Dem MAC, der seit bald 40 Jahren in Hamburg lebt und jetzt viel in Wien unterwegs ist, fällt auf, dass es in Wien keine linken Stadtteile gibt, nicht sowas wie die Schanze in Hamburg, oder vielleicht das Karoviertel. Die Hafenstraße. Den Friedrichshain in Berlin oder Connewitz in Leipzig. Auch kein queer-multikulturelles wie Hamburgs St. Georg. Klar sind viele dieser Viertel mit der Vermarktung der eigenen Vergangenheit beschäftigt und brutal von der Gentriefizierung erfasst, dennoch bieten sie – etwa auf Hamburgs Schanze mit Zentren wie der Roten Flora oder dem Centro Sociale – eine gewisse Infrastruktur für die linke und die linksautonome Szene. Das linke Projekt bleibt in der Stadt sichtbar und erlebbar, und sei es nur durch Gastronomie, beansprucht Raum in der Stadt und damit im städtischen Selbstbild. Die „Hamburger Linke“ hat Orte.
In Wien scheinen diese Orte verloren gegangen zu sein. Was gab es? Zunächst, es gab keine zusammenhängenden Besetzung von Häusern, die bei vielen deutschen Szenevierteln am Anfang standen. Auf dem Gelände des einst durch die „Arena-Bewegung“ besetzten Schlachthof St. Marx befinden sich heute ein Medien- und ein Einkaufszentrum. Und das zweite, große links-alternative Projekt, das Amerlinghaus am Spittelberg, diese einst herbeigesehnte „Stadt der Vagabunden“, exisitiert zwar noch in rudimentärer Form, ist aber in einem von Immobilienspekulation geprägten und hochwertig durchsanierten Viertel an die Wand gedrängt und existentiell bedroht. Die damals gegründte „Freie Schule Amerling“ lebt allerdings nach mehreren Metamorphosen an anderer Adresse ihrem Geist nach fort. Das Amerlinghaus selbst in der Stiftgasse 8 wirkt dagegen wie ein „Überbleibsel eines anderen, fremden Wien“, wie Christoph Reinprecht im untenstehenden Beitrag schreibt.
Wo lebt die Linke in Wien? Ironisch liesse sich sagen, sie könne sich in den historischen Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt mit seinen 1.272 Wohnungen zurückziehen, ein „Überbleibsel“ aus dem historischen „Roten Wien“ – wäre da nicht die Nachricht, der im Marx-Hof errichtete „Waschsalon“, der sich der Geschichte des „Roten Wien“ und der Arbeiterbewegung widmen sollte, müsse sein Programm halbieren. Daß die Linke in Wien wenig Struktur hat, bemerkt der MAC auch, wenn er gerade dabei ist, den ROTEN SALON WIEN, die Wien-Version der Hamburger Veranstaltungsreihe vorzubereiten. Er hat dafür sehr engagierte MitstreiterInnen gewonnen und ist mit ihnen gemeinsam der Ansicht, daß – eben, weil es nicht so viel gibt – die Nachfrage in Wien nach linken Veranstaltungen gross sein muss: Wien diesbzüglich eine Wüste, die man zumindest versuchsweise bewässern kann.
Im Blog geht es heute um „Spekulatius statt Spekulation – 50 Jahre Besetzung Amerlinghaus“, wie ein vor kurzem im Mandelbaum Verlag erschienenes Buch heisst, das sich vielleicht auch demnächst für einen ROTEN SALON WIEN eignet. Der Sammelband ist widerständig gemacht und konterkariert das gerade gezeichnete Bild eines „unlinken“ Wien, in dem der Kommerz triumphiert. Viel mehr wird aufgezeigt, wie sehr gerade die Gentrifizierung neuen Widerstand erzeugt, der sich nicht mehr nur lokal, sondern global vernetzt – gegen die „fortdauernde Inwertsetzung der „Global City“, wie der Autor und Soziologe Reinprecht schreibt, der von 1979 bis 1983 selbst Mitarbeiter im Kulturzentrum Spittelberg war.

50 Jahre Besetzung Amerlinghaus:
Desillusiionierung und Radikalismus
Von Christoph Reinprecht
Die Schaffung der Schutzzone Spittelberg ist ein Erfolg der Stadt von unten, worin auch ein Monopolverlust der städtischen Planungselite zum Ausdruck gelangt. Das Sanierungskonzept der IG Spittelberg unterstreicht über die Notwendigkeit einer architektonisch und sozial behutsamen Sanierung hinaus auch die Bedeutung der Revitalisierung als Stärkung urbaner Funktionen wie Kommunikation, Nachbarschaft, Kultur, Freizeitgestaltung und Erholung. Schaffung von Grünflächen und Fußgängerzonen, die gemeinschaftliche Nutzung von Plätzen und Innenhöfen, die Schaffung selbstorganisierter Gemeinschaftseinrichtungen. Zur Besetzung des Amerlinghauses kommt es, als unter den Aktivistinnen der Interessengemeinschaft der Eindruck entsteht, die Gemeinde spiele in der Umsetzung des Sanierungskonzepts auf Zeit.
Nach langwierigen Verhandlungen und umfassenden Sanierungsarbeiten wird das Haus am 1. April 1978 als selbstverwaltetes, von der Gemeinde Wien subventioniertes Kultur- und Kommunikationszentrum in Betrieb genommen. Für den restlichen Spittelberg sieht das Sanierungsmodell wie folgt aus: Als Eigentümerin eines Großteils des vorgründerzeitlichen Hausbestands in der Kernzone tritt die Gemeinde die Sanierung und Verwaltung der meisten Häuser in Form von Baurechtsverträgen an die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft Gesiba ab (aufgrund der sehr schlechten baulichen und sanitären Situation waren viele Häuser nicht oder nicht legal bewohnt). Da die Sanierung aus öffentlichen Mitteln und durch gemeinnützige Bauträger erfolgt, ist die Miete gedeckelt. Um Spekulationsgewinne zu verhindern, sind Mieterhöhungen, etwa bei Weiter- oder Neuvermietung, erst nach einer Übergangszeit von 15 lahren möglich.
Stadt der Vagabunden?
Die Sanierung bewirkt dennoch eine Neuzusammensetzung der Bevölkerung. In die hübsch sanierten Häuser ziehen nicht zwingend finanziell wohlhabende, aber zumeist jüngere, bildungsnahe sowie zumindest potenziell einkommensstärkere Personengruppen wie Künstlerinnen oder (neue) Selbstständige wie Architektinnen, Psychotherapeutinnen etc. ein, die zum Erhalt der historischen Fassaden und der historisierenden Ausstattung (Pflastersteine, Laternen) eine ästhetische und emotionale Beziehung entwickeln. Gassenlokale werden von Galerien, kunsthandwerklichen Gewerbebetrieben, alternativer Gastronomie genutzt. Im gründerzeitlichen Hausbestand, überwiegend im privaten Familienbesitz, wird die Sanierung durch Mittel des Wiener Altstadterhaltungsfonds, Wohnbaudarlehen, aber auch Eigenmittel von Mieterinnen und Mietern bewerkstelligt. Wie in anderen Bereichen der Gründerzeitstadt nimmt auch hier der Druck auf einkommensschwächere ansässige Haushalte zu, es wird von Praktiken des Entmietens und Hinausdrängens berichtet, Neuvermietungen adressieren zahlungskräftige Klientel.

Der Spittelberg eignet sich als Projektionsfläche für junge intellektuelle Milieus, die nach Gegenentwürfen zur funktionalistischen, kapitalistisch-fordistischen Stadt suchen und in der verwinkelten Struktur des Stadtteils ein Gegenmodell auch zu den spießbürgerlichen Stadt- und Wohnvorstellungen ihrer Herkunftsmilieus finden: eine Stadt der Vagabunden, Unangepassten, der Stromer und Tippler, der Überflüssigen, wie sie die zu dieser Zeit vielgelesenen Balladen des Francois Villon bevölkern und denen ein sozialrevolutionärer Habitus zugeschrieben wird. Diese Anreicherung macht das Viertel attraktiv, etwa für Studierende, die in den oftmals nahegelegenen gründerzeitlichen Patrizierhäusern des bürgerlichen Wien sich in Wohngemeinschaften eingerichtet haben, oder für Kunsthandwerkende und Künstlerinnen, die den Leerstand für ihre Werkstätten und Ateliers nutzen, für Schauspielerinnen, die die Tradition des Pawlatschentheaters wiederfinden und gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten Aktionen setzen: Das erste Spittelbergfest findet 1973 statt, 1974 die Spittelbergwoche, ab 1975 wird der Spittelberg auch Spielort der Wiener (Bezirks-)Festwochen. Es ist dem Sonderfall der durch die öffentliche Hand gestalteten Sanierung geschuldet, dass es dauert, bis bauliche Aufwertung und kulturelle Anreicherung sich in materieller Inwertsetzung zu Buche schlagen.
Neobürgerlich-urbaner Hedonismus, kreative und touristische Industrie
In den fünfzig Jahren, die seit der Besetzung vergangen sind, haben sich Gesellschaft und städtisches Leben, aber auch die basisdemokratischen und an Vorstellungen einer emanzipatorischen stadtteilbezogenen Kinder-, Jugend-, Alten-, Bildungs- und Kulturarbeit orientierten Konzepte des Amerlinghauses grundlegend verändert. Es sind Jahrzehnte einer Desillusionierung: Dies gilt für den basisdemokratischen Anspruch, der bald nach der Eröffnung durch das Prinzip der »Mitarbeiterinnen-Selbstverwaltung« außer Kraft gesetzt wird, ebenso wie für die Spannung zwischen der ursprünglich lokalen Positionierung als sozialer Infrastruktur für die Bewohner:innen des umgebenden Stadtteils und der zunehmend überlokalen Ausrichtung des Hauses als Ressource für alternative Projekte und Initiativen.
An die Stelle der gruppenbezogenen Stadtteilarbeit tritt mit der Zeit eine kritische Bildungs- und Kulturarbeit für und mit Gruppen, Initiativen, Einzelpersonen aus ganz Wien, die für ihre Tätigkeit auf einen niederschwellig zugänglichen, nichtkommerziellen Ort angewiesen sind, sei es, weil ihnen die materiellen Mittel fehlen oder weil sie in ihrem Status, ihrem Tun gesellschaftlich marginalisiert sind. Eine Zeit lang scheint es, als transformiere sich das einstige Nachbarschaftszentrum – für alle Altersgruppen und Bedürfnislagen – vollständig in eine örtlich ungebundene Drehscheibe von Widerständigkeit gegen die Kommodifizierung der Stadt.

Die große Spannung zwischen dem Amerlinghaus, seiner Programmatik und seinen Nutzer:innen einerseits und der nahezu vollständig von neobürgerlich-urbanem Hedonismus, kreativer und touristischer Industrie erschlossenen Umgebung andererseits eröffnet allerdings auch neue Perspektiven, denn es ist der dem Ort innewohnende und durch ihn materialisierte Widerspruch, der selbst politisch ist, aus dem das Politische spricht. Es geht dabei nicht nur um spezifische emanzipatorische Inhalte von Gruppen, die das Amerlinghaus als Infrastruktur nutzen; vielmehr ist es die Existenz des Hauses selbst, die unablässig als Stachel wirkt – indem das Haus aus sich heraus den Gegensatz von kommodifizierter Stadt und der Stadt der Commons, der konsumierten, inszenierten, touristifizierten Stadt und der Stadt als Ort der Begegnung, der Kooperation, der gemeinsamen Aufmerksamkeit, des Dialogischen, einer gelebten kommunikativen Rationalität, der Solidarität mit den Vulnerabelsten unserer Gesellschaft anspricht und radikalisiert.
Die Verschiebungen, die in den fünfzig Jahren seit der Besetzung des Amerlinghauses in Wien und speziell im siebten Bezirk stattgefunden haben und stattfinden, verleihen dem Haus mitunter anachronistische Züge, wirkt es doch wie ein Überbleibsel eines anderen, fremden Wien. Zugleich steckt in diesem Anachronistischem die Quelle dessen, was Cynthia Fleury »die Klinik der Würde« nennt. Was vor fünfzig Jahren der Kampf um Selbstverwaltung und Autonomie war, ist heute der Kampf um einen Raum, in dem wir die eigene Würde (und unsere Empörung über die würdelose Behandlung in der Gesellschaft und ihren Institutionen) mit jener anderer Menschen verbinden können und Empörung zu politischer Aktion wird. Was damals der Kampf für eine sozial gerechte, »sanfte« Stadterneuerung war, ist heute der Kampf gegen die fortdauernde Inwertsetzung in der Global City; was damals ortsorientiert war, ist heute vernetzt, grenzübergreifend und doch auch lokal eingebettet; was damals (internationale) Solidarität hieß, meint heute unbedingte Gastlichkeit; was damals Sammelbecken einer Alternativbewegung war, ist heute sozial-räumlicher Bezugspunkt für Diskurspositionen und Lebensentwürfe, die als abweichend, marginalisiert, subversiv gelesen werden; was damals Gegenöffentlichkeit war, ist heute ein Erschließungsort neuer Allianzen, Querverbindungen, Kooperationen auch innerhalb des Bezirks und mit globalen Diskurspositionen vernetzt: Queerness, das Recht auf Wohnen, Antirassismus.
Christoph Reinprecht forscht als Soziologe in Wien zu Stadtleben und Stadtentwicklung, Migration und sozialer Ungleichheit. Von 1979 bis 1983 war er Mitarbeiter im Kulturzentrum Spittelberg.

Der Text ist die gekürzte Fassung
eines Beitrags zum Sammelband
Spekulatius statt Spekulation! 50 Jahre Besetzung Amerlinghaus,
herausgegeben vom Infobüro Amerlinghaus
Mandelbaum-Verlag, 2025, 272 Seiten, EUR 25,00
