Von Marie Hügel
Das „andere Deutschland“ war ein höchst repressiver Ort, der kein öffentliches queeres Leben zuließ. Die DDR ist nicht aus Ruinen auferstanden, sondern hat sich mit den Trümmern der Geschichte geschmückt: § 175 StGB, der die Homosexualität von Männern kriminalisierte, wurde nahtlos übernommen.
Tatsächlich wurden in der freiheitlichen BRD Verstöße gegen § 175 StGB sogar häufiger verfolgt. So wird oft unerwähnt gelassen, dass in der BRD genauso viele schwule Männer wegen ihrer Homosexualität verurteilt wurden, wie in der Zeit des Nationalsozialismus, unter den rosa Winkeln. Sowohl Reformierung als auch später die Aufhebung des Paragrafen geschah in der DDR um einiges früher, während dies in der BRD vollständig erst 1994 erfolgte.
Das queere Leben war und ist noch immer von Leid geplagt, dennoch war es in beiden deutschen Staaten so, dass im Lichte aller Repressionen Queere immer einen Weg gefunden haben, zu persistieren. Dies zeigen diverse queere Literaten der DDR, die trotz alles Widerstands versuchten, ihr queeres Leben im Verhältnis von der damaligen Gesellschaft zu leben und begreifen.
Queerness und Sozialismus – dies mag zunächst wie ein Widerspruch erscheinen, ist es bei genauem Hinsehen auf das Alltagsleben, die Künste und Literatur von und über LGBTQI*-Personen in Ländern wie der DDR jedoch ganz und gar nicht. Auch wenn sie oft verkannt waren und teilweise noch immer unsichtbar sind, es gab sie: queere Geschichten, Romane, Gedichte, Erzählungen u.v.m.
Bislang gab es keinen systematischen Überblick queerer DDR-Literatur. Daher versuchte die gleichnamige Tagung „Queere DDR-Literatur“, die 2024 an der Universität Regensburg im Rahmen der Forschungsgruppe „Light On! Queer Literatures and Cultures under Socialism“ stattfand, einen ersten Schritt in diese Richtung zu unternehmen. Im Fokus des daraus resultierenden Buches stehen Leben und Werk so unterschiedlicher Autor:innen wie Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann, Erich Loest, Christa Wolf, Christa Reinig, Ronald M. Schernikau, Norbert Marohn und Franz Fühmann, ebenso die gesellschaftlichen Bedingungen im Hinblick auf queere Lebensformen.
Davon handelt der ROTE SALON am Donnerstag, 7. Mai in der Hamburger StaBi, wenn Franziska Haug und Lukas Betzler ihren Band „bin weiblich, bin männlich, bin doppelt – Queere Literatur aus der DDR“ vorstellen. Die Autor:innen betten die Lektüren diverser Literaten in den gesellschaftlichen Kontext ein, in denen sie entstanden sind. Um ein Gefühl für deren Arbeit zu vermitteln, folgt ein Abriss an ausgewählten Prosatexten. Es geht es um Selbstfindung, homoerotisches Begehren, die Frauenfrage, aber auch um die Verarbeitung der Verfolgung während und nach der Shoa.

ZITATESAMMLUNG
„Kein Gefühl von Verschontsein“
„Wenn ich historisch gerecht sein will, darf ich dir deine sittlichen Gewohnheiten nicht persönlich anlasten, sie sind die allgemein herrschenden. Unserem Staat darf ich sie aber auch nicht anlasten, sonst ist mir die Sicht verstellt für die großen Verbesserungen, die er gesetzlich in nur fünfundzwanzig Jahren durchgesetzt hat, das heißt, ich muß mich prinzipiell mit meiner Lage abfinden. Und das tu ich ja auch, niemand kann aus der Historie austreten, ich finde mich ab. Aber nicht passiv. Das wäre mein Ende. Ohne die Spannung, die ich mir zur Erfrischung von Leib und Seele ab und zu auf Manuskriptseiten schaffe, wäre ich wissenschaftlich eine taube Nuß. Mein Optimismus lebt von dieser Spannung zwischen den Polen Realität und Kommunismus, meine Heiterkeit, ohne diese Spannung würde ich die Fähigkeit, Männer zu lieben, verlieren.“
Christa Wolf, Der geteilte Himmel, 1963
„Es muß, es muß sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristen Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden.“
Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand, 1974
„Sie küsste mich … Manchmal, vom Sonnabend auf den Sonntag, durfte ich bei ihr schlafen, und wir spielten allerlei unschuldige Spiele … oder doch nicht so unschuldig … verwischte Erinnerung an Fragiles, Zärtliches, zwei Kinder in einem großen Bett, […] … heute, von der Höhe meiner sexuellen Aufgeklärtheit, würde ich sagen, dass wir hübsch lesbisch waren.“
ebenda
„[…] ihr Komplizenlächeln drehte Franziska den Magen um, sie fühlte Übelkeit und Scham wie bei manchen Filmszenen, den klebrigen Intimitäten zwischen Bettlaken; sie hasste diese brutale Exaktheit, mit der eine Kamera Lieben oder Sterben aufzeichnete: Beischlaf und Selbstmord, dachte sie, das sind nur zwei Seiten derselben Medaille und die schmutzigste Art von Selbstbetrug.“
ebenda

„Durch jede Männergesellschaft in latenter Sexualnot schwingt auch homosexuelles Begehren, doch die Verführung von jenem Gedicht her war mehr. Heute weiß ich, was mir geschah: das jähe Erfahren von Alternative in einer Gesellschaft, darin Alternative nicht sein darf, auch nicht im privatesten Bereich, nicht einmal in einer Zwei-Menschen-Gemeinschaft. Darum war ihr Ort auch das KZ, das einzog, was die Gesellschaft ausstieß, so eben auch David und Jonatan und solche, die sich zu ihnen bekannten. – Tat ich das, da Rilkes Gedicht mich ergriff? In jenem Moment, im heimlichsten Grund meines Herzens, hätte etwas heftig ‚Ja!‘ gesagt –: Die Freiheit erschien in der Nacktheit eines Engels, der nicht Mann ist und nicht Frau ist, und doch von einem blendenden Glanz.“
Franz Führmann, Meine Bibel, 1985
„Der Streit, ob Männer nun für unsere Existenz von besonderer oder allgemeiner Bedeutung sind, ob sie nun ins Frauenzentrum kommen können oder davor stehen bleiben – diesen Streit führen wir heute. […] Da sie [die Männer] uns freiwillig nicht allzuviel [sic!] von ihrer demokratischen Macht abgeben, geht uns vom Dauerkampf langsam der Atem aus, und was liegt näher, als es auf die sanfte Tour zu versuchen? Wir Frauen werden eben diese Männer erziehen! Sind wir doch gewöhnt, uns für alles verantwortlich zu fühlen, weshalb nicht auch für die neue Bewußtseinsbildung des neuen Mannes?“
Christiane Dietrich, Heilloser Streit, in frau anders, 1991
„Keine Erinnerung. September. Ich seh mich. Ein heller Wasserfall. Regen redet aufs Ziegeldach. Der äußerste Versuch, sich auszusprechen. Die Gitarre, mit der ich die Töne auffang, die in diesen Wochen „los“ sind. Die Frage, was los ist: mein vorläufiger Text. Das Äußre, das gegeben ist. Das Gewöhnen an mich selbst. Das mich aus der Fassung bringt. Das ist gut. Ich vorm Schrank in der Spiegeltür: gerade gewachsen, nicht verfettet – meine Vorderfront. Ist gut, der Ausdruck. Wo kommt das her? Die Hand. Meine morastigen Augen. Alles versinkt. Verschlingen sie. Woher das: Penis sieht zu mir auf, und mir ist, als wär’s was zum Schämen. Was in der Ecke abgemacht werden müßte.“
Norbert Marohn, Plötzlich mein Leben, 1998

„kein gefühl von verschontsein. auch ich werde in einem bett liegen, eine krankenschwester wird da sein und mir zu essen geben, und ich werde mich zurücklehnen. keineswegs, daß ich mich danach sehne, auch seit stephan stirbt will ich immer noch hundert jahre alt werden, jedes jahr weniger wäre ein verlust, und trotzdem die gewißheit: alles läßt sich überstehen, alles läßt sich würdevoll leben, alles läßt sich leben, auch der eigene tod.“
Robert M. Schernikau, Die Legende, 1991
„ich habe angst. bin weiblich, bin männlich, doppelt. fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen, sehe meine weißen hände, die augen im spiegel ich will nicht doppelt sein wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich, sehe nur weiß. ich stehe mir gegenüber, will mich erreichen, strecke meine arme nach mir aus wo bin ich? ich sehe, küsse, umarme und vereinige mich. irgendwann taucht lea auf, dann nochmal schließlich nimmt er es bewußt wahr. b. fühlt: er liegt im bett, es ist morgens, sein zimmer verschwimmt, er versucht es wahrzunehmen, spürt das bewegen seines kopfes, steuert nicht. keine hoffnung heute nen guten tag, scheißaufstehn scheißschule scheißleben. was ihn gewohnheitsmäßig nervt ist seine mutter, die ihn versucht zu wecken, seit jahren die gleichen worte, sätze, diese stimmlage. es gibt kein entrinnen vor ihrer liebe, die sie auch dazu treibt, ihn so zart zu wecken, daß das aufwachen fast unerträglich in die länge gezogen wird. sein zurückkommen, sein sammeln, sein muffigsein ist nur die reaktion auf ihr hinauszögern der wirklichkeit.“
Robert M. Schernikau, Kleinstadtnovelle, 1980
Franziska Haug (Hg.) „bin weiblich, bin männlich, doppelt“ Queere DDR-Literatur, 296 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, 2025
