Alleinsein am Friedrichshof – „Brief vom Friedrichshof“, Folge 11

Mein Leben lang gehe ich mit dem Alleinsein durch Phasen. Als Kind ging es gar nicht, da war es pure Angst, assoziiert mit der Finsternis der Nacht. Mami, bist Du da? Türe immer einen Spalt offen. Später wird man vorsichtig, den eigenen Kindern zu viel abzuverlangen. Als ich nach der Pubertät das „mit jemand anderem übernachten“ entdeckt hatte, war ich fieberhaft dahinter her, es auch hinzubekommen. Aber allein sein ist ja nicht nur in der Nacht ein Thema.

Heute bin zum Beispiel alleine, Henni ist in Ferien, ich bin alleine am Friedrichshof. Es ist Sonntag. Unter der Woche gebe ich mir mit erfundenen  Home-Office-Zeiten etwas Struktur. Aber am Sonntag? Auch Arbeit, ohne Arbeit geht es nicht. Wieso? Ich habe das mit einer meiner beiden  Analytikerinnen (also nacheinander)  diskutiert, ist eine Zeit her. Sie sagte, auch Freud habe gesagt, Arbeit sei das wichtigste im Leben. Vor der Liebe. Nur Arbeit verbinde das Ich mit der Realität. Nur Arbeit erlaube die Triebkompensation, auf der unsere Kultur basiert.

Aber am Sonntag ist  es komplizierter. So ein Sonntag morgen alleine fühlt sich für mich an wie im Freien Fall – in der Hoffnung, daß der Schirm früh genug aufgeht. Ganz alleine ist man ja nie am Friedrichshof, eigentlich. Samstag  Abend war ich beim Impro-Theater in der Factory, untertags teile ich mir mit Nachbarn den Garten und die Katze. Ich hab es schon gesagt, gleich nach dem Aufwachen ist es Scheiße.  Eine grosse Unruhe erfasst mich. Was zu tun wäre, lässt sich denken, klar, aber die Reihenfolge? Und ein Punkt 1, ein Startpunkt,  muss ermittelt werden, wie soll ich sonst aufstehen?

Also. Bezahlte Arbeit? (Die kommende Woche vorbereiten, reicht aber eigentlich abends, statt „Tatort“.) Unbezahlte Arbeit, ROTER SALON, MAC Blog etc.? Ist in unbegrenzter Menge da, aber was genau jetzt anpacken? Hausarbeit? Bilder aufhängen? Bücher räumen? Plattenspieler nachstellen? Gartenarbeit, der Rechen steht bereit. Spaziergeharbeit, die Allee ruft, Einerundemitdemraddrehenarbeit. Oder mir was zu Essen machen? Kochen ist für mich sehr lästige Arbeit, ich weiß, keine schöne, keine zeitgemäße Eigenschaft. LESEN? MUSIK HÖREN? Diese schönen Maßlosikgeiten, die sich gar nicht eingrenzen lassen. Telefonieren? Nicht auch noch!  

img 3980
Foto: Henni Fischer

An dieser Stelle der Überlegungen bin ich schon total erschöpft. Alles ist  zur Tätigkeit geworden, die einer bestimmten Zeit bedarf und auch danach bewertet und gereiht wird. Zu Arbeit. Bei Marx heisst es ja auch: Produktion und Reproduktion. Nur zwei Buchstaben Unterschied. Jetzt aber, raus aus der Falle! Anzieharbeit (Sockensuch-Arbeit? Muss Wäsche gemacht werden?) Körperpflegearbeit (Sonntag nicht zwingend). Kackarbeit. Jetzt auch noch Frühstücksarbeit? Nö! Sexarbeit? Auf was man alles so kommt. Ich frage Henni. Nach der Reihenfolge. Sie schreibt: „Wenn die Reihenfolge sich nicht aus Notwendigkeit ergibt, dann mache ich die Dinge zuerst auf die ich mehr Lust habe.“  „Damit kann ich gar nichts anfangen“, schreibe ich zurück.

Da kommen wir zur Depressionsarbeit, ohne die es ja nicht geht. Nicht verdrängen, habe ich in der Analyse gelernt , nicht wegschieben – konfrontieren. Ja, ich bin traurig. Sich in das  Gefühl fallen lassen, hinunter, wo man ja eigentlich nicht hin will.  Denn es gibt einen Grund, einen Boden, der Halt gibt. Den erreicht man aber nicht, wenn man vorher die Nerven verliert. Oder erst gar nicht untertaucht. Das zu verstehen,  hat mir ein Bild aus der Kindheit geholfen, und wenn mir irgendwas nicht zu sehr weh tut, nehme  ich es heute noch auf.  In schulterhohem Wasser tauche ich unter, in eine Art Kniebeuge. Verharre kurz unter Wasser, und schnelle dann hoch. Immer wieder. Spritz, spritz! Da bin ich! Nicht ertrunken.  Und es geht immer wieder, egal ob Meer, See, städtisches Schwimmbad. Aus eigener Kraft.  Nur im Neusiedler-See, da geht es nicht so gut. Was kein schlechtes Omen sein soll.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top
Scroll to Top