Leckts mi am Oasch

Betr.: Anne, Nancy und der sehr besondere ROTE SALON am Donnerstag, 18.6.26

Hier geht´s um den bevorstehenden ROTEN SALON (18.6.) mit Anne Rieger, einer Aktivistin der KPÖ im österreichischen Graz, die uns das Buch „Der Allesfresser“ der amerikanischen Philosophin Nancy Fraser vorstellt.  Also, es geht, kurz gesagt,  um die Geschichte von Anne und Nancy und jetzt bitte ich Euch noch, mir kurz ins Wien (!?) der Nachkriegszeit zu folgen. Nur Mut! Und im zweiten Teil: Ein Auszug aus meinem Roman „Mann auf der Couch“, in dem zu lesen steht, wie sich der junge, noch starke pickelige MAC im Wien der 1960er/1970er-Jahre selbst zum Linken sozialisierte – und dass dabei auch die KPÖ eine Rolle spielte, eine etwas geringe vielleicht als die Jugendmesse „Twen Shop“ und die Rockband „Novak´s Kapelle“. So Retro-Zeug halt, aber vielleicht ganz amüsant zum Wochenende. M.H.

KPÖ damals und heute – Abschied vom „Ostblock-Kommunismus“

Der „Gulyas-Kommunismus“ hatte das Gulyas und dem sprachen wir als junge, begeisterte Linke am alljährlichen „Volkstimme“-Fest der KPÖ begeistert zu, dazu Bier aus Tschechien und, ja, Knoblauch-getränkte „Langos“ gab es auch an den ungarischen Ständen. Das Volksstimme-Fest war nach 1945 weit mehr als ein Parteifest der KPÖ: Es war ein großes Wiener Volksfest mit politischem Einschlag. Seit 1947 fand es auf der Jesuitenwiese im Prater statt, zeitweise auch auf der Arenawiese, mit bis zu 150.000 Besucher:innen. 

kpoe sigi maron volksstimmefest 1982
„Leckts mi am Oasch“ – Protestsänger Sigi Maron am „Volksstimme“-Fest 1975 in Wien

In den 60er Jahren, als angehende, autonome, antiautoritäre Linke machten wir uns über die Spießigkeit des „Ostblock-Kommunismus“ lustig, nahmen aber doch gerne mit, dass aufkommenden Stars der Wiener Folkszene, sofern sie halbwegs links waren, hier ihre ersten Auftritte hatten. Ansonsten orientierten wir uns eher an der westdeutschen Linken oder waren verführbar von den Versprechen der freien Sexualität in Otto Muehls AAO-Kommune.

Aus Helene Maimanns wunderbarem Buch konnten wir uns erst jetzt, vor zwei Jahren, ein Bild machen, wie sehr wir in unserer politischen Entwicklung von teils emigrierten österreichischen Kommunisten und Widerstandskämpfern und vor allem von deren Kindern, die in Wien den Kern der „neuen Linken“ bildeten, geprägt waren. https://michael-hopp-texte.de/als-die-opferrolle-vergessen-war/

Anne Rieger steht für die heutige KPÖ – die sich eher an Nancy Fraser „Allesfresser“ orientiert als an Moskau

Die KPÖ startete 1945 so stark wie danach nie wieder: als Widerstandspartei, mit rund 100.000 Mitgliedern, Regierungsbeteiligung und 4 Mandaten im Nationalrat. 1949 und 1953 kam sie in Wahlbündnissen noch auf gut 5 Prozent. Doch der Kalte Krieg traf sie hart: Nähe zur Sowjetunion, Antikommunismus, der Oktoberstreik 1950 und die Krisen von 1956/Ungarn und 1968/Prag führten zu Austritten, Isolation und inneren Konflikten. 1959 flog sie aus dem Nationalrat; danach wurde sie bundespolitisch marginal.

In den 1970er- und 1980er-Jahren blieb sie in Friedens-, Gewerkschafts-, Kultur- und antifaschistischen Milieus präsent, verlor aber weiter Stimmen und Mitglieder. Nach 1989/91 folgte eine tiefe Identitäts- und Finanzkrise; die „Volksstimme“ wurde als Tageszeitung eingestellt, später erschütterten Vermögens- und Strukturprobleme die Partei.

Ein Comeback feiert die Partei heute nicht in Wien, sondern in den Bundesländern: vor allem in Graz, wo Ernst Kaltenegger die Wohnungsfrage ins Zentrum rückte. 1998 wurde er Wohnungsstadtrat, 2005 zog die KPÖ wieder in den steirischen Landtag ein, 2021 wurde Elke Kahr Bürgermeisterin von Graz. Eine kommunistische Bürgermeisterin in diesem katholischen Bundesland! Danach folgten Salzburg und Innsbruck: 2023 zog KPÖ Plus in den Salzburger Landtag ein, 2024 wurde Kay-Michael Dankl Vizebürgermeister in Salzburg. Bundesweit blieb der Durchbruch bisher allerdings aus: 2024 erreichte die KPÖ 2,4 Prozent und kein Nationalratsmandat.

Dem „allesfressenden“ Kapitalismus Einhalt gebieten – das müssen wir in Österreich, in Deutschland, in der Welt

Gibt es Parallelen zur „Linken“ hier bei uns? Um Fragen, die beim ROTEN SALON am vermutlich auftauchen, ein wenig zu grundieren, bieten wir im Blog bisher zwei Beiträge an:

Ein Interview mit Nancy Fraser zu „Der Allesfresser“:

Ein Interview mit Anne Rieger zur KPÖ in Österreich:

Und ein Bericht zur aktuellen Lage der KPÖ:

Selbstgeburt des jungen Mannes als Revolutionär
Auszug aus Michael Hopp, Mann auf de Couch“, textem Verlag Hamburg, Kapitel; Körper

In der Schule, dem Gymnasium in der Amerling-Gasse in Wien-Mariahilf, wurde ich immer schlechter, ich konnte mich auf Hausaufgaben nicht konzentrieren, schlich dauernd auf die Toilette und drückte an meinem Schwanz herum, was aber noch zu nichts führte. Als ich auf der dritten Klasse des Gymnasiums war,  tauchten ein, zwei Klassen über uns die ersten „linken“ Schüler auf, Georg, Walter und Daniel, sie waren im VJM, dem Verband Jüdischer Mittelschüler, was ich  exotisch und anziehend fand. Am Schikurs am Zauchensee, an dem mehrere Klassen teilnahmen, eskalierte die Situation, weil Georg die „kritischen Schüler“ eines Morgens nach dem Frühstück aufforderte, die weitere Teilnahme am Schiunterricht zu verweigern und zu einer Versammlung am Zimmer aufrief. Dass Schüler solche Rechte haben, hatten einige von uns dem „Kleinen Roten Schülerbuch“ entnommen, das unter den Schulbänken gelesen und intensiv verliehen wurde.

Am Zimmer saß der dickliche Junge mit den fettigen, langen Haaren und einer dicken schwarzen Brille auf der oberen Etage des Stockbettes und las aus „Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung“ von A.S. Neill vor, dem berühmten rororo-Taschenbuch des Summerhill-Gründers. Im Rahmen einer antiautoritären Erziehung, stellte der schlaue George das Vorgelesene geschickt in den Zusammenhang, könnten Schüler natürlich niemals gezwungen werden, an irgendetwas teilzunehmen, so gesehen sei es auch unser „natürliches Recht“, die Teilnahme am Schikurs zu verweigern und am Zimmer zu bleiben.

Nach diesem Morgen war für mich alles anders, ich hatte die Überzeugung gewonnen, dass es ein Leben jenseits von dem gab, das ich bisher kannte, diametral jenseits. Daniel, der Stillere von den dreien, der immer amüsiert wirkte und mit schnellen, wachsamen Blicken über seine randlosen Brillen guckte, statt etwas zu sagen, wurde später Zentralsekretär der GRM, der trotzkistischen „Gruppe Revolutionärer Marxisten“, der „österreichischen Sektion der IV. Internationale“, wie sich die Truppe bei jedem Kaffeehaustreffen vorstellte und redigierte schon als 18jähriger das GRM-Organ (so nannte man damals eine Zeitschrift)  „rotfront“. Später wurde er außenpolitischer Korrespondent des „Standard“.

Daniel, den später alle Dany nannten, vielleicht sogar den „roten Dany“, wie Daniel Cohn Bendit in Deutschland, war mit seinem politischen Auftritt mein Vorbild, ich hatte aber immer die Angst, bei weitem nicht so intelligent und gebildet zu sein wie er. Ich denke, das sah Dany auch so, der meine kurz darauf folgenden ersten journalistischen Gehversuche nie der Rede wert fand.

Für Daniel blieb ich immer der jüngere, etwas unkontrollierte Pennäler vom Schikurs am Zauchensee, der am Abend der Neill-Lesung vor lauter innerer Spannung förmlich explodierte, mit zwei anderen Buben in ein Mädchen-Zimmer einbrach, die im Schnee vorm Fenster gekühlten Fruchtjoghurts stahl und als Dankeschön Schnee und Eisklumpen in den Kissenüberzüge stopfte. Und es sollte noch einzige Zeit so bleiben, dass bei dem Schüler Michael Hopp infantile Pubertätsexzesse und politische Aktion praktisch in eins fielen, aber eigentlich war auch nichts schlecht daran.

Zurück in Wien, rief ich, in meiner Klasse ziemlich isoliert, ohne mich mit irgendjemandem abzusprechen, eine „selbstverwaltete Schülergemeinde ins Leben“, die ein „Raucherkammerl“ für die Schüler erstreiten wollte, was eines Nachmittags, als wir zum Turnunterricht an der Schule waren, im Einbruch in das „Geografie-Kammerl“ gipfelte, wo wir uns ziemlich idiotisch neben den Bügel mit den aufgehängten, Leinwand-großen Landkarten aufstellten und unsere „Tschick“ demonstrativ am geölten Holzboden austraten.

Zwar brach kein Brand aus, die Schule musste ich dann doch verlassen, was auch eine mehr oder weniger von mir alleine angezettelte Kampagne mit  Flugzetteln nicht verhindern konnte, die ich im Heim der katholischen Jungschar in der Bienengasse abgezogen hatte, in das ich sonst zum Tischtennis-Spielen ging.

IM STETEN BEMÜHEN UM „ORDENTLICHE“ SCHÜLERAKTIVITÄT WURDE NUN EIN ENGAGIERTER SCHÜLER SUSPENDIERT

Aufgrund der in letzten Tagen permanent stattfindenden Kreuzverhöre wurde ein Schüler suspendiert (darf die Schule derzeit nicht betreten). Damit ist die liberale Maske des BG 6, die durch das sogenannte „wohlwollende Verhalten“ der Professoren die Widersprüche der österreichischen Mittelschulen (Lernmotivation durch Leistungsdruck, Auswendiglernen von Fakten, keine Mitbestimmung und demnach Einsicht in die Inhalte und Verhaltensweisen, teilweise sinnlose Unterrichtsinhalte, Abhängigkeit von professoraler Willkür, unsicheres Verhältnis zur Sexualität, kein Sexualkundeunterricht) zu verdecken suchte, endgültig gefallen.

Die wahre Ursache für die Suspendierung wird wohl das kritische Engagement (Flugblätter und politische Diskussionen in der Klasse) sein. Da die willkürliche Entfernung eines kritischen Schülers jedem demokratischen Verständnis widerspricht, wird der betreffende Schüler sich dennoch im Unterricht einfinden!

Wenn der Herr Hofrat dennoch auf der Suspendierung besteht, wird er höflichst ersucht, vor der Klasse des betreffenden Schülers dies zu motivieren und sich anschließend einer Diskussion zu stellen.

Zur Diskussion der Zielvorstellungen und zur Einleitung erster Schritte treffen sich die Aktivisten (jeder kann Aktivist werden !!!) und interessierte Lehrer am Samstag, 8. September 1971, 16 h im Cafe MUSEUM (Operngasse)

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Wer bin ich? Porträt, Zeitpunkt und. Fotograf: unbekannt, verwendet am Cover von „Mann auf der Couch“ (2021)

Weil ich mich mit der selbstverwalteten Schülergemeinde mehr oder weniger als gescheitert empfand, wollte ich einen Gang höher schalten und überredete meinen friedliebenden und eher phlegmatischen Freund Hans, bei dem zu Hause wir am Plattenwechsler der Eltern am Nachmittag immer Singles von den Troggs, den Doors und Napoleon XVIII. hörten, mit mir eine Partei zu gründen, ja, eine Partei.

Diese Partei sollte gut lateinisch „Impetus“ (Angriff!)  heißen und das im Prinzip nicht schlechte Konzept verfolgen, ehemalige Nazis aufzudecken, die nach dem Krieg wieder im Schuldienst untergekommen waren. Gerade an der Amerling-Schule gab es davon eine ganze Menge, wie sich über die Jahre herausstellte. Auch mit dem in meinem Flugblatt als Herrn Hofrat angesprochenen Schulleiter hätte es wahrscheinlich nicht den Falschen getroffen.

Die von Hans und mir an Samstag Nachmittagen gestarteten Impetus-Aktionen erschöpften sich jedoch darin, die Privatadressen unbeliebter Professoren zu ermitteln, ihre Wohnungstüren mit Hakenkreuzen und dem Schriftzug „Impetus“ zu besprayen – und Fersengeld zu geben, wie es die „Lupo modern“, die wir gerade noch gelesen hatten, wohl genannt hätte.

Als wir nach einer Aktion an der Wohnungstür unseres Mathematik-Professors Sichrovsky, eines groß gewachsenen, unsicheren Manns, der immer gleichen Trevira-Anzug den Unterricht abhielt, die Belvederegasse hinunterliefen, sahen wir, wie er  uns auf der anderen Straßenseite entgegenkam, ja, das musste er sein, er war nicht so gut zu erkennen, denn auf der Straße trug er einen Hut, den er in der Schule nicht auf hatte.

Hans und ich, mit hochröten Köpfen, schwer außer Atem, flüchteten in einen Hausgang und brüllten mit letzter Kraft quer über die Straße: „Sichrovsky, du Sau, wir holen dich, Sichrovsky, du Sau…“ 

Die darauffolgende Stille lastete schwer auf uns. In gedrückter Stimmung suchten wir noch eine Telefonzelle und informierten die Austria Presse Agentur von unserem Anschlag, in dem wir in vorausgeahnter Terroristenmanier eine vorbereitete „Erklärung“ vom Zettel ablasen. Tatsächlich erschien am nächsten Tag eine kleine Meldung in der reaktionären, der Industriellenvereinigung nahestehenden Tageszeitung „Die Presse“.

Wenige Wochen später starb Professor Heinz Sichrovsky an einem Herzinfarkt und „Impetus“ stellte seine Tätigkeit ein, ohne dass Stefan und ich je groß darüber geredet hätten.

Das Jahr 1969, ich war 14, wirkte dann wie ein Erdbeben auf mich, es machte mir aber keine Angst, ich lief nicht davon, eher wollte ich die stärksten Ausläufer erwischen und mich so richtig wegtragen lassen. Es begann mit dem „Twen Shop“ im Wiener Messepalast, einer Art Jugendmesse, von der bürgerlichen Tageszeitung „Kurier“ und der ÖVP-nahen Jungarbeiterbewegung veranstaltet, wo ich bei freiem Eintritt das Konzert von „Novaks Kapelle“ sah, mit ihrem Song „Hypodermic Needle“, die Verstärker so aufgedreht, dass ich dachte, ich müsse mir die Ohren zuhalten, hätte das nicht uncool gewirkt. Sänger Walla Mauritz, mit der hinten aus seiner Hüft und Glocken-Hose herauslugenden

Po-Falte, wie er sich am Höhepunkt des Songs auf den Bühnenboden warf und sich wie ein zuckender Riesen-Embryo einrollte.

Ein Urerlebnis, erstmals hatte ich etwas empfunden, von dem ich heute noch nicht frei bin, eine Mischung aus Stärke, die Lautstärke, das Saurauslassen, und Schwäche, das Zugedröhnte, das Rumstolpern, der Embryo.

Das war jetzt Kultur für mich, vielleicht noch das Theaterstück „Magic Afternoon“ von Wolfgang Bauer, nichts anderes kam mehr in Frage. Kein „Thater der Jugend“-Abonnement mehr im Renaissance-Theater mit den Nazi-Stücken von Annelies Umlauf-Lamatsch aus den 30er Jahren.

Später drehte ich beim Fernsehen eine Dokumentation über „Novaks Kapelle“, in der ich den Sänger, Walla Mauritz, beeinflusst von Frank Zappas Toiletten-Poster, am Klo interviewte und ihn mit ängstlicher Stimme fragte:  „Was willst Du mit Deiner Musik ausdrücken“ – und er antwortete in breitestem Wienerisch: „Goa nix. Des anzige, wos i ma ausdruck is a Wimmerl am Oarsch.“ Heute steht das Video bei „YouTube“, haben sich aber nur 30 Leute angesehen.

Auf dem „Twen Shop“ ging es für mich aber nicht nur Richtung Pop, sondern auch Richtung Politik. Ich bekam ein Flugblatt in die Hand gedrückt, das den „Twen Shop“ als irgendwie zu kommerziell und reaktionär brandmarkte, ich war mitten in die später so genannte „Twen Shop Revolte“ geraten. „Ihr kommt gar nicht mehr zum Twen-Shop, oder ihr kommt bewaffnet“ hieß es da, Herausgeber war der „Spartakus Kampfbund Jugend“, mit einer Adresse in der Theobaldgasse im sechsten Bezirk, genau in der Mitte zwischen meiner Volksschule um dem Gymnasium Amerlinggasse, und dem Kritischen Klub in der Museumstrasse 5, der Adresse von Günther Nenning und des „Neuen Forum“, wo ich dann vier Jahre später zu arbeiten beginnen sollte.

Michael Genner, der für das Flugblatt verantwortlich zeichnete, wurde verhaftet, wegen Anstiftung zum Aufstand angeklagt, von einem Geschworenengericht wegen „Aufwiegelung“ zu einem Monat „schwerer Kerker“ verurteilt, kam jedoch nach sechs Monaten Untersuchungshaft frei.

Ich lernte den unheimlichen Mann mit der vorgewölbten Stirn, den stechenden schwarzen Augen und der lauten Stimme später in der Spartakus-Kommune in der Theobaldgasse kennen, wo ich eines Nachmittags mit meinem Freund Hans vorstellig wurde, um eine Zusammenarbeit mit meiner damals eigentlich schon entschlafenen „Bewegung“ „Impetus“ anzusprechen, vor allem aber die Mitarbeit an der Spartakus-Zeitschrift „Nachrichten für Unzufriedene“, die mich genauso stark elektrisiert hatte wie der Auftritt von Novaks Kapelle.

Am Titel war eine pornografische Zeichnung zu sehen, ein riesenhafter Junge, der mit seinem emporschnellenden, steifen Schwanz den Kaffeetisch seiner Zwergen-Eltern in die Luft schleudert, abgedruckt aus dem im März Verlag erschienen Comic „Anne und Hans kriegen ihre Chance“.  Der Junge wollte ich natürlich sein.

Zur Redaktionskonferenz wurde ich eingeladen und ich nahm auch an anderen Treffen teil, bei denen nie klar war, ob sie wirklich stattfanden und wer dabei sein sollte. Ich verbrachte viele Stunden unsicher und schüchtern auf dem Matratzenlager im Gemeinschaftsraum und beobachtete die Spartakisten, das Paar Norma und Jakob Mytteis, die hier auch wohnten, den Sänger Willi Stelzhammer, die Bürohilfe Kati, die mich immer bei der Tür rein ließ, ohne mich eines Blick zu würdigen.

Ich aber ließ Kati, heimlich und verstohlen, nie aus den Augen, wenn ich da war, fantasierte, sie hätte viele, dichte Schamhaare, „einen irren Busch“, wie ich es auf den Nacktbildern von Yoko Ono mit John Lennon gesehen hatte, die in der „underground“ erschienen waren und

stellte  mir vor, ich würde sie am Spartakus-Schreibtisch ficken. Politik, Schreibtisch und Sex kamen damals schon irgendwie zusammen, Sexpol. Bei der Redaktionskonferenz für „Nachrichten für Unzufriedene“ bekam ich den Mund nicht auf und wurde auch nicht gefragt.

In den Treffen ging es um die Aktion „Öffnet die Heime“, die ein schönes, linksradikales Thema war, denn die „Bundeserziehungsanstalten“ wie Kaiser-Ebersdorf oder Kirchberg wurden damals noch wie Gefängnisse in einer Diktatur geführt, die Kinder von Nazi-Pädagogen unter Drogen gesetzt, verprügelt, missbraucht.

Entsprechend rau war die Basis der Spartakisten, es waren aus Heimen ausgerissene, Schulabbrecher und ausgestiegene Lehrlinge, die nicht über Schulungszirkel, sondern über das Gruppenerlebnis und das „eiserne Zusammenhalten“ zu Spartakus gefunden hatten.

Dagegen war ich das totale Milchbubi und bekam schweißnasse Hände, als mir vor einer Demo einen fetter Schraubenschlüssel in die Hand gedrückt wurde, den ich mir in den Stiefel stecken sollte. Ernst wurde es, als ich den „Auftrag“ bekam, beim Überfall auf ein Nazi-Lager in Mürzzuschlag mit zu machen. Ich hatte mich zunächst dafür angeboten, weil mein Vater in der Nähe, am Semmering, das Ferienhaus hatte und ich dachte, ich könne am Wochenende da einfach kurz mal verschwinden und ein paar Nazis verkloppen.

Ich fühlte mich zunächst anerkannt, wenn auch zu einem hohen Preis, sagte alles zu – verlor dann aber komplett die Nerven und meldete mich nie wieder bei Spartakus.

Das Verhältnis zu meinem Vater verschlechterte sich in dieser Zeit rasend schnell. Ich war schlecht in der Schule, feig und verschlagen, verschwieg schlechte Schulnoten und Zeugnisse und war in seinen Augen ein totaler Wirrkopf. Er hatte mir, wie das so seine Art war, einen Privatdetektiv nachgeschickt und aufgedeckt, dass ich die Nachmittage nicht beim Musiklehrer, sondern bei Spartakus in der Theobaldgasse verbrachte.

Er begann es offen zu bereuen, mich zu sich geholt zu haben. Ich erinnere ihn zu sehr an meine Mutter, die er doch gerade verlassen habe, weil er ihre Art nicht ertrug. „Jetzt sitzt der Bua da“, beklagte er sich einmal vor Gästen, ich saß dabei, „und glotzt mich mit demselben Blick an. Wie habe ich das verdient?“

Meine Rache bestand darin, krank zu werden, damit hatte ich ja schon Erfahrung, jetzt aber wirklich krank zu werden, eine zunächst rätselhafte Knochenmarkseiterung am rechten Unterschenkel, die mich für ein Jahr ins Bett zurückkehren liess. Danach hatte ich den Anschluss in der Schule komplett verloren und wechselte an ein total uninspiriertes Realgymnasium, eine Zeit, ich der ich wie tot war und weder schrieb, noch irgendwelche politischen Aktivitäten entwickelte. Erst 1973, als ich eine Buchhändler-Lehre begann und dann auch schnell von meinem Vater auszog, wurden das Schreiben und die Faszination an allem, was linksradikal war, wieder aktuell.

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