Das Modell „Caravela“ – Radikale Zukunftszärtlichkeit in St. Georg

Euer MAC hat eine Zeit lang, vielleicht nicht jeden Tag glücklich, aber doch vom Stadtteil sehr begeistert, in St. Georg gelebt – bis er vor einem Jahr wegziehen musste, weil die Miete zu hoch geworden war. Gentrifizierung ist ein Wort, das man beim Kartons schleppen zu spüren bekommt und später im Rücken.

Als am Dienstag Abend ein junger Mann, zu Beginn des „St. Georgologie to Go“-Audiowalks des Künstlerpaares JAJAJA, bei den Teilnehmern spontane Stichworte zum Stadtteil St. Georg abfragt, sagt der MAC, nicht als einziger, „Vielfalt“ ins Mikrofon – jetzt nicht besonders originell, pauschal, aber doch zutreffend.  Und ärgert sich, als ein weiterer Teilnehmer das „Caravela“ nennt – das wär doch witziger gewesen.

Jeden Tag saß der MAC bei diesem zunächst unauffälligen „Portugiesen“ und fand, gemächlich nippelnd an der heißen Milch des großen „Galao“, das Café mit Laptop und Zeitung auch als Arbeitsplatz nutzend, Trost in einer Weise, die er noch nicht kannte.

Die Gäste des Caravela kommen aus aller Welt und zeigen alle  „Identitäten“  – was nicht bedeutet, daß hier nicht auch grunddeutsche mittelalte Damen ihren Stammtisch abhalten oder weiße-alte-Männer-geprägte Harley-Gangs. Wir haben es hier nicht mit Top- Verdienern zu tun.  Eher lässt es sich vermuten, dass jeder hier sein Päckchen zu tragen hat, in der einen oder anderen Weise.

 Im „Caravela“ kann es kurz abgelegt werden und der MAC legte seines dazu – in der für das Café typischen, mal dahinquatschend-innigen (wieviele Sprachen?), mal auch aufgedreh- fröhlichen Atmosphäre (Tipp: Freitag Nachmittage!). Eine Atmopshäre, die wie ein Medikament wirkt, und für einen wie den MAC auf Rezept verschreibbar sein müsste, denn die vielen Galaos gehen ins Geld. Wie gut, daß es die Rabatt-Karte gibt!

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Am Alsterufer: Oskar Minich rappt über St. Georg, wo er aufgewachsen ist

Wenn Transit und Aufenthalt eins werden

Die Menschen hier machen, auf den aus Wien herkommenden MAC trifft dies ja auch zu, den Eindruck, auf der Durchreise zu sein, einer nicht enden wollenden Durchreise, in der Transit und Aufenthalt eins werden. Aber jetzt sind sie jedenfalls da und genießen es und nur einsame deutsche Gäste versinken im Anderswo ihrer Handys.

Übrigens, die Stichworte, die der junge Mann am Beginn der Tour eingesammelt hat, tauchen allesamt wieder auf in einem getragenen Hip Hop-Song, den er im weiteren Verlauf der Tour vorträgt, die ihn und uns auch ans Alsterufer führt – er, wie auf der finsteren Wasseroberfläche stehend, in magisches Theaterlicht getaucht. 

Der junge Mann ist Oskar, Sohn des JAJAJA Künstlerpaares Iris Minich und Avrid J. Baud – die der MAC auch für eine performative Lesung von Marxens „Manifest“ in den ROTEN SALON geladen hatte. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist jetzt am ersten Weihnachtstag, 25. Dezember, bei FSK zu hören.

Was ist ein performativer Audio-Walk?

Mein Gott, genauso sollte der Text hier nicht werden, sich an einem, noch dazu eher peripheren, Detailaspekt zu verplaudern, und das ganze gar nicht in den Blick zu bekommen. Das ganze? Nun, dieser vom Schauspielhaus Hamburg mit JAJAJA veranstaltet Audiowalk, von dem es jetzt eine zweite Staffel von Terminen gibt, hat ja auch den Anspruch, das „ganze“ Bahnhofsviertel St. Georg in seinen Widersprüchen aufzuschlüsseln – in einer dreistündigen, multimedialen Mitmach-Inszenierung, die diesen Anspruch fantastisch einlöst, an der dieser kleine Blogbeitrag aber nur scheitern kann, wenn er erstmal an Einzelaspekten ins Erzählen kommt.

Der MAC hat den Walk jetzt am Dienstag mitgemacht, zuvor aber schon vor einem Jahr, wo er das erste Mal auf JAJAJA stieß. Audio Walk bedeutet, Menschen stiefeln als in ihrer Teilnehmerzahl begrenzten Gruppe  mit bunt beleuchtet Kopfhörern um den Kopf durch die Stadt , und werden von zwei in orange Sichtoveralls gekleideten Künstlern von Station zu Station geleitet – Stationen, die ein Bild des „ganzen“ St. Georg ergeben. Unterwegs trifft die Tour auf Schauspieler des Schauspielhauses, die auf offener Straße einzelne Themen mit Performances vertiefen, so könnte man sagen.

Den Audio-Teil beschreiben die Künstler als „Live-Radio-Format, das sich aus spontanen Interviews, Geräuschen und vorproduzierten Fragmenten zusammensetzt und über Kopfhörer den Blick der Reisegruppe auf das, das sie sehen, verändert.“ Das „Station to Station“-Konzept erläutern sie als „ein Mosaik unübersichtlich vieler Farben, Geschichten und sozialer Systeme auf engem Raum. Hochpreisig und verrufen, Absturzort und Drogenkiez, Handelszentrale und Tourizone, KI-Überwachungslabor, Bischofssitz, Schwulenhochburg, Bazar und Teestube, Weltstadt am Steindamm, Dorf im Hinterhof und Naherholungsgebiet mit See … ein Viertel, das alle urbanen Konflikte in sich aufnimmt und gerade deshalb großzügige Räume öffnet für unwahrscheinliche Verbindungen, inspirierende Perspektivwechsel und radikale Zukunftszärtlichkeit.“

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Wenn der Iman erzählt: Audio Walk Station in der Centrum Moschee Gemeinde in der Böckmannstrasse nahe Steindamm

Stationen der Tour diese Woche waren untern anderem der Hansa-Platz mit seiner KI Überwachung, die Linden-Moschee hinterm Steindamm mit dem dazugehörigen Markt (das Audio-Signal fing derweil Signale aus den Adventfeier-Proben des katholischen Mariendomes auf der anderen Seite des Steindamms ein), der Steindamm selbst, die Wohnung der Multimedia-Artistin Mariola, der Hauptbahnhof mit Querung der ihn durchquerenden Grenze zwischen St. Georg und Altstadt, das Hotel Reichshof und der drmatischen Suche einer Schauspielerin  nach dem verlorenen Brief eines Emigranten, dem Carl von Ossietzky- und dem Peggy-Parnass-Haus.

Ein „unrühmlicher“ Ort

Die Tour ist herzergreifend gut darin, den widerständigen Flair des Viertels deutlich zu machen, zu inszenieren. Und es bedarf gar nicht des kindlichen Glaubens an die zur gängigen Hamburg Folklore zählenden Legende des Heiligen St. Georg, eines aus der Türkei stammenden christlichen Märtyrers, der im 3. Jahrhundert den Stadtteil von einem Drachen befreite, um die besonders Sozialgeschichte des Stadtteils deutlich zu machen.

Historisch gesehen war St. Georg lange ein Quartier der Ausgegrenzten und sozial Benachteiligten, geprägt durch die Ansiedlung von Leprakranken, aber auch von Armut, Prostitution und heute der Drogenszene. Seine Geschichte beginnt 1194 mit der Gründung eines Leprahospitals (St. Georgs-Hospital) außerhalb der Stadtmauern, was eine klare räumliche und soziale Trennung bedeutete, im Mittelalter wurden auch Pestfriedhöfe und Hinrichtungsplätze angesiedelt, was St. Georg als „unrühmlichen“ Ort prägte.

Erst im 19. Jahrhundert, 1830, wurde St. Georg zur Vorstadt erhoben und erst 1868 in Hamburg eingegliedert, blieb aber ein Armutsviertel, das Prostitution und Verwahrlosung anzog. Erst mit dem Bau des Hauptbahnhofs (1906) wurde es ein typisches Bahnhofsviertel mit vielen Hotels, aber auch mit Prostitution und einer Drogenszene, was zu einem negativen Image führte („Jammerbrook“). Im zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört, gab es in den 70er ahren Pläne für eine radikale Erneuerung, die aber scheiterten, sodass die Bausubstanz erhalten blieb.

Wie widerständig ist St. Georg wirklich?

Erst den 1980ern begann eine Wende: Die schwul-lesbische Szene entdeckte das Viertel, und es entwickelte sich zu einem bunten, multikulturellen Ort mit vielen Cafés, Boutiquen und einer toleranten Atmosphäre. 1980 gab es die erste „Stonewall“-Demo in Hamburg, als Vorläufer des Christopher Street Day (CSD), die „Aids-Hilfe“ in der Langen Reihe 32 leistet heute noch wertvolle Aufklärung. Inzwischen hat mir aufwendigen Sanierungen an der Langen Reihe die Gentrifizierung brutal eingesetzt und weniger Wohlhabende werden vertrieben.

Es gibt es in Hamburg keinen Stadtteil, in dem Luxus, Migrationskultur, Drogenelend, Armut  und Obdachlosigkeit so dicht nebeneinander existieren. Von St. Georg heißt es, dass auf 1,8 Quadratkilometer Menschen aus 130 Nationen wohnen.

Wie vielerorts, ist auch hier „die Linke“ alt geworden. Die älteren Menschen, die die genossenschaftlich geführte Siedlung hinter dem Carl-von Ossietzky -Geburtshaus bewohnen, sind schon in dritter und vierter  Generation hier und entzünden für die Tour die Feuerschale, „für Carl“, Carl von Ossietzky, des großen Linken der Weimarer Republik, Herausgeber der „Weltbühne“, der auch mit dem eilig verliehenen Nobelpreis nicht vor der Folter durch die Nazis gerettet werden konnte.  Auch die Verehrung der großen Journalistin und linken Journalistin und Humanistin Peggy Parnass erreicht nur noch die älteren Generationen.

Die queere Szene zeigt sich hier in ihrer vollen Vielfalt, aber eben auch in ihren bürgerlichen Doppelverdiener-Haushalten mit „Roof Gardening“ auf den Dächern, die sie bei der Gentrifzierung eigentlich schon auf der anderen Seite der Barrikade stehen lassen. Die Tour endet am Carl-von-Ossitzky.Platz, wo die JAJAJA-Leute mit ihren  Glitzerflügeln den Peace Dance aufführen. Und JAJAJA, die Widerständigkeit  liegt hier wohl in der Friedlichkeit, in der hier – anders als in den Medien oft dargestellt – Menschen täglich Integration leben und Unterschiede ausgleichen, in dieser konkreten, realen Anti-AfD-Utopie. Das Modell „Caravela“. MH

CREDITS ZUR „ST. GEORGOLOGIE TO GO HAMBURG“-TOUR

(Nicht verbindlich, die Stationen werden ständig weiter entwickelt, nur zur Illustration der Vielfalt hier wieder gegeben)

Die Texte und Zitate kommen vom Denkmalverein Hamburg, Michel Foucault, Byung Chul Han, Iris Minich, Peggy Parnass, Mika Parting, Carl von Ossietzky und Inge Stolten

Wir danken Axel Mangat – dem Leiter der Bahnhofsmission, Gloria Brillowska für die Schlafsackkostüme, Karla Fischer – von der Geschichtswerkstatt, der Gurudwara Guru Nanak Niwas Gemeinde, der Centrum Moschee Gemeinde, Julia vom Jupiter, Anke Wenzel für das Seil, Arcotel, den Mitarbeiter*innen des Hotel Reichshof, unseren Nachbar*innen und den Bewohner*innen von St. Georg 

MITWIRKENDE

(Nicht verbindlich)

Dana Anofrenkowa, Arvild J. Baud, Mariola Brillowska, Jan-Peter Kampwirth, Iris Minich, Oskar Minich, Sasha Rau, Mohadeseh Salehinasab, Lea Sprenger, Jasper Friedrich Tegtmeyer, Anke Wenzel

MIT DEN STIMMEN VON

Arvild J. Baud, Yorck Dippe, Markus John, Axel Mangat, Iris Minich, Sasha Rau

JAJAJA

Iris Minich arbeitete als Schauspielerin und Performerin an vielen Theatern (u. a. mit D. Gotscheff / F. Castorf / M. Gintersdorfer), Kunst- und Bildungseinrichtungen und für Hörspiel, TV und Film.

Arvild J. Baud ist Musiker und Performance-Künstler. Er arbeitet als Soundkünstler viel im Theater, am SchauSpielHaus unter anderen mit Karin Henkel und Stefan Kaegi.

Seit 2009 entwickeln sie als JAJAJA im Kollektiv ihr »Atopisches* Theater« – das mit sich immer „im Werden bleibenden“ Performance- Formaten ihr Publikum in Bewegung hält.

NÄCHSTE TERMINE

(Treffpunkt eweils 18.30 Uhr Foyer Malersaal, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg)

Montag, 26.01.26

Dienstag, 27.01.26

Freitag, 27.02.26

Samstag, 28.02.26

Anmeldung: https://schauspielhaus.de/stuecke/st-georgologie-

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„Peace Dance“ am Ossietzky-Platz am Ende der Tour: Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben und Kooperieren

Wie die Medien St. Georg systematisch schlecht machen

Von Mika Barting, Stadtteilzeitung für St. Georg

Dieser Text war während der Tour am Hansaplatz zu hören. JAJAJA forderten die Teilnehmer auf, jeweils einen Partner zu suchen und einen wilden Walzer zu tanzen, der über die Kopfhörer eingespielt wurde. Es ging dabei um die neu errichtete KI-Überwachungsanlage am Hansa Platze, deren Kameras durch die wilden Tänze der „St. Georgologie To Go“-Teilnehmenden ganz kirre wurden. MH

Wenn man in St. Georg lebt, gewöhnt man sich irgendwann daran, dass der eigene Stadtteil in überregionalen Medien auftaucht. Die Themen sind dabei seit Jahrzehnten dieselbeen: Drogen, Obdachlosigkeit und Polizei bilden ein mediales Grundrauschen,

Hin und wieder taucht jedoch eine Medienkampagne auf, die darüber hi­nausgeht und unser Viertel systema­tisch schlechter macht, als es ist. Die letzten Monate waren wieder so eine Phase.

Große deutsche Tageszeitungen, der NDR, die Hamburger Zeitungen, die Bild und diverse Onlineportale von rtl.de bis t-online.de haben sich gegen­seitig darin überboten zu schreiben, wie unerträglich St. Georg doch gewor­den sei. Es ging wie immer um Crack und Dreck und die angeblichen Gefah­ren, denen man im Viertel ausgesetzt sei. Diese Medienkampagne können und wollen wir nicht unwidersprochen stehen lassen.

Fangen wir mit dem einigermaßen Positiven an: Die „Zeit“ hat dem Han­saplatz im Juni einen langen Artikel ge­widmet. Es kamen verschiedene Stim­men und Perspektiven zu Wort und zeichneten ein recht differenziertes Bild des Viertels.

Auch „DIE WELT“ hat es (abgesehen von der Überschrift, aber dazu später mehr) geschafft, einen recht differenzier­ten Artikel über St. Georg zu schreiben.

Noch positiver fallen allerdings Zei­tungen und Medien auf, die sich gar nicht an der Kampagne beteiligt haben. Die Probleme von St. Georg sind sicher relevant, aber beim besten Willen nicht so relevant, dass ganz Deutschland da­rüber reden müsste. Wir freuen uns da­her, dass die Süddeutsche und auch der SPIEGEL St. Georg ignoriert haben. An­dere Orte mögen begeistert sein, wenn ihr Viertel mal in einer großen Zeitung auftaucht. In St. Georg hat man das Spielchen längst durchschaut und ist dessen ziemlich überdrüssig.

Auf der Negativseite hat die FAZ den Drachen abgeschossen. Am 28.06.25 erschien der Artikel „Im Bann des Crack“ (allein die Überschrift schon) geschrieben von Julian Staib. In diesem wird St. Georg völlig einseitig als Mo­loch dargestellt, in dem man sich nicht mehr bewegen könne, ohne angegrif­fen zu werden. Es wird behauptet, man könne in St. Georg nicht mehr sicher leben (obwohl über 12.000 Menschen das täglich tun). Andere Perspektiven kommen nicht zu Wort und es wird nicht einmal versucht, andere Lösungs­ansätze als Law-and-Order Politik vor­zustellen.

Die FAZ schreibt unter anderem, dass das Drob Inn und die umliegende Wiese unter Anwohner*innen als „Zom­bieland“ bekannt sei. Es ist nicht die einzige menschenverachtende Formu­lierung, aber eine, die wir uns näher anschauen wollen. Die FAZ ist bei eini­gen Anwohner*innen als „Schmier­blatt“ bekannt. Wir merken: Wenn eine Zeitung ein Zitat übernimmt ohne es einzuordnen, macht sie sich dieses im­mer auch zu eigen. Ob mit oder ohne Anführungszeichen: am Ende ist es auch die FAZ, die in ihrer deutschland­weiten Auflage von 170.000 Exempla­ren das Drob Inn als „Zombieland“ be­zeichnet.

In Zombieland werden Zombies mit Schrotflinten die Köpfe weggeschos­sen. Fordert die FAZ durch die Verwen­dung dieses Begriffs dasselbe Vor­gehen am Drob Inn? Wir haben sie angeschrieben und genau das gefragt. Es gab leider keine Antwort, deshalb gehen wir davon aus, dass sie es tut. Das ist eine unfaire Schlussforderung? Mag sein, und hier merken wir, wie schnell es schmerzhaft und schmutzig wird, wenn Zeitungen einseitig berich­ten.

Das Hamburger Abendblatt hat am 28.01.2025 einen Artikel veröffentlicht, der aus unserer Sicht ähnlich einseitig ist. Aber im Gegensatz zu FAZ hat das Abendblatt auf unsere Anfrage geant­wortet: eine lange Liste von Artikeln soll zeigen, wie differenziert über St. Georg berichtet wird. Und es stimmt, dass der Artikel nur einer unter vielen ist und dementsprechend eingeordnet werden muss. Was allerdings auffällt: positive Artikel des Abendblatts bezie­hen sich fast immer auf die Lange Reihe und die dort lebende überwie­gend weiße Bevölkerung. Negative Ar­tikel haben fast immer den Steindamm, den Hansaplatz und die dortigen nicht weißen Menschen zum Thema. Das er­gibt dann laut Abendblatt ein „äußerst differenziertes Bild“.

Allerdings rechnen wir es dem Abendblatt sehr hoch an, dass die Re­daktion auf unsere Anfrage geantwor­tet hat. Dieser Artikel hätte weniger bissig ausfallen können, wenn sich auch die FAZ dazu herabgelassen hätte, den Menschen Rede und Ant­wort zu stehen, über die sie schreibt.

Bei den restlichen zahlreichen Arti­keln findet man wenig Neues. Es geht immer in dieselbe Richtung. Es gäbe zu viele Abhängige, St. Georg sei nicht mehr sicher etc. pp. Etwas anderes, was alle Artikel der letzten Monate ver­eint: zwei Männer kommen in ihnen prominent vor: Tobias Stempien und Stefan Wiedemeyer.

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Machen sich fit vor der Tour: Die JAJAJA-Künstler Iris Minich und Arvild J. Baud leben selbst in St. Georg

Wie sich professionelle Medien vor den Karren der Rechten spannen lassen

Diese beiden finden St. Georg so un­erträglich, dass sie eine Bürgerinitiative gegründet haben, um „Erfahrungs­berichte“ zu sammeln. Bedeutet „Er­fahrungsberichte“, dass sie Gespräche mit obdachlosen und drogenabhängi­gen Menschen suchen, um deren Si­tuation besser zu verstehen und so Em­pathie zu entwickeln? Natürlich nicht. Es geht um „Erfahrungsberichte“ von (wohlhabenden) Anwohner*innen, die hier schreiben sollen, wie schrecklich St. Georg im Allgemeinen und woh­nungslose Menschen im Speziellen ge­worden seien.

Das Perfide: solche „Erfahrungs­berichte“ können getarnte Verunglimpfungen sein, die einzelne Fälle dramatisieren und damit eine gesamte Gruppe vorverurteilen. Gleichzeitig findet eine Opferumkehr statt. Nicht Armut und Drogensucht sind das Pro­blem, sondern dass Tobias Stempien als wohlhabender Ethnologe unter die­ser Armut leiden muss. Hier gibt es kein Mitleid außer Selbstmitleid.

Mit ihrer Bürgerinitiative laufen To­bias Stempien und Stefan Wiedemeyer seit Anfang des Jahres von Medium zu Medium und erzählen allen, die es hö­ren wollen, wie schrecklich und un­bewohnbar St. Georg geworden sei. Und das obwohl sie gleichzei­tig behaupten, dass St. Georg ihr Zuhause und ihre Heimat sei. Wa­rum man die eigene Heimat in der FAZ durch den Dreck zieht, können nur die beiden beantworten.

Tobias Stempien und Stefan Wiedemeyer inszenieren sich als „Widerstand aus der bürgerlichen Mitte“ und haben nach eigenen Angaben „etwa 400 Erfahrungs­berichte“ erhalten. Die Zahl soll suggerieren, dass sie einer Mehr­heitsmeinung in St. Georg eine Stimme gäben. Tatsächlich sind 400 Beiträge nur etwa 3% der Be­völkerung von St. Georg. Und auch inhaltlich repräsentieren sie eine eher rechte Minderheitsmeinung.

Es ist seit jeher die Strategie von Rechten, sich als die bürgerliche Mitte der Gesellschaft zu inszenieren. So trägt der Artikel der WELT auch die Zi­tat-Überschrift „Jene, die sich trauen, was zu sagen, laufen Gefahr, von den Rechten vereinnahmt zu werden“. Wer selber zu den rechten Stimmen in St. Georg gehört, kann von diesen nicht vereinnahmt werden.

Medienversagen fängt an, wenn das rechte Narrativ und die Forderung nach immer mehr Polizei einfach über­nommen wird. Wo es doch so einfach einzuordnen wäre. Mit ganz simplen, unpolitischen Fragen: „Was genau soll mehr Polizei bringen?“ „Wo sollen die obdachlosen Menschen hin, wenn sie von der Polizei aus dem Viertel gejagt werden?“ „Sollen alle diese Menschen verhaftet und eingesperrt werden?“ „Wie soll das funktionieren?“

St. Georg ist ein Viertel, in dem Ar­mut und das Versagen der Sozialpoli­tik offener sichtbar ist als irgendwo sonst in Hamburg. Und es gibt Kräfte, die seit Jahren versuchen, diese Armut unter den Teppich zu kehren und aus dem Viertel zu drängen. Denn das ist gut fürs Geschäft, vor allem für das Immobiliengeschäft. Man will die Ar­mut unsichtbar machen und aus St. Georg ein zweites Eppendorf – im Zentrum der Stadt mit besserer Ver­kehrsanbindung.

Die Opfer dieser Strategie sind Men­schen, die in der Gesellschaft ganz un­ten sind. Die jeden Tag gegen Drogen­sucht und Alkoholismus kämpfen und sich ihre eigene Situation nicht ausgesucht haben.

Es ist dramatisch, dass sich die professionelle Presse so willig vor den rechten Wagen spannen lässt. Es wird dasselbe langweilige Narrativ vom gewaltbereiten (und meist auch noch ausländischen) „Junkie“ bedient. Dieselben alten Forderungen nach mehr Polizei und mehr Überwachung werden übernommen und verstärkt.

Stattdessen könnte man ein bisschen investigativ werden und herausarbeiten, welche wirtschaftlichen Interessen in St. Georg wirklich am Werk sind. Man könnte Ross und Reiter nennen und die echten Probleme des Viertels zum Skandal machen.

Denn das größte Risiko in St. Georg ist nicht, von einer drogenabhängigen Person angegriffen zu werden. Das größte Risiko ist weiterhin, durch maßlose Mieterhöhungen aus unserem trotz allem wunderschönen Viertel verdrängt zu werden.

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