Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Nur schon mal zur Warnung, wir haben heute hier einen wilden Mix aus Marx und Muehl – und der Eisenbahn, die heute auch hier Station macht, auf ihrer Reise aus den Tiefen der Jahrhunderte. Doch der Reihe nach:

ROTER SALON KOMMT ZUM ZWEITEN MAL NACH WIEN
ROTER SALON WIEN
Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit
Wulf D. Hund, Lukas Egger und Felix Lösing
Donnerstag, 17.September 2026, 18 Uhr 30
Café Else, Heinestraße 36, 1020 Wien
Das gleichnamige Buch, das in der Veranstaltung besprochen wird, ist erschienen im Mandelbaum Verlag Wien, 2025.

Der Umgang von Marx und Engels mit Rassismus ist heiß umstritten. Waren beide selbst verkappte Rassisten – oder haben sie bereits en passant eine kritische Rassismustheorie entwickelt? Waren sie in ihrem Blick auf die, sie umgebenden rassistischen, Verhältnisse schlicht ›Kinder ihrer Zeit‹ – oder im Gegenteil ›ihrer Zeit weit voraus‹? 

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Mit Bezug auf die von Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister in Deutschland, aufgestellte Behauptung, Marx sei Rassist gewesen, gab es in Wien eine Initiative, den historischen Karl Marx-Hof um zu benennen

Die Debatte hat hohe aktuelle Bedeutung, weil der Vorwurf, der Marxismus sei „rassistisch“, gerade unter jungen Leuten ein falsches Bild erzeugt. Auch die vor kurzem in Wien aufgetauchte Forderung, der Karl-Marx-Hof solle umbenannt werden, ging auf diesbezügliche Vorwürfe gegen den Marxismus zurück. Lukas Egger (Wien) hat mit Wulf D. Hund (Hamburg) und Felix Lösing (Lüneburg) dazu das Buch „Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit“ geschrieben. Im Gespräch mit Michael Hopp stellt Egger die zentralen Ergebnisse der Studie vor – und verweist auf die Perspektive einer historisch-materialistischen Rassismustheorie. Diese ist das Gegenteil einer kanonischen Marx-Engels Exegese, die Widersprüche glättet, und Marx und Engels gegen jede Kritik verteidigt.
Dr. Lukas Egger lebt und arbeitet als Autor und Politikwissenschaftler in Wien.
Siehe auch: https://michael-hopp-texte.de/marx-und-engels-unter-einfluss/

ROTER SALON HAMBURG: KLASSENSYSTEM EISENBAHN
Klasse, Geschlecht und »Rasse« auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts
ROTER SALON HAMBURG
Montag, 5. Oktober 2026, 18 Uhr 30
Ossietzky Forum

Im 19. Jahrhundert wird die Eisenbahn zum »Treffpunkt der guten (und manchmal weniger guten) Gesellschaft« (Walter Jens). Vom König bis zum einfachen Rekruten, vom Industriemagnaten bis zur Fabrikarbeiterin – fast alle sind gelegentlich mit der Eisenbahn unterwegs. Diese radikalintegrative Funktion trägt ihr bei den Zeitgenossen den Ruf als Nivelliermaschine ein, die sozialen Gegensätze zum Verschwinden bringe und den Weg in eine Gesellschaft der Gleichen ebne. Demgegenüber steht allerdings die Segregation der Passagiere, nach Klasse, Geschlecht und »Rasse«.

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Hat sich an ein großes Thema der Sozialwissenschaft gewagt: Niklas Weber (Foto: Weber)

Niklas Weber untersucht diese Praktiken der Trennung und ihren Wandel. Er beleuchtet die Diskurse und Erzählungen, die sich daran angeschlossen haben: vom Antagonismus der Klassen und sozialer Mobilität, von der Liebe auf den ersten Blick und sexueller Gewalt, von rassistischen Diskriminierungen und antisemitischen Epiphanien. Fast fünfzig Jahre nach Wolfgang Schivelbuschs Klassiker erzählt er die Geschichte der Eisenbahnreise neu, als Kulturgeschichte sozialer Differenzen und Konflikte.
Niklas Weber ist Historiker und Kulturwissenschaftler und derzeit am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam beschäftigt. Das Buch ist 2026 im Campus Verlag erschienen: Niklas Weber, Passagiere – Klasse, Geschlecht und »Rasse« auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts

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Protestaktion gegen die Muehl-Retrospektive vor dem „Wiener Aktionismus Museum (WAM)“ (Foto: Matthias Dusini)    

OTTO MUEHL AUSTELLUNG IN WIEN
Otto Muehl – Kunst am Abgrund
Wiener Aktionismus Museum
Weihburggasse 26, 1010 Wien
Dienstag bis Sonntag
11:00 – 18:00 Uhr
Montag geschlossen

Da der Herausgeber dieses Blogs seit einigen Monaten Bewohner des Friedrichshof ist, des früheren Hauptquartiers der Muehl-Kommune, war hier im Blog in letzter Zeit einiges über die Geschichte der Kommune zu lesen, neben dem neu gegründeten, wöchentlichen Format „Brief vom Friedrichshof“, das sich auf den heutigen Friedrichshof und die Menschen, die da leben, bezieht. Das findet ihr ganz leicht im Inhaltsverzeichnis des Blogs, da brauche ich hier nicht groß verlinken.
Für die nun anstehende Berichterstattung über die Wiener Muehl-Ausstellung, und die Verwerfungen, die es um sie gibt, soll zunächst eine Textübernahme aus dem „Falter“ stehen. Der Autor ist gegenüber dem Friedrichshof als „Ort der Utopie“ sehr kritisch eingestellt, gerade deshalb soll sein Text auch hier einige zusätzliche Leserinnen und Leser finden.
M.H.  

KUNST UND VERBRECHEN

Von Matthias Dusini  

Der Künstler Otto Muehl erinnert mich an einen chronischen Husten: Mal löst er ein Hüsteln aus, mal ein Röcheln mit Auswurf. Als ich heute die Ausstellung „Otto Muehl – Kunst am Abgrund“ besuchte, dachte ich, ich brauche einen Schluck Bronchosan Akut. Nicht wegen der Aktivisten, die vor dem Wiener Aktionismus Museum (WAM) gegen die Muehl-Retrospektive protestierten. Sie lärmten mit Pfeifen und hielten Transparente hoch: „WAM=Tätermuseum“ oder „Verantwortung statt Wertsteigerung“.

Die Slogans richteten sich gegen den Veranstaltungsort, den private Mäzene finanzieren. 2022 kaufte eine Investorengruppe um den Galeristen Philipp Konzett die Sammlung Friedrichshof, die neben Werken aus der Zeit des Wiener Aktionismus tausende Arbeiten aus Muehls späteren Phasen umfasst. Das WAM zeigte bereits Ausstellungen über Hermann Nitsch – nun folgt eine Werkschau von Otto Muehl (1925–2013), der wegen schwerer Sexualdelikte zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Anfang der 1960er-Jahre hatte Muehl gemeinsam mit Nitsch, Günter Brus und Rudolf Schwarzkogler durch radikale Performances auf sich aufmerksam gemacht. Die lose Gruppe bekam den Namen Wiener Aktionismus.

Atemnot bekam ich drinnen, wo WAM-Direktor und Kurator Klaus Albrecht Schröder, ehemaliger Chef der Albertina, das Ausstellungskonzept erläuterte. Ich habe viele Schröder-Ansprachen gehört: brillante, salbungsvolle Lobreden auf große Künstler. Ob Rubens oder Rembrandt, van Gogh oder Arnulf Rainer – stets will er das geniale, autonome Kunstwerk von den Spuren des Lebens trennen. In dieser Denkschule dürfen Künstler – wie Caravaggio – sogar zu Mördern werden, solange die Qualität der Werke überzeugt. „Die Darstellung von Gewalt heißt doch nicht, dass ein Künstler gewalttätig ist“, stellt Schröder klar.

Im Fall von Otto Muehl führt dieses Mindset in den Abgrund. Ein Großteil der Ausstellung widmet sich der aktionistischen Frühzeit, die längst zum Kanon der Kunstgeschichte zählt. 1962 trafen sich Muehl und Nitsch in einem Wiener Keller, um eine neue, intensive Kunst zu erproben. Sie empfanden die informelle Malerei mit ihren Kringeln und Farbspritzern als zu lasch. Muehl experimentierte mit Blech und Gerümpel, Nitsch malte mit Blut und Farbe. Einige Beispiele füllen den ersten Raum: schlammig-braune Patzen, mehr Relief als Malerei, chaotisch gebogene Drahthaufen.

In den Texten zu dieser Initialzündung biegt der Kurator falsch ab. Er beschreibt Muehl als Rebell, der gegen das Establishment protestierte. Schröder nennt Muehl „den wichtigsten österreichischen Künstler, der sich mit dem Zivilisationsbruch der NS-Zeit auseinandersetzte“. Bereits in den frühen Aktionen benutzte der vermeintliche Tabubrecher Frauen als Objekte, übergoss sie mit Flüssigkeiten, schnürte sie ein und forderte sie zu sexuellen Handlungen auf. In den späten 1960er-Jahren verwandelte er sich in einen Despoten, erst in einer WG in der Praterstraße, dann als allmächtiger Führer einer Kommune im Burgenland, dem Friedrichshof.

Auch heute noch schwere Vorwürfe gegen Otto Muehl
Der Mittvierziger missbrauchte die Psychoanalyse, um Macht über Jugendliche und junge Erwachsene zu gewinnen. Zeitzeugen berichten, er habe 1973 einen Teenager, der sich in seiner Obhut befand, in den Selbstmord getrieben. Anders als Schröder behauptet, stellte Muehl nicht nur Gewalt dar. Er übte sie aus. Die Wandtexte verschweigen den auch totalitären Grundzug des Wiener Aktionismus, den manche Kritiker früh mit dem faschistischen Futurismus verglichen. Stattdessen stilisieren sie Muehl zum Erneuerer, der das „konservative Verständnis von Ästhetik“ herausforderte. „Muehl setzt eine lange Revolte der Moderne gegen Schönheit, Reinheit und glatte Oberfläche fort,“ heißt es in einem Wandtext. Die Präsentation selbst setzt allerdings nicht auf Revolte, sondern auf glatte Oberfläche: Als hätte man das Werk des Bürgerschrecks in die Waschmaschine gesteckt und mit Fleckenentferner behandelt.

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Die Gruppe MATHILDA ist eine fluide Vereinigung und ein Aktivismus-Projekt aus Künstler*innen, Zeitzeug*innen, Wissenschaftler*innen und Betroffenen. Die Initiative wurde 2019 gegründet, um eine kritische Aufarbeitung und Kontextualisierung der Kunst des verurteilten Sexualstraftäters Otto Mühl und seiner repressiven „Mühl-Kommune“ (Kommune Friedrichshof) voranzutreiben. Die Gruppe setzt sich vehement gegen die unkritische Glorifizierung Mühls im Kunstmarkt ein und fordert stattdessen eine „Entkunstung der Kunst“ sowie die Anerkennung des dort stattgefundenen Machtmissbrauchs

Das zeigt sich besonders deutlich in den Räumen, die die Malerei der Kommunen-Zeit vermitteln. In den 1980er-Jahren entdeckte Muehl die einst verspottete Arbeit mit Pinsel und Leinwand wieder. Zu sehen sind Darstellungen, in denen er Farbauftrag und Sujets des Proto-Expressionisten Vincent van Gogh imitiert. Schröder stellt Muehl in die Tradition eines „artiste maudit“ (verfluchter Künstler). So wurden Außenseiter wie van Gogh in ihrer Zeit genannt. Diese Einschätzung verkennt die Umstände, unter denen diese etwas banalen Van-Gogh-Paraphrasen entstanden. Muehl pinselte nicht am Rande, sondern von Koks zugedröhnt, an der Spitze einer erbarmungslosen Hierarchie.

Die Schau verzichtet bewusst auf umstrittene Bilder: Porträts von Vergewaltigungsopfern oder jene „Aschebilder“, die Muehl aus den Überresten von Dokumenten herstellte. Als Ermittler 1989 den Friedrichshof, Sitz der Muehl-Kommune, durchsuchten, ließ Muehl belastendes Material verbrennen und verarbeitete die Asche zu Gemälden. Indem sich die Retrospektive auf vermeintlich harmlose Sujets beschränkt, verharmlost sie den Gewaltkontext. Die WAM-Schau ist nicht der erste Versuch, das Muehl-Werk von den Verbrechen seines Urhebers zu trennen.

Der damalige Direktor Peter Noever lud 2004 den damals in Portugal lebenden Künstler zu einer Retrospektive ins Wiener Mak ein. Nach Protesten von Ex-Kommunarden musste Noever den Titel „Das Leben, ein Gesamtkunstwerk“ zurücknehmen. Im Katalog klafften Lücken: Ehemalige Mitglieder wehrten sich dagegen, auf Fotos als Befürworter einer gesellschaftlichen Utopie zu erscheinen. Das Mak musste die Köpfe herausstanzen. Im Zuge der Mak-Schau reiste ich nach Portugal, um den an Parkinson erkrankten Muehl zu interviewen. Ich traf einen Mann, der Fremde um den Finger wickelte – und zugleich die dort lebenden Kinder und Frauen wie Abschaum behandelte. Ich wundere mich, dass das Märchen von Otto dem Großen 20 Jahre später immer noch geglaubt wird.  

Matthais Dusini ist ein in Österreich wirkender Journalist und Autor. Er ist Kulturchef der unabhängigen Wochenzeitschrift Falter, wo der Beitrag auch zuerst erschien

KEINE POLITISCHE SCHÖNHEIT

Ein weiterer Hinweis: Wie das Berliner Zentrum für Politische Schönheit am Friedrichshof eine Ausstellung über die Kommune einrichten wollte – und scheiterte:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/zps-zentrum-fuer-politische-schoenheit-otto-muehl-werkschau-100.html

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