Wovon hängt es ab, ob ein ROTER SALON gelingt? Vom Thema des Buches, das vorgestellt wird? Vom Charisma der Autorin, des Autoren? Von der Qualität der Vorbereitung? Von der Zusammensetzung des Publikums? Vom Raum? Vom Wetter?
Was immer es ist, wir wissen es nicht genau, am vergangenen Montag schienen jedenfalls viele dieser Kriterien positiv erfüllt, mit Ausnahme der Vielfalt des Publikums, denn der Anteil an Frauen war wieder abgesunken.
Erfreulich war auch die Teilnahme langjähriger MASCH-Mitglieder. Ihre Beiträge werteten die Publikumsrunde auf und weiteten den historischen Horizont. Anfangs hatte es in der „Marxistischen Abendschule“, Partner des ROTEN SALON seit Anbeginn, Vorbehalte gegen das Thema „Marx & Engels und der Rassismus ihrer Zeit“ gegeben. Von einzelnen Mitgliedern wurde ein einseitiges „Marxismus-Bashing“ befürchtet.
Es waren Vorbehalte, die sich bei näherer Beschäftigung mit dem Buch aufzulösen begannen und sich vor allem in der Veranstaltung selbst als grundlos erwiesen. Der informierte, gelassene, offene, differenzierte Vortrag von Felix Lösing, nahm jeder Attacke den Wind aus den Segeln und verführte die MASCH-Leute unter den Gästen zu freundlich ergänzenden Beiträgen ohne erhobenen Zeigefinger.

Der Marxismus kann nur gewinnen, wenn er mit den eigenen Widersprüchen offen umgeht
Finn Schreiber, Mitarbeiter des ROTEN SALON wie Mitglied der MASCH, führte das Gespräch mit Felix Lösing in einer diskursiven Art, die den Geist des Buches aufnahm, ohne selbst unkritisch zu sein. Auf die Frage nach der politischen Wirkung des Buches, die die in der MASCH geäußerten Ängste aufnahm, antwortete Lösing, was denn die Alternative zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen sei – sie zu verschweigen?
Nein, der Marxismus kann nur gewinnen, wenn er mit eigenen Widersprüchen oder Leerstellen offen umgeht – wenn er dagegen auf den Vorwurf, das Werke enthalte rassistische und antisemitische Töne nur abwehrend reagiert, verliert er Glaubwürdigkeit und schwächt seine eigenen Instrumente zur Rassismusanalyse, ja verunmöglicht sie, weil schon die kritische Auseinandersetzung damit diskreditiert wird.
Diese „Botschaft“ der Veranstaltung, die ich schon in der Einführung zu formulieren versuchte, der schwer zu beschreibende „Mehrwert“ dessen, was die Besucher mitnehmen (auch wenn sie das Buch vielleicht nie lesen), fand ganz am Ende noch unerwarteten Ausdruck.
Ein älterer Besucher, war etwas zu spät gekommen, auf auffällige Art, denn er wurde wegen körperlicher Behinderungen von einem Helfer mit dem Rollstuhl gebracht. Jetzt, als letzte Wortmeldung, äußerte er mit gebrochener, schwer verständlicher Stimme, er habe in der Kombination der Begriffe „Marxismus“ und „Rassismus“ eher die Lösung gesehen, als das Problem, sei verwundert, das alles so kompliziert sei und spielt damit auf den Universalismus, eine der Grundlagen des Marxismus an. „Marxismus bedeutet doch“, sagte er, „dass alle, die unterdrückt und ausgebeutet sind, zusammenhalten, Solidarität üben – und das weltweit. Und da sind doch alle Rassen dabei! Oder habe ich da was übersehen?“
Ich weiß nicht, ob in diesem Moment jemand im Raum ähnlich empfand. Mich berührte es, auf diese Weise auf den grundlegenden Inhalt des Universalismus hingewiesen zu werden. Es ist wie in diesem Brecht-Zitat: Der Kommunismus ist das einfache, das so schwer zu machen ist.

MASCH: „Das Urteil, ein Pyrrhus-Sieg?“
Ein Passus im Entscheid für die Marxistische Abendschule Hamburg könnte Linken künftig Probleme bereiten, sagt Wolfgang Kunkel, Vorsitzender der MASCH (Marxistische Abendschule Hamburg), im Interview mit „Junge Welt“, am 1. Juli 2026
JW: Ihre Hochschulgruppe hat bei einer Veranstaltung an der Hamburger Universität die Klage der MASCH gegen den Landesverfassungsschutz
thematisiert. Worum ging es in dem Verfahren?
Kunkel: Die Marxistische Abendschule Hamburg wurde über Jahrzehnte vom Verfassungsschutz beobachtet und im jeweiligen
Jahresbericht erwähnt – ohne weitere Konsequenzen. Dann wurde uns 2020 wegen der Erwähnung die Gemeinnützigkeit entzogen. Dagegen haben wir vor dem Verwaltungsgericht Hamburg mit Erfolg geklagt.
Bei der Veranstaltung der MASCH ging es um das Thema „Ist Marx-Lektüre verfassungsfeindlich?“ Worauf bezieht sich der Titel?
Die Referenten waren Rechtsanwalt Ridvan Ciftci, der die MASCH im Verfahren vertreten hat, und Professor Andreas Fisahn, der sich unter anderem mit dem Verhältnis von sozialer Emanzipation und liberaler Demokratie befasst. Der Titel bezieht sich auf einen speziellen Teil der Urteilsbegründung. Der ist insofern speziell, weil er keinen direkten Zusammenhang mit allen anderen Elementen der Urteilsbegründung hat, aber eine generelle Thematik betrifft und deshalb in der demokratischen Gesellschaft und insbesondere in der linken Szene zu diskutieren wäre. Das Gericht argumentierte, die Marxsche Gesellschaftstheorie sei mit der .freiheitlich-demokratischen Grundordnung. nicht vereinbar, weil Marx die proletarische Revolution und die .Diktatur des Proletariats als Voraussetzungen dafür sah, eine .klassenlose Gesellschaft. zu erreichen. Solche pauschalen Aussagen werden weder Marx noch unserer Vorstellung von Marxismus gerecht. Marx und auch Engels haben sowohl die Errungenschaften der damaligen Entwicklung von Demokratie gewürdigt als auch Möglichkeiten relativ friedlicher Übergänge in eine postkapitalistische Gesellschaft erwogen. Wir lesen Marx und Engels auch historisch: Sie haben unter spezifischen historischen Bedingungen geschrieben und ihre Positionen im Laufe des Lebens verändert. Damalige politische Einschätzungen sind nicht ohne Weiteres auf die heutige Zeit zu übertragen. Ausserdem findet sich im Grundgesetz kein unmittelbarer Zusammenhang zur bestehenden kapitalistischen Eigentumsform. Insofern sind die Unterstellungen des Gerichts nicht zutreffend. Das besagen auch andere Urteile, die eine marxistische Kritik an der bestehenden Gesellschafts- und Eigentumsform als zulässig erachten.
Ist das Urteil ein Erfolg für die Linke oder eher eine Art Pyrrhussieg?
Selbstverständlich ist es ein Erfolg, die Gemeinnützigkeit wiedererlangt zu haben. Wir haben gezeigt, dass Marxisten die Öffentlichkeit nicht scheuen und unabhängige Instanzen durchaus überzeugen können. Andererseits ist die Behauptung, die marxsche Gesellschaftstheorie sei mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbaren, nicht akzeptabel.
Wie wirkt sich das Urteil für die MASCH aus?
Generell positiv: Referenten befürchten nun weniger Probleme, wenn ihre Namen in unseren Veröffentlichungen genannt werden. Spenden – die nach wie vor minimal sind – können jetzt steuerlich abgesetzt werden. Und wir müssen keine finanziellen Probleme mehr befürchten, die eingetreten wären, wenn wir verloren hätten.
Der Verfassungsschutz bekommt unter Innenminister Alexander Dobrindt immer mehr Befugnisse, soll zu einem .echten Geheimdienst. ausgebaut werden. Wie bewerten Sie das?
Es gab mal eine Regierung, die eine andere Einschätzung zur Rolle des Verfassungsschutzes hatte: die Ampelkoalition. In der Regierungsvereinbarung war formuliert, dass der Verfassungsschutz zukünftig einer parlamentarischen Kontrolle unterliegen sollte und dass transparente Kriterien für eine Erwähnung im VS-Bericht festgelegt werden sollten. Das alles ist nicht realisiert worden, aber die Differenz zur aktuellen Auffassung des CSU-verantworteten Innenministeriums ist gross. Das Ministerium ist eine der Speerspitzen des rechtsgerichteten Umbaus der Innen- und Aussenpolitik der BRD. Dazu gehört, die Verschärfung des Vorgehens gegen linke Auffassungen und Organisationen. Der von uns problematisierte Passus des Gerichtsentscheids könnte in diesem Zusammenhang für uns alle eine negative Rolle spielen.
Interview: Kristian Stemmler
