„Ich schreibe gegen meine reale Ohnmacht“

Von Karl Heinz Dellwo

Social Media ist kein guter Ort für die politische Diskussion. Trotzdem erscheinen in meinen Accounts mitunter brillante kurze Texte dem MAC bekannter Autoren, die es wert wären, sie dem schnellen Wegscrollen und Vergessen zu entreissen. Karl Heinz Dellwo ist ein solcher Autor. Dellwo ist Verleger (Laika) und Herausgeber (Bibliothek des Widerstands), Filmproduzent und Dokumentarist, Galerist und Kulturveranstalter (Galerie der Abseitigen Künste), zusammen mit der Liste Unabhängiger Verlage in Hamburg (LuV) Partner des ROTEN SALON HAMBURG, sowie Mitglied des soeben gegründeten Trägervereins Gesellschaft zur Förderung politischer Lektüre e.V.
Zusammen mit dem
ROTEN SALON veranstaltet Dellwo mit der Galerie der Abseitigen Künste an diesem Sonntag (19.4.) einen Auftritt des italienischen Theoretikers und Vertreters des „Operaismus“, des mittlerweile 89jährigen Sergio Bologna, im Hamburger Metropolis Kino. Zu Beginn gibt es Filme aus der Zeit zusehen. MH
Dellwos Text, der heute hier zu lesen ist, entstand aus Anlass einer S
PIEGEL online-Meldung vom 9. April zu einem Angriff Israels auf den Libanon: https://www.spiegel.de/ausland/libanon-israel-fliegt-verheerende-angriffe-auf-wohnviertel-in-beirut-a-a8b9663e-9780-47d7-b338-5eaa8a24959b

kachel bologna

Zwischen 1971 und 1972 gab es in Paris geheime Friedensgespräche zum Vietnamkrieg zwischen Henry Kissinger und dem vietnamesischen Außenminister Lê Đức Thọ. Als die Gespräche an den Forderungen der USA scheiterten, ließ die US-Regierung unter Richard Nixon ein grauenhaftes »Weihnachtsbombardement« durchführen. Innerhalb von elf Tagen wurden ca. 40.000 Bomben auf Nordvietnam abgeworfen, davon Unmengen auf die Hauptstadt Hanoi. Schon damals erklärten die Amerikaner, sie könnten »Nordvietnam in die Steinzeit zurückbomben«, und gaben kund: »Bombardieren wir alles, vom Warenhaus bis zu Straßenbrücken« (Spiegel 53/1972).

Schon damals logen die Amerikaner über die Gründe des Scheiterns der Verhandlungen. Über die Verluste an Infrastruktur und Menschen geriet Henry Kissinger nach dem Scheitern der Verhandlungen in Paris geradezu ins Schwärmen. Im STERN wurde eine Sekretärin Kissingers mit der Angabe zitiert, dass Kissinger sich mit geradezu sadistischer Freude die Schäden und Verletzungen in Vietnam und an den vietnamesischen Menschen ausmalte und freudig erwartete, dass das den vietnamesischen Verhandlungsführer »geschmeidiger« machen würde.

Historisch wissen wir, dass die USA Vietnam als Verlierer verlassen haben. Der Preis für die Vietnamesen war hoch: Über sieben Millionen Tonnen Bomben warfen die US-Amerikaner auf Vietnam ab, mehr als das Dreifache dessen, was von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg abgeworfen wurde. Ca. drei Millionen Vietnamesen wurden von den USA umgebracht. (Die RAF hat damals zugunsten Vietnams agiert und Anschläge auf US-Stützpunkte in der BRD durchgeführt – was ich nur im Nebenbei erwähnen möchte).

Die Weltordnung ist bestimmt von Menschen mit Masssenvernichtungsvorstellungen

Trumps faschistische und mörderische Sprache von »Tieren«, »Bastarden« und dem »Auslöschen einer Kultur« über Nacht hat in Vietnam ihre historischen Bezüge. In die Enge getrieben, sprudeln die Massenvernichtungsvorstellungen aus den Vertretern der alten Weltordnung heraus und offenbaren dabei Lust wie Ohnmacht am Morden.

Ein anderer, in gewisser Weise ebenso als »Lustmörder« zu bezeichnender Tötungsfreund, ist der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit seinen politischen Kumpanen wie Bezalel Smotrich (»Alle deine Feinde werden umkommen, Israel«) oder Yoav Galant (»Wir kämpfen gegen menschliche Tiere«). Hier scheint sich der Größenwahn und Machthunger mit einer uferlosen moralischen Hemmungslosigkeit zu paaren.

Die Enthemmung der Regierung Israels

Die jüngste Massentötung an Zivilisten im Libanon zeigt die Enthemmung einer Regierung, der das Ermorden der anderen zur Gewohnheit geworden ist. Die israelische Regierung braucht den Krieg zum Überleben, gebunden an das Vorantreiben eines Großisraels. Machthunger, Sadismus und Hemmungslosigkeit in der Gewaltanwendung – und natürlich der Profitgedanke: Trump: »Ehrlich gesagt, am liebsten würde ich das Öl im Iran nehmen« – das ist es, was die Zentralstaaten des »liberalen Kapitalismus« im Zerfall der alten Weltordnung kennzeichnet.

Und es gibt in den westlichen Staaten kaum Opposition dazu, kaum in den Regierungen, schon gar nicht in Deutschland (auch wenn denen etwas klamm wird, weil ihnen das Hasardeurhafte der Nazis noch als Verlustbringer im Nacken sitzt), und kaum in einer Bevölkerung, die ebenso die Änderung der Weltordnung fürchtet, weil auch sie darin – bleibt alles unter kapitalistischen Vorzeichen – einen Preis zahlen muss.

Und ein Denken jenseits des Kapitalismus scheint für sie tabu, um nicht zu sagen: Sie hat die Fähigkeit dazu verloren, bzw. ihr ist die Fähigkeit dazu in gewisser Weise von allen Parteien, einschließlich der Linken, abtrainiert, wenn nicht gar aboperiert worden.

So wird alles in der Katastrophe enden, im Untergang des Westens, verbunden mit ungeheuren Massakern. Das zählt irgendwann als Verrat der politischen Linken an der Menschheit.

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