„Die radikale Ausdehnung der Demokratie über alle Lebensbereiche“

Haben Marxisten ein Problem mit der Demokratie? Mit Blick auf Sowjetunion und DDR wird das oft angenommen. Aber was meinte Marx wirklich? Und was können wir mit seinem Verständnis von Demokratie heute noch anfangen? Wie weit taugt es vielleicht auch zur Verteidigung der Demokratie, die heute aktuell ist?Und was ist Demokratie überhaupt? Darum wird es im ROTEN SALON HAMBURG am 23. Februar gehen. Zu Gast ist Alex Demirović mit seinem wunderbaren Buch „Marx als Demokrat“.
Karl Marx kritisierte die liberale Demokratie als Form der Herrschaft der Bourgeoisie und war zugleich radikaler Verfechter demokratischer Selbstbestimmung. Alex Demirović zeigt, wie sich Karl Marx’ Verständnis von Demokratie im Lauf der Zeit verändert hat. Er weist anhand von Quellen nach, dass es Marx keineswegs darum ging, die Demokratie abzuschaffen der einzuschränken, sondern sie aus der Erstarrung in bürgerlichen Institutionen zu befreien.

ROTER SALON HAMBURG
Alex Demirović: Marx als Demokrat oder Das Ende der Politik, Dietz Berlin 2025
Montag, 23. Februar 2026, 18 Uhr 30, Vortragsraum der StaBi. Eintritt frei, Spenden erbeten.

Für den Blog heute hat Finn Schreiber vom ROTEN SALON schon mal mit Alex Alex Demirović gesprochen. Und ihn auch zum bekannten „MASCH-Urteil“ des Hamburger Verwaltngsgerichts befragt, das die MASCH, den Partner des ROTEN SALON, zwar von der Verfassungsschutzliste streichen liess, in der Urteilsbegründung den Vorwurf der Demokratiefeindllichkeit der marxistischen Lehre aber aufrecht hielt.
Zum Nachlesen: https://michael-hopp-texte.de/das-urteil/ M.H.

IM GESPRÄCH MIT ALEX DEMIROVIC
Von Finn Schreiber

Finn: Was  verstehst du eigentlich unter dem Begriff Demokratie?

Alex: Demokratie bedeutet, dass sich alle, die von gemeinsamen Regeln betroffen sind, also das Kollektiv, das sich eine gemeinsame Zukunftsperspektive gibt, auch daran beteiligen können, die Regeln zu diskutieren und zu setzen. Wir schaffen Kollektivwillen und binden uns in unterschiedlichem Ausmaß an gemeinsame Entscheidungen. Bauen wir ein Schwimmbad hier oder dort? Wie viele Schwimmbäder bauen wir? Wie viele Schulen benötigen wir? Wo muss eine Straße langgeführt werden? Diejenigen, die davon betroffen sind, sollten auch mitentscheiden können. Das sind natürlich komplizierte Fragen, weil von vielen Entscheidungen viel mehr Menschen betroffen sind, als man zunächst denkt. Eine Straße kann für einen erheblichen Teil der Menschheit von Bedeutung sein, weil auch Menschen, die räumlich und zeitlich weit entfernt leben, sie nutzen müssen oder wollen. Eine Straße bindet Ressourcen, Arbeitskräfte, Maschinen, Material. Dafür müssen alle aufkommen. Sie prägen die Besiedlungsweise, die Nutzung des Bodens. Wir alle sind verantwortlich, aber nehmen heute an den Entscheidungen nicht teil und werden davon auch abgehalten. Wir müssten aber auf allen Ebenen beteiligt sein, also nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch und kulturell.

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Aufgrund einer gerichtlichen Auseinandersetzung unseres Kooperationspartners, der Marxistischen Abendschule Hamburg (MASCH), die Lesekreise und Veranstaltungen mit einem Schwerpunkt rund um die Auseinandersetzung mit Marx und der Kritischen Theorie veranstaltet, mit dem Verfassungsschutz Hamburg hat sich das Verwaltungsgericht Hamburg letztes Jahr auch mit der Frage beschäftigt, ob Marx demokratisch ist.
In dem Urteil heißt es zur Theorie von Marx:
“Diese auf die Theorien von Karl Marx zentrierte Betätigung des Klägers steht prinzipiell im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die von Marx begründete Gesellschaftstheorie – mit der sich der Kläger befasst – dürfte in wesentlichen Punkten mit den in § 5 Abs. 5 HmbVerfSchG angeführten Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sein.”

Anmerkung: Bei den in § 5 Abs. 5 Hamburger Verfassungsschutzgesetz genannten Prinzipien handelt es sich u.a. um die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsmäßige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, der Ausschluss jeder Gewalt- und Willkürherrschaft und die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte.

Würdest du sagen, dass man richtigerweise attestieren kann, dass Marx im Widerspruch zu diesen Prinzipien steht und man ihn somit zurecht “antidemokratisch” bezeichnen kann?

Ich würde es anders herum betrachten. Aus der radikaldemokratischen Sicht des frühen Marx steht die Frage im Mittelpunkt, ob man eine einmalig gefügte Verfassung überhaupt zur Grundlage aller weiteren Entwicklungen machen kann und soll. Darüber wurde ja seit dem 18. Jahrhundert auch von denjenigen, die sich für die moderne demokratische Republik eingesetzt haben, heftig diskutiert. Thomas Paine sagte: „Keine schlimmere Tyrannei als die aus dem Grabe heraus”. Wie kommen also die Richter dazu, das Grundgesetz von 1949 zum Maßstab für die Theorie eines Mannes zu machen, der für die demokratische Republik in Deutschland gekämpft hat und dafür ins Exil gezwungen wurde? Und das 100 Jahre, bevor das Grundgesetz verabschiedet wurde. Dabei war Marx immer noch sehr viel demokratischer als die meisten anderen Menschen in Deutschland. Seit Marx können wir feststellen, dass Demokratien immer wieder in Gewalt- und Willkürherrschaft übergehen können. Das entsprach schon der Erfahrung von Marx (oder er antizipierte das klug), und deswegen plädierte er für andere sozialen Grundlagen, die gar nicht erst die Gefahr aufkommen lassen. Die Vorwürfe kommen mir ein bisschen absurd vor. Marx hatte eine sehr weitreichende Vorstellung von Demokratie. In seiner Schrift über die Pariser Kommune schreibt. Darin geht es um die Ausdehnung des Wahlrechts auf alle Bereiche der Gesellschaft. Das verändert natürlich auch die Verfahren, wie kollektiv bindende Entscheidungen getroffen werden. Ähnlich wie in der frühbürgerlichen Demokratieauffassung, wenn man an Thomas Paine denkt. Thomas Paine war gegen die Gewaltenteilung von Exekutive und Legislative, da er dies als monarchische Konstruktion betrachtete – ein Zugeständnis von Montesquieu an die Monarchie – und sagte: „Die amerikanische Verfassung braucht so etwas nicht.” Der Gesetzgeber sollte auch die Instanz sein, die die Gesetze verwaltet und ausführt. Natürlich gibt es auch eine starke Gesetzesbindung und eine Unabhängigkeit bei der Überprüfung von Gesetzen. Ja, also das, was wir gemeinsam entscheiden und als Regeln festlegen, daran binden wir uns und verwalten es gemeinsam.

Aus Marx‘ Sicht ist die Würde des Menschen, wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes verankert ist, selbstverständlich. Betrachtet man seinen kategorischen Imperativ – „alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ – als Maßstab, dann muss man sagen, dass die Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik einen einzigen Verstoß gegen Artikel 1 GG darstellt, da Menschen permanent entwürdigt, verletzt und erniedrigt werden. Und das geschieht, weil sie arm sind, weil sie keine Wohnung finden oder weil sie bei der Arbeit unter dem Kommando anderer stehen. Das sind alles Verletzungen. Wer Arbeiterin ist, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Ende des Arbeitstags, nachdem man vom Chef zehnmal angewiesen, beschimpft und abgewertet wurde. Und dann sitzt die Familien stundenlang am Abendtisch, um das Ganze therapeutisch aufzuarbeiten. Wenn man das voraussetzt, dann muss man sagen: Diese Richter leben nicht in dieser Welt. Naja, wahrscheinlich erleben sie auf ihre Weise auch Entwürdigung und eigentlich wären sie vielleicht auch froh, wenn es andere Verhältnisse gäbe. Nicht umsonst werden viele Richter berufsunfähig, weil sie zu keinen Urteilen mehr kommen.

Mehr zu Thomas Paine in der neuen Folge des Theoriepodcasts tl;dr der Rosa-Luxemburg-Stiftung moderiert von Alex Demirovic: https://www.rosalux.de/theoriepodcast

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Alex Demirović, geb. 1952, ist apl. Prof. an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Permanent Fellow des Centre for Social Critique sowie Host des Theoriepodcasts »tl;dr – too long, didn’t read«.

Zur Begründung dieses Widerspruchs der marxschen Theorie mit den Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bezieht sich das Gericht in dem Urteil vor allem auf den von Marx und Engels verwendeten Begriff der „Diktatur des Proletariats”, welche bei Marx als „voll entfaltete wahre Demokratie” den Gegensatz zur „verhüllten Demokratie der Bourgeoisie” bildete. Wie ist diese Diktatur des Proletariats zu verstehen? Kann man wirklich so einfach sagen, dass es sich dabei um eine demokratiefeindliche Idee handelt? Oder was ist darunter zu verstehen?

Zunächst muss man meiner Meinung nach deutlich machen, dass der Begriff „Diktatur des Proletariats” historisch enorm belastet ist, da er innerhalb der Tradition der kommunistischen Weltbewegung eine Zeit lang für ein bestimmtes politisches Regime stand. Wenn man Marx in diesem Sinne ernst nimmt, kann man sagen, dass er damit kein politisches Regime meinte. Vielmehr war es eine politische Form des Übergangs, in der die denkbar breiteste Form der Demokratie praktiziert werden sollte. Das heißt, das Wahlrecht soll auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgedehnt werden. Dabei stellt er das nicht der Demokratie gegenüber, sondern es ist bei ihm eher eine Ausweitung der Demokratie auf ökonomische und kulturelle Prozesse. Er stellt es jedoch explizit einer anderen Diktatur gegenüber, nämlich der Diktatur der bürgerlichen Klasse. Nun könnte man fragen: Inwiefern herrscht die bürgerliche Klasse diktatorisch? Wir haben doch eine parlamentarische Demokratie, einen Rechtsstaat und eine richterliche Überprüfung der Gesetze. Aber wie kommen die Gesetze zustande, wie werden Juristen ausgebildet, wie leben Richter? Sie fällen ihre Urteile oftmals in engster Verbindung mit der Politik, mit dem sozialen Kontext, in dem sie leben: Klar, es gibt die Rechtsdogmatik, aber auch das Gericht als beruflicher und sozialer Zusammenhang, der berufliche Erfolg, die eigenen bürgerlichen Überzeugungen und Lebensformen. Wenn man sich jetzt noch einmal Gedanken darüber macht, wie es mit den Konsumentscheidungen, die wir treffen, eigentlich ist: Wie wird ein Auto entwickelt? Welche Medikamente bekommen wir? Wie werden Lebensmittel gesundheitswidrig konstruiert? Wie wird Kleidung als Fast Fashion produziert? Dann könnte man sagen: Das entscheiden wir nicht demokratisch, sondern es unterliegt der Diktatur der Manager und Kapitaleigentümer, die an schnellen Umschlägen ihrer Waren, hohen Gewinnen und Aktienkursen interessiert sind. Das ist eigentlich der springende Punkt, um den es Marx geht. Wo liegen die Entscheidungen in unserer Gesellschaft? Es sind Entscheidungen von sehr wenigen Menschen über unsere Produkte, unsere Infrastrukturen und die Verwendung des gesellschaftlichen Reichtums. Denn natürlich erzeugen Elon Musk oder die Aldi-Eigentümer den Reichtum nicht als Person allein, sondern das sind Tausende und Millionen, die durch ihre tägliche Arbeit diesen Reichtum erzeugen. Doch diese wenigen entscheiden darüber, wo eine Apotheke wegen hoher Mieten schließen muss oder ein Supermarkt hingestellt wird, welche Preise es gibt und welche Produkte angeboten werden. All das sind Entscheidungen, die nach Gewinnmaximierungskriterien für einige wenige getroffen werden. Da reichen Recht und Rechtsprechung im Regelfall gar nicht heran. Marx würde das als eine bestimmte Form von Diktatur mit sehr viel Willkür bezeichnen, weil wir alle nicht an diesem Prozess beteiligt sind. Darum geht es letztlich: Wir alle, die wir davon betroffen sind, sollen auch an diesen Entscheidungen beteiligt sein. Die weitergehende Frage ist dann natürlich, wie wir das genau ermöglichen können.

Auch dazu hat sich das Gericht geäußert. Für undemokratisch hält es das Gericht auch, dass nach seiner Auffassung in der Vorstellung von Marx die Freiheitsrechte des Einzelnen reduziert werden:
“[wenn] die Machtbefugnisse und Staatstätigkeiten zu den von Marx und Engels beschriebenen Aufgaben (u. a. Verstaatlichung der Unternehmen, Erarbeitung eines „gemeinschaftlichen Plans“, staatliche Kreditinstitute) erheblich vermehrt, die demokratischen Freiheitsrechte des Einzelnen demgegenüber wesentlich reduziert [sind].“
Mit anderen Worten findet eine Machtverschiebung statt: weg vom Individuum, hin zu kollektiven Formen der Lenkung des gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftslebens. Meinst du, dass dies bei Marx zwangsläufig zu einer Einschränkung der demokratischen Freiheitsrechte des Einzelnen führt?

Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die freie Entwicklung eines jeden ist die Bedingung für die freie Entwicklung aller.“ Das geht über die kantianisch-liberale Vorstellung von Freiheit hinaus, die besagt: Ich bin frei, solange ich die Freiheit anderer nicht einschränke. Das ist dann die Einfügung ins Gesetz, sodass ich die Freiheit anderer nicht verletze. Natürlich tun wir das aber dauernd. Die Automobilkonzerne bauen Autos mit zu viel PS, die zu laut sind, zu viel Dreck machen und öffentlichen Raum privatisieren. Das wird dann als Freiheit gefeiert. Ich kann keinem Autofahrer sagen: „Hör auf, so schnell zu fahren.“  Oder: „Parke Dein Auto in Deiner Wohnung.“ Dann schränke ich seine Freiheit ein, obwohl er permanent meine Freiheit einschränkt. Insofern ist es sinnvoll, kollektive Entscheidungen zu treffen, die die Freiheit anders regulieren. Man könnte sagen, es ist unverschämt und ein Eingriff in die Freiheit, wenn viele Menschen so viele Autos besitzen und fahren. Christian Lindner würde das allerdings anders sehen als ich. Die Frage ist natürlich: Warum brauchen wir solche Formen der Mobilität? Warum entwickeln wir keine anderen? Warum produzieren wir so schlechte Lebensmittel und keine besseren? Das wird natürlich mit der Freiheit begründet. Grundsätzlich kann ja jeder Konsument selbst entscheiden, was er will. Aber oft kann man eben nicht selbst entscheiden, weil es eine Einkommens- oder Wissensfrage ist oder weil das Angebot in dem Sortiment eines Supermarkts genauso ist. Die Richter müssten sich eigentlich selbst fragen, warum wir ständig Lebensmittelkontrollen durchführen müssen. Warum gibt es ständig Rechtsverstöße der Unternehmen gegen Auflagen? Weil es um die Nutzung unternehmerischer Freiheit zu Lasten der Freiheit anderer geht. Man könnte sagen, das ist etwas, was Marx durch andere Freiheitsvorstellungen verändern will.

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Im September 2025 schrieb Henry Grotkasten hier im Blog über „Maex als Demokrat“: https://michael-hopp-texte.de/der-demokrat-karl-marx/

Meine Überlegung geht dahin, dass Marx bis ins Kapital hinein eine ‚individualistische‘ Vorstellung vom Kommunismus hat. Denn die Produktionsmittel sollen den Einzelnen gehören, was ein wichtiger Gesichtspunkt ist. Marx geht es nicht um Verstaatlichung, sondern um Vergesellschaftung. Vergesellschaftung bedeutet, dass die Individuen Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln haben und somit mitentscheiden und mitverfügen können. Diese Richter scheinen die gesamte historische und philosophische Tradition seit Kant nicht zu kennen, denn das Hauptproblem ist, wie das Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem zueinander reguliert wird. Seit der Aufklärung, insbesondere bei Fichte und Hegel, herrschte die Vorstellung, dass es sich um eine Dialektik handelt und man versucht, die Vernunft objektiv zu machen, sodass das Allgemeine in der Gesellschaft zur Geltung kommen kann. Es geht also immer um das Verhältnis von Einzelwille und Allgemeinwille. Staatliche Planung wurde als ein Versuch betrachtet, dieses Allgemeine so zu ermöglichen, dass die Interessen der Einzelnen berücksichtigt sind. Das heißt, das, was die Funktionsweise des Gesetzes ist, nämlich Allgemeinheit herzustellen, ist Ziel der Planung. Das war in den 60er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland eine durchaus gängige Diskussion. Ich bin kein Fan von staatlicher Planung, aber es gibt durchaus plausible Argumente dafür, dass die Planung an demokratische Institutionen wie das Parlament gebunden ist. Es muss dabei nicht so sein wie im Staatssozialismus, dass es keine wirkliche demokratische Willensbildung mehr gibt. Nach diesen Überlegungen, wie sie Wolfgang Abendroth angestellt hat, kann weiterhin kollektive Willensbildung geben, aber eben über die Parlamente, die Parteien usw. Die Diskussionen über demokratische Planung sind seit dieser Zeit vielfältig und in ganz unterschiedliche Richtung geführt worden. Eigentlich müssten die Richter das begrüßen, denn es hilft der Gesellschaft, sich selbst produktiv weiter zu entwickeln.

Neu ist, dass seit einigen Jahren immer mehr Menschen ein stärkeres Eintreten des Staates für den Demokratie- und Verfassungsschutz fordern – und zwar, wenn es um die AfD geht. So wurde beispielsweise in Hamburg zum Jahresende ein Gesetzesentwurf verabschiedet, der eine Regelüberprüfung beim Verfassungsschutz für Neueinstellungen im öffentlichen Dienst vorsieht. Außerdem müssen sich Bewerber im öffentlichen Dienst schriftlich dazu verpflichten, keiner im Verfassungsschutzbericht erwähnten Gruppe anzugehören. Eine Lüge kann zur sofortigen Kündigung führen. Dies wird vor allem mit dem Kampf gegen die AfD und andere Extremisten sowie dem Schutz der Demokratie begründet. Jetzt sind es nicht nur die klassischen Parteien und Anhänger der bürgerlichen Mitte, die solche Maßnahmen des Demokratieschutzes fordern, sondern auch Linke. Welches Verhältnis sollten Linke heute dazu haben? Und wie kann verhindert werden, dass das Eintreten für Demokratie zum Selbstzweck wird, um die heutige spezifische Form der Demokratie zu erhalten?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Sie ist bestimmt von der juristischen Präzendenzfalllogik des formalen Rechts. Es geht aber um inhaltliche Fragen der Demokratie. Meiner allgemeinen Einschätzung nach sind rechte, antidemokratische Positionen nicht nur bei der AfD zu finden. Das gibt es auch in der CDU und in der FDP, vielleicht in ganz schmalen Ansätzen auch bei der SPD und sogar bei der Linken. In statistischen Befragungen zeigt sich eindeutig, dass je weiter sich eine Person als links definiert, desto demokratischer ist sie. Eine Verteidigung der staatlichen Institutionen von innen durch das Personal ist sicherlich sinnvoll. Das heißt, dass verhindert werden sollte, dass Rechte Polizei, Verfassungsschutz und Justiz unterwandern oder die Parlamente für sich nutzen. Nun ist es kompliziert, weil, wenn jemand in diesen Positionen ist und entsprechend handelt, also institutionell sozialisiert ist, dann ist es natürlich wirkungslos, wenn nur zu Beginn des Einstellungsprozesses auf die Bewerber geschaut wird. Ich finde es sehr kompliziert, denn nach der Logik des Präzedenzfalls und der historischen Erfahrung wissen wir, dass solche Praktiken sehr schnell vor allem gegen die Linke eingesetzt werden. Das macht die Sache nicht gerade einfacher, weil es dann um die Frage der Demokratieprinzipien geht, nach denen gehandelt wird. In meiner Generation haben viele Leute aufgrund des Radikalenerlasses Berufsverbote bekommen. In unserer Gesellschaft wird auch immer wieder die Diskussion um den Verfassungsschutz geführt: Was schützt der Verfassungsschutz im engeren geheimdienstlichen Sinne, aber auch darüber hinaus? Schützt er den Staat oder die Bürgerinnen? Oft gewinnt man den Eindruck, dass es eher um den Schutz des Staates geht. Ich finde es aber nicht abwegig zu denken, dass es darum geht, zu verhindern, dass die staatlichen Institutionen systematisch von Kräften besetzt werden, die letztlich gegen die Demokratie handeln. Aber dass man sich diese Frage überhaupt stellen muss, ist ja schon ein Zeichen für eine große Schwäche. Wieso gibt es überhaupt so viele Leute, die nicht für einen Ausbau und eine Dynamisierung demokratischer Prozesse sind, sondern ihre berufliche Tätigkeit letztlich auch dazu nutzen, Demokratie abzubauen? Und das erleben wir ständig, beispielsweise durch die Parteienvertreter. Wenn man sich anschaut, was die CSU als Repräsentanten der Demokratie alles gemacht hat, dann sind diese damit beschäftigt, demokratische Recht einzuschränken. Wenn man sich vor Augen führt, dass es eine nennenswerte Zahl von AfD-Leuten gibt, die aus dem Naziumfeld kommen, möchte man dann wirklich, dass diese in der Polizei, im Militär oder in der Justiz sind? Das möchte man nicht. Das heißt, der Rechtsweg bzw. der Verbotsweg ist einer der möglichen politischen Wege, dem zu begegnen.

Ich bin davon nicht begeistert, aber es ist eine Möglichkeit. In den 50er Jahren war das durchaus Praxis. Beim Aufbau der Bundeswehr oder der Nachrichtendienste waren Menschen beteiligt, die aus dem Exil kamen. Ihre Haltung war: „Wir wollen dazu beitragen, dass diese gefährlichen staatlichen Institutionen nicht durch Personal mit Nazivergangenheit oder Naziorientierung bestimmt werden, sondern wir wollen die Gewähr, dass diese Leute demokratisch orientiert sind.” Wie man sieht, ist das sehr schwierig, weil es diese rechtsradikalen Netzwerke in diesen Institutionen gibt und sich dort aufgrund innerer Logik auch besser bilden können. Deswegen sind diese Solidaritätserklärungen der Politik mit den Institutionen natürlich immer ein bisschen infam, denn es gehört zu unserer langen Erfahrung mit Polizei und Geheimdiensten, dass sich Menschen mit rechter Orientierung hier finden. Es ist falsche Solidarität. Schaut man sich zum Beispiel die Entwicklung in den USA mit der Einwanderungsbehörde ICE an, ist das sehr interessant. Es gibt hier offensichtlich Nazis? Jonathan Ross, der Mann, der Renée Good erschossen hat, gehört zu den Proud Boys, die systematisch für ICE rekrutiert wurden. So etwas dürfte gar nicht vorkommen. Sie haben keine Schulungen im Waffengebrauch oder Rechtskunde. Sie werden aufgrund von Stellenanzeigen eingestellt und dann sofort auf die Leute losgelassen. Sie dürfen auf diese schießen und sind dabei sogar immun. Das ist doch irre.

Wie würdest du abschließend noch sagen, kann Marx einem heute noch helfen, sich mit der Demokratie auseinanderzusetzen?

Ich meine, Marx hilft dabei ganz konkret, weil er Begriffe entwickelt hat, mit denen wir sagen können, dass es heute noch immer um die radikale Ausdehnung der Demokratie auf alle Lebensbereiche geht. Das bedeutet die Beteiligung aller an gemeinsamen gesellschaftlichen Entscheidungen und somit die Erweiterung von Freiheitsmöglichkeiten statt deren Einschränkung, wie wir sie aktuell erleben. Angesichts der sozial-ökologischen Gefahrenlagen und der Notwendigkeit der Resilienz ist das dringend.

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