Wie politisch ist das Thema „Bahn“? Passt es in den ROTEN SALON? Was soll daran politisch sein, gar marxistisch? Es waren nicht wenige Gäste am Montag (5.10.) ins Ossietzky Forum der StaBi gekommen, um sich davon selbst zu überzeugen.
Webers dichter Vortrag aus seinem grossen Werk „Passagier – Klasse, Geschlecht und „Rasse“ auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts“ (Campus Verlag) liess vom Anfang an keinen Zweifel daran, welche hohe soziale Relevanz das Thema Bahn hat und ja, wie eng die historische Entwicklung der Bahn mit der Entwicklung der Gesellschaft und damit der Entwicklung der Klassenkämpfe verbunden ist. Man kann sogar darüber diskutieren, ob das Wort „Klasse“ zuerst für die Bahnklassen benutzt wurde, bevor es Marx für sich entdeckte und damit etwas noch viel umfassenderes meinte.
Im 19. Jahrhundert wird die Eisenbahn zum »Treffpunkt der guten (und manchmal weniger guten) Gesellschaft«, wie es Walter Jens mal gesagt hat. Vom König bis zum einfachen Rekruten, vom Industriemagnaten bis zur Fabrikarbeiterin – fast alle sind gelegentlich mit der Eisenbahn unterwegs. Diese radikalintegrative Funktion trägt ihr bei den Zeitgenossen den Ruf als Nivelliermaschine ein, die soziale Gegensätze zum Verschwinden bringe und den Weg in eine Gesellschaft der Gleichen ebne. Demgegenüber steht allerdings die Segregation der Passagiere, nach Klasse, Geschlecht und »Rasse«.

Karl Liebknecht begründete den „Bahn-Mythos“ der deutschen Sozialisten
Doch so sehr Weber herausarbeitet, wie dramatisch die Widersprüche und Konflikte der Gesellschaft im Umgang mit dem eigentlich revolutionären Transportmittel Bahn sichtbar werden, so sehr wehrt er sich dagegen, auch im anschliessenden Gespräch und in der Diskussion mit dem Publikum, die Klassen der Bahn allzu eng mit den Klassen in der Gesellschaft zu verknüpfen. Für die deutsche Linke stand das Vierklassensystem im 19. Jahrhundert stellvertretend für die reale Klassenherrschaft, für die Mißhandlung der Armen und den Luxus der „oberen Zehntausend“. Das Ideal der Sozialisten dagegen, stellte Wilhelm Liebknecht, einer der Gründer der SPD nach seiner ersten Reise mit einer amerikanischen Eisenbahn im Jahr 1887 fest, sei das „amerikanische Einklassensystem. Gleichheit … ist trotz der Geldaristokratie kein leerer Name.“ In Amerika fahren Liebknecht zufolge, auch die deutschen Emigranten quasi erste Klasse, auf gepolsterten Sitzen im opulent ausgestatteten Einheitswagen, wohingegen sie im Vaterland vierter Klasse reisen müssen, „in einem Bretterverschlag ohne Stuhl und Bank.“ Amerika-Reisende berichteten in denn 1840er Jahren denn auch, in der Bahn da existiere nur eine Klasse, „weil es nur eine Klasse Amerikaner gibt.“
Naja. Diesen Mythos deckt Weber auf, indem er nachweist, dass es in der amerikanischen Bahn sehr wohl so etwas wie Klassen gab, diese nur nicht ausgewiesen waren. Die „Klassenlosigkeit“ war nur eine vermeintliche, eher eine „Nomenklatur“, die von einem nationalen Selbstbild zeugt also von seiner praktischen Reailisierung. Dazu kommt, dass die amerikanischen Eisenbahnen das Prinzip der Rassentrennung implementierten und der „Eisenbahn-Rassismus“ eine der übelsten Ausprägungen des Rassismus wird.

Wo verlaufen heute die Klassenlinien der Mobilität?
In der „Klasse und Klasse“-Diskussion, später auch mit dem Publikum, weist Weber auch darauf hin, dass die Etablierung von Klassen immer auch mit günstigeren Preisklassen verbunden sei, die mehr Menschen den Zugang zur Mobilität ermöglichen. Im heutigen Zug scheine die alte Klassengesellschaft zunächst nur noch in erster und zweiter Klasse fortzubestehen – die reale Klassengesellschaft zeige sich eher in der Hierarchie der Verkehrsmittel: Regionalzug und Fernbus auf der einen, ICE, Flugzeug, Privatjet und Superyacht auf der anderen Seite. Arme Menschen träfe man kaum im Hochgeschwindigkeitsverkehr.
Wie weit demokratisieren Massnahmen wie „Interrail“ oder Deutschland-Ticket den Zugang zur Mobilität? Welche Rolle spielen Fahrpreise, Streckenstilllegungen und eine auf zahlungskräftige Fernreisende ausgerichtete Bahn dabei? Wäre eine linke Verkehrspolitik folglich mehr als die Forderung nach Abschaffung der ersten Klasse?
Fragen wie diese führten im zweiten Teil des ROTEN SALON in die Gegenwart und zu einer auffallend hohen Publikumsbeteiligung. So soll es sein. Klasse1 Dank an alle! M.H.
NACH DEM ROTEN SALON IST VOR DEM ROTEN SALON

WIEN: STOPPT DEN ALLESFRESSER (28.10.)
In „Der Allesfresser“ analysiert Nancy Fraser den Kapitalismus als ein System, das seine eigenen Grundlagen – Natur, Fürsorgearbeit, Demokratie – verschlingt. Sie beschreibt ihn als „kannibalisch“, da er für kurzfristige Gewinne die Lebensgrundlagen zerstört, auf denen er aufbaut, und so Krisen in Ökologie, Gesellschaft und Politik verursacht.
Das Werk der US-Philosophin und Professorin an der New School for Social Resaerch in New York, ist vor drei Jahren erschienen, aber unvermindert aktuell.
Im ROTEN SALON WIEN macht Anne Rieger macht das wichtige Buch auf lebendige Art zugänglich. Rieger ist Gewerkschafterin und Mitglied der KPÖ Steiermark, die in der Hauptstadt Graz stimmenstärkste Partei ist. Im Rahmen der Veranstaltung wird sie auch berichten, wie es in Graz gelingt, den „Allesfresser“ ein Stück weit zurück zu drängen.
ROTER SALON WIEN: „Der Allesfresser – Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“, das legendäre Buch von Nancy Fraser, vorgestellt von Anne Rieger
Mittwoch, 28. Oktober 2026, 18 Uhr 30, Café Else, Wien

HAMBURG: WAS TUN? GEGEN DEN TECH-KAPITALISMUS (9.11.)
Was rollt aus den USA Schreckliches auf uns zu – und stößt keineswegs nur auf Widerstand? Was ist der Tech-Kapitalismus und warum ist er so eine Gefahr für die Demokratie, ja für das Überleben der Menschheit? Darüber wird gerade viel geschrieben und nachgedacht, aber vielleicht immer noch zu wenig. Der Band, der im ROTEN SALON vorgestellt wird, geht einen eigenen Weg, der in die undogmatische Veranstaltungsreihe passt . Um sich dem anzunähern, was passiert, wenn die Tech-Konzerne die Macht ergreifen, bietet er Analysen aus politischer Theorie, Soziologie, Theologie, Kunst und Kulturwissenschaften – und der ROTE SALON macht einen inspirierenden Abend daraus.
ROTER SALON HAMBURG: C. Chwatal, A. Karschina, H. Lattner, Teslokratie – Ideologien des Tech-Kapitalismus, Edition Nautilus, 2026
Referenten: Alex Karschnia, Maike Weißpflug, Berlin
Montag, 9.11.2026, 18 Uhr 30
Vortragraum der Stabi Hamburg
