Otto ist zurück – „Brief vom Friedrichshof“ – Folge 6

Gehören Träume in einen Brief?  Warum nicht? Ich träumte gestern einen, der wohl mit all den Eindrücken der letzten Wochen hier am Friedrichshof zu tun hat und mit der neu entflammten Debatte um Otto Muehl. Eine Debatte, die sich für manche hier wie ein wiederkehrender Albtraum anfühlt. Wie ein Fluch, der sich nicht abschütteln lässt. Für manche fühlt sich das so an, nicht für alle.

In Wien gab es vor kurzem eine üble Attacke von rechts, der Karl-Marx-Hof sollte umbenannt werden, weil Marx Rassist und Antisemit gewesen sei und im übrigen nur Unglück über die Welt gebracht hätte.  Der Meinung bin ich auch nicht. Die Welt wird nicht gesund, wenn die Menschen der Geschichte davon laufen. Besser ist es,  auch für einen selbst, hinzuschauen, was wirklich war. Morgen besuchen Henni und ich die Muehl-Ausstellung im Aktionismusmuseum und wenn uns was halbwegs Gescheites dazu einfällt, gibt es nächste Woche einen Bericht.

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Foto: Henni Fischer

Ich träumte mit dem Fahrrad vom Einkauf in Zurndorf zurückzukommen. Als ich am Innenhof vorbeifahre, wo der neue Food Truck steht und die

Tische und Stühle auf Gäste warten, ist einer der Stühle doch besetzt, von einem Mann, den ich zunächst nur von schräg hinten sehe.

Nachdem ich das Fahrrad in den Schuppen weggesperrt habe, luge ich durch die Sträucher – es ist Otto Muehl, der da sitzt, als würde er auf jemanden warten.

Im nächsten Bild des Traumes habe ich mich zu ihm gesetzt und  bin im Gespräch mit ihm.

„Nicht viel los hier“, sagt er übellaunig, mit seinem verknitterten Gesicht und den stechenden Augen hinter einer Brille, wie er in den letzten Jahren trug, obwohl eine Brille gar nicht zu ihm passte.
„Naja“, versuche ich das Bestehende zu verteidigen, “es wird vieles versucht hier im Moment, zum Beispiel die Wiederbelebung des Restaurants mit dem Food Truck hier.“

„Food Truck“ äfft er nach, „… Fut Truck“ und lacht. „Wird auf dem Friedrichshof jetzt englisch gesprochen?“

Ich verteidige das Konzept, die Gastronomie in kleinen Schritten wieder zu beleben, und merke schon, ich rede ins Leere.

„Aber was ist die Idee hier“, höre ich Otto Muehl sagen. „Was ist die Idee? Würschtel essen, vegetarische?“ 

„Was hätten sie denn für eine Idee“, sage ich, plötzlich unsicher, ob ich „du“ oder „sie“ sagen soll.
„Ich habe gar keine Idee“, sagt Otto. „Ich habe hier alles eingebracht, was ich hatte. Alles, was hier erschaffen wurde, die Kunst, die Immobilien, wurden der Genossenschaft übertragen. Jetzt muss sie selber sehen, was sie daraus macht.“
Und dann ist er verschwunden. Ich ziehe mir die Bettdecke nochmal gerade und schiele auf die Zeit am Handy

Otto lebt hier nicht mehr. Aber jetzt gerade geistert er wieder rum.

Zur Ausstellung:

https://wieneraktionismus.at

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