BAG war eine Bewusstseins-Arbeits-Gruppe und alle Gruppenmitglieder waren je nach Strukturplatz in BAGs unterteilt, jeweils maximal acht Leute. Es gab ca 15 BAGs am Friedrichshof. Wenn du im dritten BAG warst, sollte das deine Bewusstseinsebene repräsentieren und die der Kommunarden, mit denen du dort zusammen warst. Und wenn du aufgestiegen bist in der Struktur, kamst du dann in den zweiten BAG. Der erste BAG wurde von den Gruppenleitern besetzt.
Und es gab fünf BAGs?
Nein, am Friedrichshof gab es mindestens 15. Es waren ja 150 Leute, die hier gelebt haben. In den externen Stadtgruppen gab es vielleicht fünf oder sechs BAGs, weil da weniger Leute waren, 50 Leute maximal pro Stadtgruppe.
Und was für eine Aufgabe hatten die BAGs?
Aufgabe in dem Sinn gab es nicht. Man hat sich getroffen nach den Selbstdarstellungsabenden. Es sollte so etwas wie eine familiäre Struktur sein, quasi so, dass du immer gewusst hast, zu wem du gehörst.
Welche Haltung hast du zu den immer strikter werdenden Strukturen in der Führungsriege entwickelt?
Eine trotzige.
Was heißt das?
Ich war endlos in der Schusslinie. Als zu liberal, zu demokratisch. Ich habe mich dann so angelegt mit Otto, dass ich beschloß, nicht mehr als Gruppenleiter wegzufahren. Das hat ihm natürlich überhaupt nicht gefallen, weil es seiner Anordnung widersprach. Das war 1983. Und danach war klar, dass ich in die Wirtschaft gehe. Ich habe ich mich bei Bache Securities eworben, einem amerikanischen Broker in Düsseldorf.
Was hat Otto dazu gesagt?
Das fand er gar nicht gut. Aber er konnte mich ja nicht fesseln und hat mich ziehen lassen müssen.
Du bist in die Düsseldorfer Gruppe umgezogen?
Ja, ich habe bei Bache Security eine Ausbildung gemacht. 1983 war ich sogar drei Wochen in New York zur hard selling-Ausbildung.
Warst du die Einzige, die eine solche Ausbildung gemacht hat?
Nein, aber es waren wenige. Einer war mit mir in New York, dann noch zwei oder drei Leute, zwei waren bei Meryll Lynch. Das war ein vielversprechendes Geschäft, wo man relativ schnell Geld verdienen konnte. Und man hat ja auch gut verdient. Dann kam die Ansage, ich solle damit aufhören, weil wir eigene Firmen in Düsseldorf und München gegründet haben. Nach dem Jahr in Düsseldorf, lebte ich für ein halbes oder 3/4 Jahr wieder am Friedrichshof. Dort ging es mir überhaupt nicht gut, ich wurde schwer depressiv. Dann wurde ich nach München geschickt, in die gerade neu gegründete Firma Consens.
Da hast du aber noch keine Leitungsfunktion gehabt?
Nein. Erst am Ende der Kommune wurde ich dort Geschäftsführerin.
Bist du gezielt versetzt worden? Als eine Art Strafaktion?
Ja, weil ich so depressiv war.
Hat dir das geholfen?
Ja. Zu 100%, weil ich wieder Erfolg hatte und Boden unter die Füße bekam. Auch weil ich da überhaupt erst mein verkäuferisches Talent entdeckt habe. Da war ich dann sehr schnell sehr erfolgreich.
Hast du mit anderen Mitgliedern, die auch versetzt wurden, weiter kommuniziert? War das so ein Netz von quasi Ausgestoßenen, die sich kannten?
Nein, im Gegenteil. Das Ganze hat es ja noch schwieriger gemacht. Wenn du in so einer Phase warst, also wo es dir offensichtlich schlecht ging, wurdest du von den anderen Kommunarden oft gemieden. Man war äußerst vorsichtig, denn es hieß ja nicht, ihr geht es schlecht und sie hat Depressionen, sondern sie ist negativ. Und mit so einem Ego wollte man natürlich nichts zu tun haben. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit am Friedrichshof erinnern, ichhabe mich ein Dreivierteljahr hier nicht gefangen. Rückblickend würde ich sagen, ich hatte einen Burnout. Ich war sehr dünn, nervig und unfähig, die Realität dort zu erkennen und zu bewältigen. ich sollte Dienst machen bei drei Kindern. Die sind mir aber völlig entglitten. Ich habe mich dann irgendwo hingesetzt, habe geweint, und die Kinder haben irgendwo gespielt. An solche Sachen kann mich noch erinnern. Nur ganz wenige haben mich mal angesprochen, so auf dem Flur und leise gefragt: Was ist mit dir, was hast du denn? Also da war man sehr, sehr vorsichtig. Und so bin ich quasi weggeschickt worden in die Münchner Gruppe, damit vielleicht nichts Schlimmeres passiert, keine Ahnung.
Was war denn der Grund für die Depression?
Ich glaube, es war eine späte Reaktion, die mich eingeholt hat. Wir hatten 1981 um C. einen Kreis, der wurde später vom Otto als „Viererbande“ tituliert. Eigentlich waren mehr als vier Leute dabei, eher fünf oder sechs. Die haben sich regelmäßig bei der C. getroffen, denn sie war ja bis zu einem gewissen Punkt eine Kontrahentin von Otto, hat sich mit ihm auch öffentlich angelegt, eine der wenigen Mitglieder der Kommune, die sich mit ihm gezofft hat. Uns hat nicht gefallen, dass die ganze Wirtschaftsorganisation über einen einzigen Menschen lief, der noch dazu immer irgendwo verschwunden war, nie greifbar. Die Realität wurde immer komplexer. Wir hatten ein Haus in Düsseldorf gekauft, aber da waren Hausbesetzer drin. Da mussten Entscheidungen getroffen werden. Können wir sie mit der Polizei entfernen lassen oder was machen wir sonst damit? Es ging also um ganz reale Probleme. Dann haben die ersten Leute viel Geld verdient, die erste Firma wurde in Düsseldorf gegründet. Also solche realen Anforderungen gab es immer öfter und mögliche Lösungen wurden immer komplexer. Wir fanden, dass die Kommune mehr Demokratie brauchte. Unsere Vorstellung war eine Generalversammlung aller Gruppenmitglieder. Der Zwölferrat sollte von der Generalversammlung geheim gewählt werden, sollte aber nur für die Organisation und den Wirtschaftsteil zuständig sein. Otto sollte weiterhin unangefochten künstlerischer Leiter bleiben. Das war natürlich so etwas wie ein Umsturzplan aber von uns nicht so gewollt. Es war ein Modell der Demokratisierung und wurde später mit der sogenannten „Viererbande“ in China verglichen. Analog zu dieser Geschichte in China wurden wir verunglimpft. Otto hat sich das so ein halbes Jahr lang angeschaut. Wir haben auch einige Entscheidungen getroffen und Organisationsdinge umgesetzt. Aber dann kamen an Weihnachten 1981 andere Gruppen zum Weihnachtsurlaub auf den Friedrichshof, Gruppenurlaub wurde das genannt. Bevor das als Demokratisierung der Gruppe oder als Befreiung gefeiert werden konnte, hat Otto dann die so genannte „Viererbande“ zerschlagen. Er hat irgendwie seine Felle wegschwimmen sehen, und das war nicht mehr seine Idee von der Kommune.
Wie hat er das gemacht?
Er ist vor allen aufgetreten und hat die Mitglieder schwerstens attackiert, inklusive C. Sie ist danach ganz auf ihn eingeschwenkt. Sie hat behauptet – ich habe später lange mit ihr darüber geredet – sie hätte das aus Liebe getan, und ich hätte ihn eben nicht genug geliebt. Da konnte ich natürlich nur müde lächeln. Egal, sie hat sich anders entschieden und ist dann komplett loyal geworden, hat auch ihre Attacken auf Otto mehr und mehr eingestellt. Ich dagegen bin total in einen inneren Widerstand und Trotz verfallen und in der Folge davon nicht mehr Gruppenleiten gefahren. Auch habe ich jeden persönlichen Kontakt mit Otto vermieden, soweit es irgend ging, bin quasi in die innere Emigration. Ich habe über ein halbes Jahr lang überlegt, ob ich ausziehe, mich aber dann entschieden, das nicht zu tun, also die vielen Beziehungen und Verbindungen zu den Leuten, haben mich hier gehalten. Wahrscheinlich konnte ich auch nicht einfach akzeptieren, dass dies das Ende meines großen Traums gewesen sein soll, also der von einer funktionierenden Gemeinschaft.
Wie ging das weiter?
Diese Phase, in der es mir so schlecht ging und in der auch der Versuch eines Neuanfangs in Düsseldorf nicht geklappt hat, war das nun eine totale Niederlage? Damals musste ich einsehen, dass das, was Otto sagte und was er tat, zwei verschiedene Paar Schuhe waren. Er sagte, er will nur der künstlerische Leiter sein, hat aber nicht so gehandelt. Vorher hatte ich gedacht, ich agiere eigentlich in seinem Sinne, habe also das Ganze quasi aus idealistischen Gründen inszeniert und nicht etwa um ihn zu stürzen oder abzusetzen. Damals jedenfalls noch nicht, am Ende der Kommune aber schon. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich einer kompletten Illusion aufgesessen bin, und das war heftig.
Hast du dich in der Kommune auch mit pädagogischen Fragen auseinandergesetzt?
Nein.
Wie wirkte auf dich persönlich die Anweisung von C. und Otto, Kinder von ihren Müttern getrennt aufzuziehen?
Das habe ich in den Konsequenzen gar nicht realisiert. Ich habe nicht in diesem Bereich gearbeitet, war auch keine Lehrerin. Außerdem war ich keine Mutter. Ich hatte kaum Kontakt zu den Müttern oder jedenfalls nicht so eng, dass die mir jetzt von ihrem Leid berichtet hätten. Und ich war selten am Friedrichshof. Was ich dann aber ab und zu schon mitbekommen habe waren diese Kinder-Palaver, die fand ich teilweise grauenhaft. Da habe ich gedacht, dass man hier einschreiten sollte.
Warum war das grauenhaft?
Weil immer wenigstens einer, vielleicht sogar zwei, den schwarzen Peter abgekriegt haben. Hier sind die Guten und dort ist einer der Blöde, der war vielleicht trotzig oder ist sonst negativ aufgefallen. Die Kinder wurden beurteilt und gedemütigt, verpetzt von ihren Lehrern. Dann wurden auch so komische Sachen eingeführt wie der „Fleck“. Also für irgendein Fehlverhalten hast du einen Fleck bekommen.
Was ist das, ein Fleck?
Das ist eine negative Zuordnung, du hast sozusagen einen Eintrag in eine schwarze Liste bekommen. Das wurde Fleck genannt. Und wenn man zwei oder drei Flecken hatte, rutschte man runter in der Struktur, damit waren Bestrafungsmechanismen verbunden. All diese Maßnahmen waren autoritär und haben überhaupt nicht zum Anspruch auf die Schaffung einer neuen Gesellschaft – Avantgarde – gepaßt.
In dieser Zeit wurden die Kinder bereits als die neue Generation Mensch erzogen?
Ja gleichzeitig. Gesunde Kinder wurden immer über alles gestellt.
Du konntest keine Kinder bekommen?
Offensichtlich nicht. Das habe ich aber erst nach der Gruppe erfahren.
Und wie ist Otto damit umgegangen, dass du keine Kinder wolltest?
Ich habe jetzt nicht gesagt, ich wollte nicht. Aber ich wurde halt einfach nicht schwanger. Und das war dann schon bemerkenswert bei der Fülle der Gelegenheiten, die man hier hatte. Und dann auch noch mit verschiedenen Männern, denn wenn du nur einen hast, kann es ja auch an ihm liegen. Aber es gab ja Dutzende. Irgendwann habe ich gedacht okay, da stimmt vielleicht irgendwas nicht, aber andererseits war ich auch nicht so wild auf dieses Thema, dass ich dem nachgegangen bin.
Hat Otto das registriert?
Irgendwann hat er mal gesagt: Jetzt machen wir dir auch ein Kind, damit du endlich Ruhe gibst. Aber das hat nicht geklappt.
Warst du in ihn verliebt?
Ja, damals schon. Das war für mich ein ganz erstaunliches Erlebnis. Es gab Frauen, die sind irrsinnig auf ältere Männer gestanden sind, aber das war nicht so bei mir. Ich hatte immer Freunde und vor allem Sexualpartner in meinem Alter. Aber diese Begegnung mit ihm war für mich irgendwie so eine Traumerfüllung. Es war keine Zweierbeziehung, die wollte ich nicht. Aber in diesem Kontext, in der Gruppe mit vielen Träumen, die für mich plötzlich verwirklicht wurden, in einer großen Gemeinschaft mit vielen Freunden und Sexualpartnern in einem kreativen Umfeld, das war einfach unglaublich. Ich verbrachte auch viel Zeit mit Theaterspielen und Auftritten mit Musik oder Leute werben für die Gruppe. Also ich war einfach total glücklich für einige Jahre. Und dann noch die gute Beziehung zum Chef. Das war für mich einfach ein Traum, bis dann diese Vierer-Banden Geschichte passierte, da haben wir uns sehr entzweit und das kam auch nie mehr so zusammen, weil ich auch seine Doppelbödigkeit gespürt hatte und damit eine große Enttäuschung blieb und dann ein Trotz.
War Kunst allgegenwärtig im Kommune-Alltag und wie wurde Kunst definiert?
Die Kunst wurde nicht definiert, aber der Künstler war per se der bessere Mensch. Es konnte nur der ein guter Mensch sein, der auch ein Künstler war und zwar ein guter Künstler. Letzterer hat sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er wie Otto Muehl war.
Muehl hat praktisch Kunstunterricht gegeben?
Ja, er war durch und durch Lehrer.
Du warst aber nicht so nahe bei ihm, dass du dabei seine Assistentin werden konntest?
Nein, das wollte ich nicht, ich wollte kein Pinselwäscher sein. Aber ich war oft genug dabei, wenn er gemalt hat. Das war immer auch ein energetisches Erlebnis. Er war schon ein ziemliches Energiebündel.
Wie hast du das empfunden, wenn manche ihm nachfolgten und versuchten, so zu malen wie er? Wurde da nie davon gesprochen, dass ein Künstler auch eigene Sachen entwickeln kann oder sogar muss?
Nein, es wurde sehr viel über Kunst im allgemeinen geredet. Das habe ich aber jetzt nicht mehr so parat, ich müsste man noch mal in der Doku nachlesen. Jedenfalls wurde viel über Energie gesprochen, über den energetischen Strich, auch über Vorbilder. Obwohl er auch mal eine Phase hatte, wo er wie Picasso gemalt hat, blieben nach all diesen Exkursen eigentlich immer nur zwei Künstler als Vorbilder übrig: van Gogh und Cezanne. Um die hat sich dann bei ihm mehr oder weniger alles gedreht. Otto hatte z.B. intensive van Gogh-Phasen. Am Friedrichshof wurde dann so gemalt und darüber wurde sehr viel gesprochen, also von ihm doziert.
Hast du auch mitgemalt?
Halbherzig. Das habe ich weniger gern gemacht, aber manchmal wurden in München Staffeleien aufgestellt und man hat sich beteiligt. Was ich sehr gern hatte, waren diese Zeichenabende, weil das so ein schönes, konzentriertes, fast meditatives Erlebnis war. Also wir waren 50, 60 Leute in diesem großen Schulhaus, und es gab ein Aktmodell in der Mitte, nach Akademievorbild. Die Frau, manchmal ein Mann, wurden dann abgezeichnet oder mit Ölkreide gemalt. Und dabei ist Otto ist herumgegangen und hat mal etwas verbessert oder ins Bild hinein gemalt. Das hat er auch geliebt. Dabei wurde übrigens niemand angegangen, niemand kritisiert. Also diese Abende habe ich schon sehr geliebt, da habe ich auch gerne mitgemacht.
Hast du an den Filmen mitgewirkt?
Nein.
Wie hast du die künstlerische Arbeit der Kinder empfunden? Zum Beispiel wenn sie Theaterstücke konzipiert haben oder öffentlich aufgetreten sind. hat dich das besonders bewegt?
Irgendwie schon. Ich fand es einfach schön und gelungen. Die Kinder sind ja überall aufgetreten, auch bei Schulfesten im Burgenland. Sie hatten eine Musikband, einen Musiklehrer, sie haben Musik gemacht, ebenso kleine Theaterstücke. Weil wir gerade über Kunst reden: ich habe in der Kommune das Tanzen für mich entdeckt. Vorher war ich keine Clubgängerin gewesen. Aber in der Kommune, diese schönen, gemeinsamen Tanzabende haben mir gefallen. In der Mitte hat jemand vorgetanzt oder man hat zu zweit oder zu dritt in der Mitte getanzt. Und es gab auch Abende, an denen alle getanzt haben. Drüben im Schulhaus ist diese Empore immer noch zu sehen, auf der ein DJ Musik auflegte, und alle haben getanzt. Diese Möglichkeit des körperlichen Ausdrucks, auch der Ekstase habe ich sehr geliebt.
Spielten Drogen eine Rolle?
Nein. Klar, wir haben schon immer mal Marihuana geraucht, aber meistens erst danach.
Wußtest du vom Kokaingebrauch von Otto und seinen Leuten?
Vom Kokain wußte in der Gruppe nur der sehr kleine Kreis um Otto, der auch mitgekokst hat. Alle anderen Kommunarden haben das erst nach der Auflösung erfahren.
Wie hat sich deine persönliche Beziehung zum Otto entwickelt? Du hast schon gesagt, dass du am Anfang verliebt warst und er dich durch seine starke Energie sehr beeindruckt hatte. Aber was hat sich dann geändert?
Das war natürlich ganz schwierig, denn ich war ja im Dauerkonflikt und musste sozusagen erst mal wieder Boden unter die Füße bekommen. Aber durch meinen Arbeitserfolg habe ich natürlich bei ihm auch wieder an Respekt gewonnen. Da kam er dann wieder auf mich zu, denn das Geld wurde ja gebraucht. In der Hinsicht war ich schon eine der Besten über die Jahre und vor allen Dingen eine der wenigen Frauen, die sich engagiert haben. Ansonsten waren das ja zu 90% Männer. Es blieb aber von mir zu ihm und vielleicht auch von ihm zu mir seit dieser „Viererbande“-Geschichte eine innerliche Kluft, eigentlich für mich ein Dauerkonflikt.
Wußtest du vom Mißbrauch Ottos an jungen Mädchen und von C. an minderjährigen Jungs?
Ja, von der Sexualität mit den Mädchen und auch mit den jungen wußten alle, da ja das Integrieren der Jugendlichen in die Sexualität genau so öffentlich thematisiert wurde.
Wann habt ihr das riesengroße Projekt der Klärung von Vaterschaften angestoßen?
Das war schon vor dem offiziellen Ende der Kommune und das Projekt von B.. Ich weiß gar nicht mehr, warum er diese Notwendigkeit sah. Aber das Problem war plötzlich da und wurde ein Riesenprojekt, das eine halbe Million Mark gekostet hat. Und ich weiß auch gar nicht mehr, wie er es geschafft hat, den Kooperationsrat dazu zu bringen, das zu finanzieren. Zum Glück war noch Geld da, und obwohl es ein sehr kritisch beäugtes Projekt war, wurde es dann durchgezogen. Das war sehr wichtig.
Nach der Kommune hast du…
…habe ich Otto den Stinkefinger gezeigt.
Hast du mitgeholfen, dass Otto sich am Ende für alles entschuldigt hat?
Du meinst diese öffentliche Entschuldigung bei der Ausstellung im Leopold Museum im Jahr 2000? Nein, das war seine portugiesische Gruppe, also vor allen Dingen V. und auch D., seine Kunstmanagerin. Sie haben ihm die Notwendigkeit aufgezeigt, dass jetzt eine Entschuldigung fällig wäre.
Was ich tatsächlich gemacht habe, war den Vergleich zwischen ihm und der Genossenschaft auf dem Friedrichshof auszuhandeln, das war auch im Jahr 2000. Den habe ich mit ihm über seine Kunstmanagerin vereinbart. Er hat etliche seiner Bilder von der Genossenschaft zurückbekommen, und wir haben die Rechte erhalten – so war das endlich mal geklärt und ein wichtiger Schritt für den Auftritt im Kunstmarkt.
Am Ende der Kommune wurde mir innerhalb von kürzester Zeit klar, was da abgelaufen ist. Auch dass er und seine ganze Entourage mit Zwölferrat / Erstem BAG sich komplett vor jeder Verantwortungsübernahme gedrückt hatten. Das fand ich einfach unverständlich und auch widerwärtig. Es wurde dann diese absurde, ja empörende Legende gestrickt, dass die Großverdiener, also auch ich, unter anderem die Kommune zu Fall gebracht hätten, weil sie endlich alles Geld für sich behalten wollten.
Wie ging diese Legende?
Da wurden irgendwelche historischen Vergleiche zur Französischen Revolution zitiert: Der Adel wird entmachtet, denn das Bürgertum will endlich das Geld für sich behalten. Lauter so abstruses Zeug. Ich muss den Übergang vielleicht noch mal anders erklären: Noch kurz vor der Auflösung der Kommune wurde 1990 die „Kooperative Friedrichshof“ gegründet, und das war praktisch die erste richtige Struktur für unsere Haushaltskasse, die bis dahin eher informell lief. Also alle haben in die Haushaltskasse einbezahlt, daraus wurden dann alle Ausgaben bezahlt, inklusive Arztkosten und was man halt alles brauchte, Klamotten, Miete usw. Was dann noch übrig blieb, wurde in Luxemburg angelegt bzw. unter anderem für den Unterhalt des Friedrichshofs ausgegeben. Die Wahl zum Kooperationsrat war eine geheime Wahl in der Generalversammlung aller, damals noch in der Gruppe befindlichen Mitglieder von ca. 300 Leuten. Das war die erste echte geheime Wahl während der ganzen 18 Kommune-Jahre. Gewählt wurde ein sogenannter Kooperationsrat, ähnlich dem Zwölferrat, den die frühere „Viererbande“ schon 1981 vorgeschlagen hatte. Dieser Kooperationsrat umfasste über 20 Mitglieder, denn man wollte für die Organisation und zur Sicherung des materiellen Überlebens auf keinen Fall mehr nur einen an der Spitze haben.
Ging es auch um die Ablösung der alten Kader?
GV: Es war nicht explizit formuliert, dass man jetzt Otto Muehl absetzen wollte. Das passierte dann aber irgendwie doch, denn die Mitglieder haben die meisten bisherigen Gruppenleiter nicht mehr in den Kooperationsrat gewählt. Es wurden dann die Ergebnisse gezählt und die Stimmen, die man erhalten hatte, auf eine große Tafel geschrieben. So wurde klar, dass auf F. und mich die meisten Stimmen entfallen waren. Nur noch drei oder vier der alten Gruppenleiter waren in diesen Kooperationsrat gewählt worden. Obwohl Otto Muehl nicht auf der Kandidatenliste stand, hat er gleich verstanden, dass sein Erster BAG, abgewählt worden war, fast alle Gruppenleiter und damit letztlich auch er selber. Konsequent hat er dann F. und mich im April 1990 für eine offizielle Machtübergabe zu sich zitiert. Für mich war die Wahl ein Auftrag, und den habe ich angenommen. In diesem Jahr folgten unendlich viele Kooperationsratssitzungen, ich glaube, wir haben über 40 abgehalten.
Wo fanden die statt?
Abwechselnd hier am Friedrichshof, dann mal in München oder in Berlin. Wir hatten bei einer legendären Sitzung, ich glaube in München, schon einen externen Berater dabei, Max Fink, einen ehemaligen Vorstand der Allianz Versicherung Österreich. Er hat dort festgestellt, dass wir eigentlich pleite sind, weil wir über Jahre schon viel mehr ausgegeben als eingenommen hatten. Parallel lief die Untersuchung der Staatsanwaltschaft wegen der Anzeigen des sexuellen Mißbrauchs an minderjährigen Mädchen und eine Pressekampagne von ehemaligen Kommunemitgliedern eben wegen dieser Vorwürfe. Während dieser Untersuchung wurde die Schule geschlossen, weil die Öffentlichkeitsrecht hatte. So fiel ein Dominostein nach dem anderen. Es wurde unendlich viel diskutiert. So gewann ein schier unendlicher Aufarbeitungsprozess an Fahrt und eine zweite Generalversammlung wurde auf Druck von vielen Mitgliedern notwendig, in der dann sämtliche ehemalige Gruppenleiter abgewählt wurden.
Wie haben die Kommunarden das alles verkraftet?
Rundherum brachen die blauäugigen, gutgläubigen Kommunarden zusammen. Auf allen Fluren hast du weinende Menschen gefunden. Das war alles ganz schrecklich, es ging auch rasend schnell. In allen Stadtgruppen fanden Palaver statt.
Und Ende des Jahres, also im November 1990, wurde in der Generalversammlung der „Kooperative Friedrichshof“ das Ende der Kommune beschlossen, also die Liquidation der Kooperative, die gerade mal ein halbes Jahr alt war. Damit wurde ab dem 1. Januar 1991 das Privateigentum eingeführt, und jedes Mitglied bekam erst mal 1.500 DM, sozusagen als Überbrückungsgeld. Auch eine Stiftung in Luxemburg wurde aufgelöst mit ca einer Million DM und das Geld an Mütter mit Kindern sowie an Kommunarden verteilt, die keine Rente hatten. Dafür war vorher mit Max Fink ein Schema ausgearbeitet worden. Später wurde dann auch das Restgeld der Kooperative ausbezahlt, das werden noch etwa eine Million DM gewesen sein.
War das alles an Vermögen?
Nein, es gab noch Aktien der Allmende AG – darin ist El Cabrito als Grundstück enthalten, die waren zu 100% in der Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft.
Das war ja so: Es haben alle Kommune-Mitglieder April 1990 notariell unterschrieben, dass sie auf alle Ansprüche von dem, was sie in der Kommune erarbeitet, erwirtschaftet oder eingebracht haben, verzichten. Im Gegenzug erhielten sie an der neugegründeten „Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft“ 166 Anteile. Das heißt, du hast persönlich auf Ansprüche verzichtet, aber gleichzeitig wurden alle gleichbehandelt, egal ob sie was eingebracht hatten oder nicht. Es hat also jeder den gleichen Anteil erhalten, ein Tischler genauso wie ein Großverdiener. Kinder wurden aber leider nicht berücksichtigt, was sie uns dann später zu Recht übel genommen haben! Also gleiche Vermögensverteilung, und in die Genossenschaft wurde auch die Aktionismus Sammlung eingebracht, einschließlich Ottos Bilder aus der Kommunezeit. Dort gab es noch ein paar Werke von anderen Künstlern, darunter ein Beuys und einen Dieter Roth hatten wir, glaube ich, auch noch. Dazu auch die Aktien der Allmende von El Cabrito und später dann der Friedrichshof. Der Friedrichshof war ja zunächst noch eine eigene, gemeinnützige Genossenschaft, an der alle Mitglieder gleiche Anteile hielten, die „Gemeinschaftsbau“. Diese wurde dann 1992 mit der Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft fusioniert. Die „Kooperative Friedrichshof“ ist 1996 endgültig liquidiert und das Restvermögen von ca einer Million DM verteilt worden.
Für dich selbst war die Auflösung der Kommune ein schwerer Schock? Aber gleichzeitig hast du dich doch offenbar total eingebracht, um das Schiff irgendwie zu retten?
Ja, ich wollte nicht einsehen, dass es so zu Ende geht. Deshalb habe ich Ottos Destruktionsabsichten ein großes Nein entgegen gesetzt. Er wollte so eine Nach-mir-die-Sintflut-Strategie fahren und alles in den Abgrund reißen, weil aus seiner Sicht die Kommunarden ohne ihn nicht überlebensfähig waren und in alte Muster zurückfallen würden. Im Nachgang, als ich über alles reflektieren konnte, habe ich mich über meine Rolle in der Kommune dafür geschämt, ökonomisch so erfolgreich gewesen zu sein, denn ich habe damit unter anderem geholfen, das System um einige Jahre mehr als notwendig aufrecht erhalten zu haben.
Wie hat sich dein Übergang ins neue Leben abgespielt?
Ich war ja eng in alle die Veränderungen eingebunden und hatte viel zu tun. Dazu habe ich weiter in der Consens in München gearbeitet und wurde 1991 Geschäftsführerin.
Haben sich die Kinder der zweiten Generation leichter als die Altkommunarden in die Gesellschaft integrieren können?
Das kann ich kaum beurteilen. Es kam, glaube ich, sehr auf die Eltern an, wie sie das angepackt haben. Aber die Gesellschaftsstruktur war eine ganz andere als in der Kommune, da haben sie sich sicherlich sehr fremd gefühlt.
Hast du dich um die Kinder gekümmert, sie finanziell unterstützt?
Ja, um viele.
Wie hast du sie ausgewählt?
Eher intuitiv, also wenn ich dachte, die brauchen das jetzt unbedingt und sind ein bisschen verloren. Und ihre Eltern oder ihre Mütter waren total überfordert. Es gab außerdem zehn Kinder, mit denen ich nach der Kommuneauflösung in München bis 1997 gelebt habe. Sie waren mir natürlich näher. Es ging darum, dass sie die Schule fertig machten oder um Führerscheine und solche Dinge, gerade bei den Jugendlichen, die bei Auflösung der Kommune mitten in der Pubertät waren. Da konnte ich helfen, und das habe ich gern gemacht. Das war mein Anteil, zumindest für einige aus der zweiten Generation Verantwortung zu übernehmen.
Vielen Dank für das Gespräch.
