Alltag. In der neuen Welt. Nicht mehr Hamburg (oder nicht mehr so viel), die Stadt, die keine Sperrstunde kennt. Karawanserei hat jemand den Friedrichshof genannt. Nur, dass hier niemand (oder niemand mehr, nachdem das Hotel wieder geschlossen hat), zum Übernachten vorbei kommt.
Wir sind hier nicht einfach am Land, sondern in eher schon in einer Einöde -trauriges Wort, sagen wir, menschenleeren Gegend. Steppe, Puszta, Heide. Der nächsten Ortschaften sind Zurndorf (6,5 Kilometer, nordöstlich) und Gols (7,4 Kilometer, südwestlich).
Etwa gleich weit, in zwei Richtungen. Für mich, mit dem Fahrrad, bietet sich das nähere Zurndorf an, der Weg ist auch weniger hügelig. Außerdem, hahahoho, ist es der Geburtsort von Otto Muehl.
Es tut zwar nicht so viel zur Sache, ich möchte es aber doch kurz erzählen. Der Weg nach Zurndorf gliedert sich in vier Etappen. Bis zum „Marterl“, dieses schöne österreichische Wort für Mini-Kapellen am Wegesrand. Bis zur Aussichtsstation, ein Pfahlbau, und oben angelangt, hat man einen 70mm-Monumentalblick auf die Parndorfer Heide. Bis zur Kurve, aber der´s bergab geht. Hollodero (wow!) – hier kann man´s ein wenig „tuschen“ lassen, und die schon müden Waden ausruhen, bevor es – bei Nicht-Rot über die Geleise der Regionalbahn rumpelt, bevor man dann mit viel Schwung den wieder ansteigenden Weg nimmt.

Das waren drei Etappen. Die vierte, wenn wir sie so bezeichnen wollen, liegt etwas versteckt. Rechts von der Straße, schon im Ortsgebiet von Zurndorf, befindet sich ein kleiner, unbemenschter (Videokamera) Hofladen, der Tomaten, Kürbisse und Mini-Melonen (Aus der Gegend? Von einem landwirtschaftllichen Betrieb?) feilbietet. Endstation oder Zwischenstopp der Fahrt: Die TABAK TRAFIK am Ortseingang, der Betrieb von Anita Unger. Der Trafik-Geruch wie früher, den es so in Deutschland nicht gibt. Diese Mischung aus gemütlich, sündig, und, als ich noch klein war, und wegen der neuen „Fix & Foxi“ kam, mit einer Note des Ledergeruchs der Kappe um den Armstumpf des Trafikanten. Der Mitarbeiter von Frau Unger hat beide Arme, die Krieg ist heute etwas weiter weg, hinter Ungarn und Polen.
Hierher habe ich die „Süddeutsche“, die „Wochen taz“ und den „Freitag“ bestellt, deren Überschriften hier oft wie von Outerspace wirken. „Slavoj Žižek über Frankreichs Schülerproteste und die Folgen: Ich hoffe, ich irre mich.“ Wenn ich um 16 Uhr in der Trafik bin, nach der Mittagspause, habe ich bis 18 Uhr Zeit, den Bäcker Nagelreiter zu besuchen, der dann schließt. Aber nie bleibe ich so lang. Ich mag die Kellnerinnen, in ihrer strengen, ernsten Art, auch in ihrer Konsequenz, die deutsche Sprache der ungarischen (slowakischen?) Sprachmelodie anzupassen. Dass hier nur Männer sind, mag ich, und mag ich nicht. Ich merke, die Männer hier haben keinen so großen Wortschatz, und die wenigen Worte sprechen sie viel zu laut aus, am liebsten würde ich das Wort „Brüllen“ nehmen. Sind sie alle schwerhörig? Das ganze Leben mit zu lauten Maschinen gearbeitet?
Die linken Zeitungen, die vor mir am Tisch liegen, was wissen sie vom wirklichen Leben in wirklich „abgehängten“ Regionen? Mit sowas im Kopf fahre ich am letzten Gasthaus Zurndorfs vorbei, das aber jetzt auch „zum Verkauf“ steht, und an einer verlassenen Tankstelle, zum „Spar“, gegenüber von „Billa“.
Die EU-Gelder, die in die Förderregion Burgenland, ganz im Osten Österreichs, geflossen sind, wurden für unendlich viele Kreisverkehre ausgegeben. Wenn man neu hier ist, wird man ganz schwindlig davon und findet gar nichts mehr. Und nicht selten, so auch in Zurndorf, stehen eine „Billa“- und eine „Spar“-Filiale einander links und rechts an den Rändern des Kreisverkehrs kämpferisch gegenüber.
Ich nehme rechts den „Spar“, der eben so ist, wie sein Name schon sagt. Das großartige Gefühl, einzukaufen, und im gleichen Atemzug zu sparen, erfährt seine Vollendung durch die auf Nachfrage bei der Kassiererin zu bekommenden „Spar-Markerln“.
Henni hatte mich daran erinnert, bevor sie in Urlaub gefahren ist und mich alleine am Friedrichshof gelassen hat (siehe „Brief“ Nr. 11 von letzter Woche).
Es ist so weit. 19 Euro 60, mit Karte, bitte. Weil ich mich schäme, rede ich mich aus. „Kann ich bitte auch die Markerl haben“, höre ich mich sagen, „ meine Freundin schimpft sonst.“ „Nur über 20 Euro“, sagt die Kassiererin streng, „hat ihnen das ihre Freundin nicht gesagt“. Kein Markerl. Als Henni wieder da ist, und ich meine magere Markerl-Ausbeute rechtfertige, sagt sie: „Warum hast du nicht einfach einen Kaugummi dazu genommen?“ Hätte ich draufkommen können, stimmt.
