Tosende Stille – „Brief vom Friedrichshof“- Folge 7

Seit ein paar Wochen herrscht hier eine gewisse Aufgeregtheit, nicht für alle, nur für die, die für das Thema empfänglich sind, oder sehr empfänglich, vielleicht schon fixiert darauf. Die Muehl-Ausstellung in Wien. Der Ruf aus der Vergangenheit, die überwunden schien. Was ist die richtige Einstellung zu dem, was hier, an diesem Ort, der seine Besonderheit nicht los wird, „geschehen“ ist. „Ich habe mich bei meinen Kindern entschuldigt“, ist manchmal zu hören. „Ich bin mit mir im Reinen.“   Wenn es nur so wäre! Dann müsst es nicht betont werden. Das ist aber nicht ätzend gemeint. Eher die Suche nach dem richtigen Wort. Bei Peter Handke hieße es vielleicht: „Ich bin mit mir im Richtigen“. 

Wie „richtig“ bin ich hier? Und Henni? Das am realen Friedrichshof Vorherrschende ist kein Medienlärm, sondern die Stille. Bei mir ist es dummerweise so, dass äußere Stille zu einem inneren Lärm werden kann, die Ruhe hier, die Langsamkeit, zu einem inneren Geschwindigkeitsrausch. Der Bildschirm meines Laptops, den ich mit Blick in unseren Garten aus den Schenkeln balanciere, holt meine Arbeit hierher, mein früheres Leben, das so lebendig  und in Echtzeit gegenwärtig bleibt.  Hamburg, die Agenturarbeit, der ROTE SALON – und alle Menschen, die damit verbunden sind. Ich lebe in zwei Welten, die sich nicht recht verbinden. Wenn ich den Brief hier schreibe, dann sind sie verbunden – aber jederzeit kann mich auch Otto Muehl angrinsen auf meinem Bildschirm, mit seinem breiten Mund. Der hat hier auch nichts verloren unmittelbar, aber hätte es ihn nicht gegeben, sässen wir heute nicht hier. Ist doch so.

Klar hat der Laptop auch eine „Ausschalten“-Funktion und fährt alle Programme runter bis er tot ist und so still wie alles hier. Heute ist Sonntag, ein herrlichen Spätsommertag. Die Sonne noch warm, die Blätter beginnen zu leuchten. Wir wollen aufs „Erntedankfest“ des Gemeinschaftsgartens. Am Weg dahin treffen wir zwei 12, 13 jährige Mädchen und fragen sie, ob sie bei meinem Geburtstag am nächsten Wochenende Getränke servieren wollen.

„Wo wohnt ihr denn?“

„Hier, am Friedrichshof.“

Das ist praktisch, dann haben sie´s nicht weit. 

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Foto: Henni Fischer

Im Gemeinschaftsgarten ist es wieder bis zur absoluten Verblödung paradiesisch. Wir sind zu spät, fast alle sind schon weg.Es gibt nur noch  Reste zu essen, lauwarme Bratwurst, sie schmeckt herrlich. Selbstgemachten Nuß-Schnaps, für uns nicht, kein Alkohol. Und vom „Maggi-Kraut“ ( Liebstöckel, Luststöckel ) sollen wir uns nehmen, so viel wir wollen. Mütter mit ihren Kindern sind da. Der Maler Christoph, der mit der roten Brille, der schon seit 1981 hier wohnt, führt sie mit der Schubkarre herum. Dann beginnen die Mütter zu packen, machen sich auf den Heimweg. Henni und ich auch.

Wir haben Lust auf Eiskaffee. Den gibt es hier nicht, aber wir können ihn zuhause selbst machen. Rosa, unsere Katze ist auf das Plattenregal gesprungen, und kommt nicht wieder runter. Sie will sich aber auch nicht helfen lassen. Ihr Selbstbewusstsein ist heute stark gewachsen.  Vorhin hatte sie ihren ersten, ernsten Revierkampf bestanden, gegen die schwarzen Katze, der glaubt, hier alles unter Kontrolle zu haben. Kurz ist es laut geworden. Als sie mir dann  vom Arm springt, hallt ihr blitzschnelles Getrappel noch nach, als sie schon weg ist. Das innere Getöse wird leiser, wenn ich beginne, in der Stille was zu hören.

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