Einwurf von Daniel Grothkopf
Am 7. Mai waren Lukas Betzler und Franziska Haug bei uns im ROTEN SALON HAMBURG zu Gast, wo sie uns etwas über den Sammelband “bin weiblich, bin männlich, doppelt” erzählten, der von Haug im letzten Jahr herausgegeben wurde. Der Band versammelt Artikel zu verschiedenen Autor*innen queerer DDR Literatur, wobei viele der Artikel davon handeln, was es für eine Literatur bedeutet, als queer bezeichnet zu werden, wenn dieser Begriff der Zeit nach eigentlich noch gar nicht zur Verfügung stand. Ich möchte in diesem Bericht jedoch lediglich auf eine Stelle aus Lukas Betzlers Artikel mit dem Titel “Homosexuelles Begehren im Werk Franz Fühmanns” eingehen. Die Feinheiten und den weiteren Zusammenhang des Sammelbandes blende ich dabei vollkommen aus, folgende Passage soll im Fokus stehen:
“Für ein Denken der Vermittlung [von Gesellschaft und Natur] bietet sich vielmehr der Begriff des Begehrens an, wie er, anknüpfend an die psychoanalytischen Begriffe des Triebs und des Wunschs, auch und gerade in homosexueller und queerer Theorie produktiv gemacht wurde. Das Begehren in diesem Sinne ist vieldeutig und polymorph, ist also nie nur auf ein bestimmtes Objekt beschränkt, sondern besitzt immer ein überschießendes Moment. Und es ist nicht ‘Besitz’ des Subjekts, sondern widerfährt ihm und stellt damit die Souveränität seines Wollens infrage.” (S. 243)
Der Begriff des Begehrens spielt im Zuge der von Betzler sogenannten queeren Poetologie Franz Fühmanns eine wichtige Rolle. Als vermittelnder Begriff spricht er in diesem Verständnis die Widersprüche des Individuums in der Gesellschaft an. Einerseits meint Begehren etwas Natürliches, das in Zusammenhang mit Körper und Bedürfnis gedacht wird. Auf der anderen Seite haben wir die materialistische Perspektive, der zufolge man sich individuelles Begehren gesellschaftlich vermittelt vorstellt. Was wir begehren, ist dann nicht ausschließlich körperliches Bedürfnis, sondern durch z.B. Erziehung und Sozialisation bestimmt. Vermittlung der Widersprüche findet statt, wenn die gesellschaftlichen Eindrücke, Verbote und Tabus auf die sogenannte Natur des Individuums treffen und beides in Wechselwirkung gebracht wird. Fragen, die sich mir aufdrängen, wären, ob Gesellschaft hier eine ausschließlich repressive Funktion übernimmt und wo das Begehren als Schnittstelle zwischen Natur und Gesellschaft eigentlich zu verorten ist. Denn es ist eine Sache, in der Literatur nach dem Ausdruck von Begehren zu suchen, aber queere Theorie will sich ja nicht allein mit Kunst begnügen. Letzteres schließt sich an die Lektüre des Artikels zwar an, gerechterweise kann man aber von einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung keine Antwort darauf verlangen.

Trotzdem sollen einmal Beispiele queerer Poetologie, die in dem Artikel vorkommen, erwähnt werden. Die ausgewählten Textstellen aus Fühmanns Oeuvre zeigen doch eigentlich schon recht deutlich, was damit gemeint sein könnte. In den Texten wird ein offener Umgang mit dem Begehren gepflegt, es tritt tatsächlich in gewisser Weise widersprüchlich oder zumindest in vielen verschiedenen Formen auf. Mal geht es um das Begehren eines griechischen Kochs einer Partisanenkompanie während des zweiten Weltkriegs, der sich zu seinen Nazi-Henkern angezogen fühlt, mal um Fühmann selbst, der die homosexuellen Untertöne der biblischen Geschichte von David und Jonathan an sich selbst nachempfindet, oder auch um Fühmanns Traumprotokolle, in denen das Begehren ungestüm fantasiert. Die Widersprüchlichkeit des Begehrens oszilliert in diesen Beispielen zwischen Lust und Unlust, Zärtlichkeit und Gewalt, Sehnsucht und Verbot.
Aber ich denke fast – und da entferne ich mich von der Literaturwissenschaft -, dass der oben zitierte Begriff von Begehren seinem Umfang nach auf mehr hinaus möchte, als nur eine queere Poetologie zu unterstützen. Meiner Auffassung nach zielt die zitierte Stelle (Deleuze, Guattari und Hocquenghem stehen mir als Zeugen bei) auf eine bestimmte Praxis des Begehrens ab. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, was das bei einem Begehren, das als polymorph und vieldeutig vorgestellt wird, bedeuten könnte. Vielleicht soll ja das Begehren ähnlich verstanden werden wie die regulativen Ideen bei Kant. Das hieße, dass man der Vieldeutig eingedenk bleiben sollte, dass der Polymorphismus gleichwohl einen Maßstab für das eigene Verständnis von Begehren abgibt, an dem sich die Reflexion über Begehren orientieren kann.
Daniel Grothkopf ist Musiker, Filmspezialist, arbeitet an der Uni Hamburg an einem Projekt „Musik und Diktatur“ und ist Mitarbeiter des ROTEN SALON HAMBURG, wo er die Vorbereitung der Veranstaltung übernommen hatte
Franziska Haug (Hg.) „bin weiblich, bin männlich, doppelt“ Queere DDR-Literatur, 296 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, 2025
