Und wieder ein ungewöhnlicher „Brief“, der eher eine Art Aufruf ist, an alle, die ihn lesen – das sind ja nicht nur die Bewohner des Friedrichshof – aber an die besonders. Über die Otto Muehl-Ausstellung in Wien (Infos am Ende des Briefs) wird vor allem extrem polarisierend berichtet, und von spezifischen Interessen geprägt – eine „Debatte“, bei der alle Beteiligten nur verlieren. Macht Euch ein eigenes Bild von der Schau!
Als ich vor zwei Wochen das erste Mal die Ausstellung besuchte, konnte ich das, was ich da sah, überhaupt nicht verbinden mit dem, was in österreichischen Medien zu lesen war. Um diesen Eindruck zu reflektieren, besuchte ich das Wiener Aktionismus Museum (WAM) ein zweites Mal, diesmal mit meiner Freundin Henni Fischer.
Hier eine kurze Wiedergabe davon, was Henni und ich auf der Heimfahrt zum Friedrichshof im Auto sprachen. Vielleicht ist es auch für andere interessant. Veröffentlicht wird es in der eindeutigen Absicht, zum Besuch der Ausstellung aufzurufen.

Michael: Hat sich jetzt, nach dem Besuch der Austellung das Bild verändert, das Du von Otte Muehl und seiner Kunst hattest?
Henni: Absolut. Ich habe erst jetzt verstanden, wie viel seine Kunst mit dem Krieg zu tun hat. Ich bin zwar etwas jünger, komme aber auch aus der Nachkriegszeit. Die frühen Materialbilder würden mich auch berühren, wüsste ich gar nicht, von wem sie sind. Sie sind ganz eindeutig in ihrer Aussage. Das kommt in all den aktuellen Diskussionen überhaupt nicht vor.
So viel ich weiß, hat Muehl als junger Wehrmachtssoldat an der Ardennen-Offensive teilgenommen, sein Vater und sein Bruder kamen im Krieg ums Leben. Es kann gar nicht anders ein, als dass ihn diese Erfahrung geprägt hat.
Vielleicht nicht mehr so krass, aber auch in mir gibt es solche Bilder. Mit Muehls Bildern kommt das wieder hoch, die Zerstörung wird fast körperlich spürbar.
Zigarettenasche, Schmutz, Zement, Fasern, Abfall, daraus sind die Bilder gemacht. Ich denke dabei an Schlamm, Ruinen, verbrannte Landschaften. Und ich glaube, sie sollten auch die Verdrängung der Zerstörung, die bald nach dem Krieg einsetzte, unterbrechen, stören. Wie die Psychoanalyse, die das krankmachende Verdrängen aufheben will. Es ist Anti-Kriegs-Kunst. Muehl ist der Überbringer der schlechten Nachricht, aber nicht die Nachricht.
Ich verstand immer nicht, was denen, die bei den Aktionen mitmachten, angetan wurde, wie sie gedemütigt wurden, mit Farbe, Müll und Dreck zugeschüttet. Für viele meiner Freunde war das damals schon spannend, für mich war es immer zu arg. In der Ausstellung entsteht jetzt aber ein ganz anderer Zusammenhang.

Ja, der Krieg behandelt Menschen wie Material. Zählbares Material, wenn du so willst, wie wir gestern im Palästina-Film „Naza“ gesehen haben. Indem Muehl das, was er zuerst nur auf und mit Bildern gemacht hat, das Zerstörte arrangieren, auf Menschen überträgt, benimmt er sich wie der Krieg selbst. Lässt sich ja auch heute noch sagen, dass WIR der Krieg sind, dass das in uns steckt, dass wir Menschen planmäßig zerstören können. Dass der Menschen eben keine Würde hat, hat er nicht, auch heute nicht. Normalerweise verschweigt die Kunst das, betet die Würde an.
Ich habe in der Beschriftung der Exponate gelesen, daß mit der Destruktivität des Aktionismus auch die Kunst insgesamt zerstört werden sollte – um einer neuen Kunst Platz zu machen. In gewisser Weise sollte das dann wohl die Kommune-Kunst sein, also was die Kommunarden unter Anleitung von Muehl am Friedrichshof malten. Aber die wird in der Ausstellung gar nicht thematisiert.
Dass die „Kommune-Kunst“ die Zukunft der Kunst gewesen wäre, würde ich auch eher bezweifeln. Aber unbestreitbar ist, dass Muehl und die anderen Aktionisten die alte Kunst zerstört haben. Die Kunst war nach dem Aktionimsus eine ganz andere als vorher. Der Aktionismus hat riesige Türen aufgestoßen, die Kunst befreit. Die heutige Performance-Kunst, eine mächtige Gattung, gäbe es ohne den Aktionsmus nicht. Auch Abramovich und Holzinger wurzeln darin. Es ist schon eine Ironie, dass Florentina Holzinger, die erst vor kurzem Orgien-Mysterien-Spiele in Prinzendorf veranstaltete, als Österreichs momentan bedeutendster Kunstexport gilt, während man in Wien darüber debattiert, ob Muehl ausgestellt werden „darf“.
Wenn man vom Film her draufschaut, sind in der Ausstellung die gezeigten Aktionismus-Filme von Scheugl und Schmidt jr. natürlich auch super – in ihrer formalen Strenge, und sie legen auch das Komische und verspielte an den Aktionen offen. Aber alles nach dem Aktionismus fand ich eher langweilig, die Muehl-solo-Malerei.
Geht mir auch so. Nach dem Aktionismus hat Muehl eigentlich das Interesse an der Kunst verloren und sich nur noch der Kommune gewidmet. Die Kommune war sein neues Kunstwerk. Es war ja auch folgerichtig. Nachdem die Kunst aufgezeigt hatte, wie Scheiße der Mensch ist, sollte ein neuer geschaffen werden.
Alles Übel lag in der Kleinfamilie, das haben wir damals doch täglich gehört.
Das hat Wilhelm Reich stark vertreten, ich sass auch im Orgon-Kasten den Ali „Killi“ Kilmansegg zusammengebaut hatte, ich kann mich von gar nichts distanzieren. Mein Vater hatte einen Traum, dass er eine Karotte auf den Tisch scheisst, und ich bin ein Kaninchen, das daran knabbert. Klar war die Nachkriegs-Kleinfamilie eine Hort von Wahnsinn und Gewalt und gehörte weg. Das war ja alles richtig. Und so viel hat sich heute auch nicht veändert. Okay, die Verwahrlosungs-Mechanismen sind anders, subtiler. Aber wo kommen denn all die Krieger her in der militarisierten Gesellschaft? „Es hat irre Spaß gemacht“, sagt ein israelischer Soldat in dem „Naza“-Film.
Jetzt sind wir gleich da. An der Ausfahrt in Mönchhof fährt man so leicht vorbei. Jedenfalls finde ich, alle sollten die Ausstellung gesehen haben, bevor sie darüber reden.
Finde ich auch. Auch am Friedrichshof. Viele wollen das Erbe ausschlagen, mit der Geschichte nichts mehr zu tun haben. Aber die Geschichte holt einen immer wieder ein, das ist ja eben die „Rückkehr des Verdrängten“, unausweichlich. Dass der heutige Friedrichshof zwar allerlei Veranstaltungen ankündigt, die große Aussstellung seines Gründers in Wien aber verschweigt, das kann kann ja auch nicht richtig sein. Soviel Zeit muss sein am Yoga-Wochenende!
Zur Ausstellung: https://wieneraktionismus.at/
