Tatütata – oder wie macht die Eisenbahn? Jedenfalls macht sie Station im ROTEN SALON HAMBURG am 5.Oktober 2026, also schon sehr bald!
(Anmelden! https://roter-salon-hamburg.de/) – mit Niklas Weber und seinem „bahnbrechenden“ Buch „Passagiere“. Daß es hier im Blog und danach im Blog des ROTEN SALON (https://roter-salon-hamburg.de/) eine redaktionelle Einstimmung gibt, daran seid Ihr ja schon gewöhnt. Und so soll es auch diesmal sein, mit zwei kurzen Beiträgen. Much fun!
Niklas Weber im Podcast
Die Gesellschaft im Eisenbahnwagen
Die Eisenbahn gilt als Verkehrsmittel, das Menschen zusammenbringt – allerdings ohne ihre Spaltung aufzuheben. Im 19. Jahrhundert war das eine aufregende Vorstellung: Könige und Rekruten, Industrielle und Fabrikarbeiterinnen konnten mit demselben Zug reisen. Aber saßen sie auch wirklich zusammen? Wer durfte welches Abteil betreten, wer konnte sich eine Fahrkarte leisten, und für wen war die Reise mit besonderen Risiken verbunden?
Diesen Fragen geht der Historiker Niklas Weber in seinem Buch Passagiere. Klasse, Geschlecht und »Rasse« auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts nach. Im Podcast „Krumme Straße“ spricht er mit Ekkehard Knörer über die frühen Jahrzehnte der Eisenbahn. Das Gespräch fragt, wie sich die Hoffnung auf eine demokratischere Gesellschaft zu den neuen Klassengrenzen im Zug verhielt. Zur Sprache kommen außerdem moralische Ängste rund um das Reisen, das Bahnpersonal und die Eisenbahn in den deutschen Kolonien.
Webers Buch richtet den Blick auf den Wagen als gesellschaftlichen Raum. Die Einteilung in erste, zweite und dritte Klasse war mehr als eine Frage des Komforts. Sie machte Unterschiede sichtbar und regelte, wer wem begegnete. Auch Geschlecht prägte die Reise: Eigene Abteile für Frauen versprachen Schutz, warfen aber zugleich Fragen nach Freiheit, Kontrolle und Sicherheit auf. In kolonialen Zusammenhängen und im Umgang mit jüdischen Reisenden traten weitere Formen der Ausgrenzung hinzu.
So wird aus der Geschichte eines Verkehrsmittels eine Geschichte darüber, wie eine Gesellschaft Nähe und Abstand, Trennung und Spaltung organisiert. Die Eisenbahn beschleunigte das Reisen und eröffnete neue Möglichkeiten der Begegnung. Gleichzeitig verschwanden die Grenzen zwischen Menschen nicht einfach, sobald der Zug abfuhr. Häufig wurden sie im Abteil erst besonders deutlich.
Das Podcastgespräch bietet einen Einstieg in diese Perspektive – und eine Gelegenheit, Niklas Weber vor unserer Veranstaltung bereits kennenzulernen.

Friedrich Engels zu Bahn und Klasse
„Ein Penny die Meile“
Ein besonders anschaulicher Text zur Klassengesellschaft in der Eisenbahn stammt übrigens von Friedrich Engels. Er beschreibt 1845 den Streit darüber, ob erschwingliche Züge für Arbeiter auch sonntags fahren sollten – ihrem oft einzigen möglichen Reisetag. Den Auszug haben wir gefunden in: Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW 2, p. 258
„Bis auf die heutige Stunde kämpft die besitzende Klasse im Parlament gegen das bessere Gefühl der noch nicht ganz der Selbstsucht Verfallenen, um das Proletariat mehr und mehr zu unterjochen. Ein Gemeindeplatz nach dem andern wird weggenommen und bebaut, wodurch allerdings die Kultur gehoben, aber dem Proletariat viel Schaden getan wird. Wo Gemeindeplätze existierten, konnte der Arme darauf einen Esel, ein Schwein oder einige Gänse halten, die Kinder und jungen Leute hatten einen Platz, wo sie spielen und sich im Freien herumtreiben konnten; dies hört immer mehr auf, der Verdienst des Armen wird geringer, und das junge Volk, dem sein Spielplatz genommen ist, geht dafür in die Kneipen. Eine Menge solcher Parlamentsakten zur Urbarmachung von Gemeindeplätzen gehen in jeder Session durch.- Als die Regierung in der Session von 1844 sich entschloß, die allen Verkehr monopolisierenden Eisenbahngesellschaften zu zwingen, auch den Arbeitern das Reisen gegen ein ihren Umständen angemessenes Fahrgeld (1 Penny die Meile, etwa 5 Silbergroschen die deutsche Meile) möglich zu machen, und deshalb vorschlug, daß täglich ein solcher Zug dritter Klasse auf jeder Eisenbahn eingeführt werde, schlug der „ehrwürdige Vater in Gott“, der Bischof von London, vor, daß der Sonntag, der einzige Tag, an dem beschäftigte Arbeiter überhaupt reisen können, von diesem Zwang ausgenommen und so das Reisen am Sonntag nur den Reichen, nicht aber den Armen gestattet werde. Dieser Vorschlag war indes zu geradeaus, zu unverhohlen, als daß er hätte durchgehen können, und man ließ ihn fallen.“
