RÜCKSCHAU
Demokratie ist ein Gurkerl im Knie
ROTER SALON HAMBURG mit Alex Demirović und „Das Ende der Politik – Marx als Demokrat“, Dietz Verlag
Volles Haus und viele freundliche Vibes bei Alex Demirović am Montag Abend. Das Thema passt gut in eine Zeit, in der in der Linken angesichts zugespitzter Verhältnisse viel über Demokratie diskutiert wird. Ist sie nur ein Fetisch, letztlich inhaltsleer, im Prinzip eine Form bürgerlicher Herrschaft, eigentlich nur ein anderes Wort für „Kapitalismus“? Die schon eingangs gestellte Frage, ob sich der Kapitalismus „abwählen“ ließe, konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Im Prinzip sei Vergesellschaftung in einer demokratischen Verfassung möglich, meinte Demirovich. In seinem wunderbar packend, frei erzähltem Vortrag machte er der die diffizilen, kleinteiligen Mechanismen deutlich, wie schnell „Demokratie“ zum inhaltsleeren Fetisch werden kann, der zum „Ende der Politik“ führt – zum Ausschluss der Gesellschaft aus den wesentlichen wirtschaftlichen und politischen Prozessen, wie wir es heute im Ergebnis haben.
Den ROTEN SALON mit Demirović gibt es demnächst zum Nachhören auf Freies Radio FSK: https://www.radio.de/s/fsk
Und Alex in Bestform gibt es bis dahin auf: https://rls-theoriepodcast.podigee.io/

VORSCHAU
Im Roten (ähem) Wien
ROTER SALON WIEN mit Mit Heinrich Detering und „Die Revolte der Erde – Karl Marx und die Ökologie“, Wallstein Verlag
RS-Gründer und „MAC“ Michael Hopp stammt aus Wien und hat in der Wiener Linken der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts seine politische und journalistische Prägung erhalten, bevor er in den späten 80er Jahren nach Deutschland ging. Naheliegend daher die Idee, den Hamburger ROTEN SALON auch mal in Wien auszuprobieren.
Motivierend kam dazu, dass sich RS-Gast Heinrich Detering („Die Revolte der Erde – Marx und die Ökologie“) gerne bereit erklärte, die Reise nach Wien anzutreten. Die Premiere des ROTE SALON WIEN mit einem „Gastspiel“ der Hamburger Veranstaltung letzten November, war damit beschloßene Sache.
Als Mitstreiter des ROTEN SALON WIEN fanden in Wien die Filmemacherin und Autorin Henni Fischer, der langjährigen „profil“-Journalist und Inhaber einer Medien- und Verlagsagentur, Ernst Schmiederer, sowie der Paläontologe, politische Aktivist (Integration im Stadtteil) und Gastronom Roland Schweizer zusammen. Schweizer stellt für die Veranstaltungen sein wunderbares „Café Else“ in der Heinestraße beim Praterstern zur Verfügung.
Warten die Wiener auf den ROTEN SALON? Wir wissen es nicht. Die Linke ist in Wien viel stärker marginalisiert als in Hamburg, die Beschäftigung mit dem Marxismus diskriminiert und mit Sanktion belegt. Einerseits. Anderseits gibt es die große Tradition des Austromarxismus, des Roten Wien zwischen den Kriegen, und gibt es doch auch vereinzelte Nachkömmlinge der großen, „neulinken“, antiautoritären Intellektuellen-Generation der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, die in Redaktionen wie dem „Neuen Forum“ oder dem „Wiener Tagebuch“ versammelt war. Und es gibt den unerwarteten Aufschwung der KPÖ, über den sich KPler in Deutschland nur die Augen reiben können.
Mit diesem Thema wird sich übrigens ein Hamburger ROTER SALON im Juni beschäftigen, wenn Dr. Anne Rieger, neben einer Intpretation des Nancy Faeser-Klassikers Allesfresser“, auch über die Entwicklung ihrer Partei in österreichischen Bundesländern wie Steiermark und Salzburg erzählen wird.

VORSCHAU
Wenn Worte mobilisieren
ROTER SALON HAMBURG mit Daphne Weber und „Politik der Parole – Ästhetische Praktiken politischer Mobilisierung“, Campus Verlag
Die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ beschreibt, dass in modernen Gesellschaften nicht mehr nur Geld und Waren knapp sind, sondern vor allem menschliche Wahrnehmung. Informationen gibt es im Überfluss, Aufmerksamkeit dagegen ist begrenzt. Wer sie gewinnt – Medien, Marken, Politiker, Influencer oder Unternehmen –, erhält Macht, Reichweite, Ansehen und oft auch wirtschaftlichen Gewinn. Der bis 2016 an der Wiener TU lehrende und Medientheoretiker Georg Franck (geb. 1946) hat den Begriff im deutschsprachigen Raum entscheidend geprägt, vor allem mit seinem Buch Ökonomie der Aufmerksamkeit (1998). Viele Linke haben sich Francks Erkenntnissen eher verweigert und an der Verwendung des Begriffs „Ökonomie“ gestört – und können dennoch dem Wettlauf um Aufmerksamkeit nicht entkommen, in dem sie zur Zeit eher unterliegen.
Digitale Plattformen, Algorithmus-Feeds und Dauerkommunikation haben inzwischen den Wettbewerb um Aufmerksamkeit radikal verschärft. Starke Aussagen und Versprechen, knackige Zeilen sind weiterhin und medienübergreifend ein wichtiges Instrument in Politik, Journalismus und Werbung, Aufmerksamkeit zu erregen und zu binden.
Im Journalismus ist es die Headline, in der Werbung der Claim – und in der Politik die Parole. „Das Image der Parole ist ramponiert. Sie vereinfacht, sie agitiert, sie wird zur Kennzeichnung von Populisten herangezogen“, schreibt Daphne Weber in ihrem Buch „Politik der Parole“. Im historischen Rückblick zeigt sie, welche Bedeutung Parolen für die politische Mobilisierung historisch zukommt – von den konkurrierenden Parteien der Weimarer Republik über die Massenmobilisierungen der Friedensbewegung bis zur Herrschaftspropaganda der der SED in der DDR und das Aufbegehren in der Friedlichen Revolution 1989 bis hin zu den Protesten rechter Bewegungen heute. Wie steht es mit dem Talent zur Parole in der Linken heute? Es fehlt sicher nicht an Vielfalt und Witz (auch bei der Ironisierung müde gewordener Traditionsparolen wie „Hoch die Internationale …“) wohl aber an „Parolen“, hinter denen sich viele versammeln können. Daphne Weber ist am 30. März im ROTEN SALON HAMBURG.
