Eher visueller Nachbericht zum ROTEN SALON WIEN am 17. Oktober im wunderbaren Café Else. Zu Gast war Lukas Egger, neben Wulf D. Hund und Felix Lösing, Autor von „Marx, Engels & der Rassimus ihrer Zeit“, das wir im Frühjahr in Hamburg vorgestellt hatten. Egger lebt und arbeitet in Wien, so kam das alles gut zusammen … Und live hörte sich die Wiener Versammlung so an, im Intro der inhaltlich sehr intensiven Veranstaltung … davor noch eine kleiner Werbeblock:
ROTE SALONS IM OKTOBER:
HAMBURG, Montag, 5. Oktober, 18 Uhr 30, Ossietzky-Forum der StaBi
Klasse, Geschlecht und „Rasse“ auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts, Campus Verlag, Vortrag von Niklas Weber zur Sozialgeschichte des Zugverkehrs
ZUR ANMELDUNG geht´s hier: https://roter-salon-hamburg.de/
WIEN, Mittwoch, 28. Oktober, 18 Uhr 30, Café Else, Heinestrasse
Wie links ist die KPÖ? Vortrag von Anne Rieger, mit Bezügen zu Nancy Faser, Suhrkamp Verlag

„ … für den ROTEN SALON, den es in Wien und Hamburg gibt, haben wir das so gelöst, dass Felix Lösing, der oben im Norden ist, das Buch in Hamburg vorgestellt hat, und du als Wiener eben hier, das ist sehr praktisch und spart Reisekosten.
Und noch einen Zusammenhang gibt es mit Wien – das Buch ist im wunderbaren Wiener Mandelbaum Verlag erschienen, in dem es übrigens auch einen anderen Titel gibt gibt, der vage mit unserem heutigen zusammenhängt, nämlich „Linker Antisemitismus – Zur Kritik eines Kampfbegriffs“ von Gerhard Hanloser, mit dem wir in diesem Jahr noch einen ROTEN SALON in Hamburg machen.“

„Damit ist auch ein Stichwort gefallen, nämlich der „Linke Antisemitismus“, mit dem ich den heutigen Abend noch ein bisschen einrahmen möchte. Wir Linke – und ich denke,wer sich heute Abend hierher verirrt hat, fühlt sich damit nicht ganz falsch beschrieben – kennen doch alle das schreckliche Gefühl, heute sofort des Antisemitismus bezichtigt zu werden, wenn wir im Gaza-Konflikt Solidarität oder nur Mitgefühl mit dem palästinensischen Volk zeigen und uns nicht der in Deutschland geltenden Staatsräson unterwerfen, nämlich der blinden Verbundenheit mit dem Staate Israel, wie sie als „unbedingter Grundsatz“ festgelegt ist.
In Österreich mag das schwächer ausgeprägt sein, aber ich sehe im Internet und um bestimmte Protagonisten, daß die Diskussion um den angeblichen oder wirklichen „Antisemitismus der Linken“ hier ähnlich erbittert geführt wird wie in Deutschland.“

„Woher kommt dieses Gespenst des „linken Antisemitismus“, wann haben diese Verwerfungen ihren Anfang genommen? Jetzt geht es heute Abend hier um Marx und Engels und ihr Verhältnis zum Rassimus im 19. Jahrhundert und man kann die beiden schwer zum heutigen Gaza-Konflikt befragen – als Israel gegründet wurde, war Marx schon 65 Jahre und zwei Monate tot, Danke, KI.
Trotzdem fügen sich Angriffe auf die Gründerväter des Marxismus und der linken Bewegung, sie seien in Wirklichkeit verkappte Rassisten und Anitsemiten und das ganze Unglück habe damals schon seinen Anfang genommen, gut ins heutige Bild des verordneten Verhältnisses zu Israel, und werden politisch entsprechend genutzt, auch hier in Wien.“

„Weil die ganze Situation sehr belastend ist und einen immer wieder ratlos hinterlässt, war ich spontan begeistert, als ich vom Erscheinen unseres Buches für heute erfuhr. Es zahlt zwar vielleicht nicht unbedingt auf die heutige Gaza-Dikussion ein, ist aber doch ein wunderbarer Anlass, einmal in der historischen Dimension über das Verhältnis von linker Theorie zu Rassismus und Antisemitismus nachzudenken.
Und noch in einer anderen Dimension ist das Thema für die marxistisch geprägte Linke von hoher Bedeutung: Die Denunziation von Marx und Engels beschädigt den Marxismus gerade unter jüngerenjüngeren Leuten, die aus den postkolonialen Debatten den Eindruck gewonnen haben, Marx und Engels seien „alte weiße Männer“, nämlich eurozentrisch, rassistisch, antisemitisch.
Und ja, die politisch Rechte nutzt den Rassismus-Verdacht seit Jahren, um den Marxismus massiv anzugreifen und vor allem aus der Öffentlichkeit zu verbannen. So bezeichnete der unsägliche, deutsche Chefredakteurs- und Kulturstaatsminister-Darsteller Wolfram Weimer Karl Marx schon 2020 als einen der „wirkmächtigsten Antisemiten und Rassisten“ und forderte, Schulen, Straßen und Plätze sollten seinen Namen nicht mehr tragen. Diese Dikussion wurde in Wien dankbar aufgegriffen, indem Forderungen laut wurden, den historischen Karl-Marx-Hof umzubenennen, der eine Trutzburg, einwirkmächtges Symbol der österreichischen Arbeiterbewegung ist.“

„Die Vorwürfe an das Werk, die sich auf bestimmte Textstellen beziehen, sind polemisch und werden meist in übler Absicht vorgetragen, sind aber auch nicht einfach abzutun. Denn verstörende Stellen gibt es tatsächlich: Marx beschimpft Lassalle im Privatbrief, ich zitiere, als „jüdischen Nigger“ und will dessen Herkunft an „Kopfbildung und Haarwuchs“ erkennen. In „Zur Judenfrage“ verbindet er Judentum mit „Schacher“ und Geld. Der indischen Gesellschaft spricht er „überhaupt keine Geschichte“ zu und schreibt der britischen Kolonialherrschaft eine zerstörende, aber auch „erneuernde“ Mission zu. Zugleich heißt es im „Kapital“: „Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.“
Es tun sich also Widersprüche auf, die durch Verschweigen und Verdrängen nicht besser werden, und wenn – und das ist meine Überzeugung und die des ROTEN SALON – der Marxismus darauf nur abwehrend reagiert, verliert er Glaubwürdigkeit und schwächt seine eigenen Instrumente zur Rassismusanalyse, ja verunmöglicht sie, weil schon die kritische Auseinandersetzung damit diskreditiert wird.
Genau hier setzt „Marx, Engels & der Rassismus ihrer Zeit“ von Wulf D. Hund, Lukas Egger und Felix Lösing an. Die Autoren sprechen Marx und Engels weder frei, noch verwerfen sie ihr Werk, im Gegenteil, sie nutzen es. Die aufwendige Forschungsmethode, die sie gewählt haben, lässt sich als eine Art Zeitreise in deren zeitgenössisches, wissenschaftliches Umfeld beschreiben. Sie rekonstruieren die verfügbaren Rassentheorien, Reiseberichte, anthropologischen Studien und Gegenstimmen – von François Bernier und Lewis H. Morgan über Arthur de Gobineau bis zu Frederick Douglass und dessen Analyse der color line. Sie fragen nicht nur: Was haben Marx und Engels geschrieben? Sondern auch: Was konnten sie wissen, welche Denkfiguren übernahmen sie, und welche vorhandenen Alternativen übersahen sie?“

„Das Ziel ist eben keine Abrechnung mit dem Marxismus, wie im Vorfeld der Veranstaltung unterstellt wurde, sondern seine kritische Weiterentwicklung, mit dem Ziel einer historisch-materialistische Rassismusanalyse, die Klasse und Rasse nicht gegeneinander ausspielt. Sie untersucht, wie kapitalistische und koloniale Verhältnisse Rassifizierungen hervorbringen – und wie Ausgrenzung auch die Beherrschten an Herrschaft binden kann, in dem er Spaltung hervorbringt.
So, jetzt habe ich wieder viel zu lange gebraucht. Am Schluss vielleicht noch die Kernfrage des heutigen Abends, in guter dialektischer Art: Was lässt sich mit Marx und Engels – und nötigenfalls gegen Marx und Engels – für eine materialistische Kritik des Rassismus gewinnen?„

Moin,
ich war bei der entspechenden Veranstaltung in Hamburg dabei und fand sie sowohl nötig als auch äußerst interessant. Sehr wichtig und eindrucksvoll war für mich die akribische, umfangreiche Recherche der Autoren hinsichtlich der Marx/Engels Werke/Aussagen und wie dann damit wissenschaftlich, weil konzeptuell und historisch einordnend, gearbeitet wurde.
Das ist umso bemerkenswerter und wichtig, weil aktuell in Deutschland eine massiv politisch gefärbte Auseinandersetzung über einige Akteure der Berliner LINKE geführt wird.
Meron Mendel hat als einer der wenigen bekannten (jüdischen und anderen) Wissenschaftler/innen das gleiche getan wie die o.g. Autoren. Er hat weder die ideologischen Einseitigkeiten einiger Mitglieder der LINKE verharmlost, noch die umgekehrte Einseitigkeit der parteiübergreifenden sog. Kritiker des linken Antisemitismus akzeptiert.
Schlimme Zeiten für wissenschaftlich unterfütterte Auseinandersetzungen. Umso wichtiger, dass es den Roten Salon (und die MASCH—Hamburg) gibt.
Solidarische Grüße von Wolfgang