Marx und Engels unter Einfluß

Es gibt viele Wege, sich mit dem Marxismus zu beschäftigen. Manchmal bedaure ich, aber vielleicht nur in diesem Punkt, nicht in der DDR gelebt zu haben – ein wieviel besserer Marxist wäre ich dann heute! Da gab es ein 6-8 semestriges marxistisch-leninistisches Grundlagenstudium sozusagen für jeden,  man konnnte aber auch Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus oder Diplomwissenschafter an der Parteihochschule Karl Marx werden …

Nunja, ich behelfe mir mit der MASCH, aus der heraus ja auch der ROTE SALON HAMBURG entstanden ist – vielen Dank für die Kooperation, gerade bei der „Marx und Engels und der Rassismus ihrer Zeit“-Veranstaltung am kommenden Montag (6.7.) Davon vielleicht am Montag abend in der Stabi  noch mehr.

Die Marx-(und nicht nur Marx-)Lesekreise, die von der MASCH anggeboten werden, kann man mit keinem „Diplomwissenschafter“ abschliessen, dafür sind sie im besten Sinne des Wortes undogmatisch und offen für Fragen aller Art. Die MASCH-Kurse arbeiten – philologisch – nahe am Originaltext, wir bemühen uns aber, zusammen mit den Moderatoren, sie historisch in den Zusammenhang zu stellen und ev. mit zeitgenössischen Gegenstimmen zu konfrontieren.

Das ist das Gegenteil einer kanonischen Marx-Engels Exegese, die Widersprüche glättet, und Marx und Engels gegen jede Kritik verteidigt. In diesem Sinne wird jeder Versuch, sich kritisch mit der Haltung von Marx und Engels zum Rassismus zu beschäftigen, als Angriff auf den Marxismus verstanden – ohne aber verhindern zu können, dass aus der Hervorhebung einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Zitate,  der marxistschen Lehre echter Schaden entstehen könnte in einer Zeit, die gegen Rassismus und Diskriminierung zurecht sensibel ist.

rs kachel lösing

Marxismus als Forschungsreise

Die Autoren von „Marx und Engels nun der Rassismus ihrer Zeit“, dem Buch, das einer der drei Autoren, Felix Loesing, im ROTEN SALON vorstellt, sind aus dieser Situation heraus einen spannenden, sehr aufwendigen Weg gegangen, der reiche Früchte trägt und vielleicht geeignet ist, den seit Jahren in der Linken schwelenden Streit um den „Rassismus“ und den „Eurozentrismus“ der beiden „alten Männer wenn schon nicht beizulegen, dann doch auf ein anderes Niveau zu heben. 

Sie unternehmen eine Art Zeitreise, eine Forschungsreise  in das  zeitgenösssische wissenschaftliche Umfeld von Marx und Engels. Sie rekonstruieren, welche Theorien, Reiseberichte und frühe Studien damals verfügbar waren – von François Berniers Indienberichten und Lewis H. Morgans Anthropologie über Arthur de Gobineaus Rassenlehre bis zu Frederick Douglass’ Analyse der color line. So wird sichtbar, wo Marx und Engels zeitgenössisches Wissen aufgriffen, rassistische Denkfiguren übernahmen oder vorhandene Alternativen übersahen – und so entsteht ein Bild, das den Marxismus nicht verwirft, sondern ihn sozusagen „nacharbeitet“ – zu Ansätzen einer „materialistisch-historischen“ Rassismustheorie, in Distanz zum Postkolonialismus, aber eben auch in Distanz zu einer dogmatischen Verteidigungshaltung, die Defizite in Marx-Engels-Werk nicht erkennen will.

Im heutigen Blog, kommt nicht Felix Lösing zu Wort, der das Buch am Montag live im ROTEN SALON darstellt, sondern die anderen beiden Autoren, Wulf D. Hund, ein bekannter Hamburger Intellektueller und Hochschullehrer, und der Österreicher Lukas Egger, Politikwissenschafter in Wien und Mitglied der KPÖ, von der in diesem Blog zuletzt viel zu lesen war.

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Den Bürgerkrieg in den USA beobachteten Marx und Engels parteiisch für die siegreichen Nordstaaten und die Abschaffung der Sklaverei. Ihr Verständnis von Rassismus erschöpfte sich darin jedoch nicht.

»Rassismus ist negative Vergesellschaftung«

Wulf D. Hund spricht über Marx, den Rassismus seiner Zeit und die Fallstricke wie Potenziale einer materialistischen Rassismusanalyse. Der Beitrag erschien zuerst in „nd aktuell“ am 25.01.2026. Interview: Sebastian Klauke. https://www.nd-aktuell.de/

Die Studie »Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit«, die Sie mit Lukas Egger und Felix Lösing verfasst haben, weist die oft eindimensionalen Auseinandersetzungen mit Marx und Rassismus zurück. Was kritisieren Sie an den Debatten und was machen Sie anders?

Wulf D. Hund: Hätte man sich der Thematik im englischen Sprachraum angenommen, wäre wohl ein Buch über »Marx, Engels and Race« zu erwarten gewesen. Die Thematik, um die es aber geht, wird dadurch extrem verengt: Rassismus wird ausschließlich als Ausdruck von Weißsein beziehungsweise als kolonial geprägter Gegensatz angeblicher Rassen betrachtet. Das ist auch in der deutschen Diskussion der Fall. Dagegen beziehen wir uns auf Kolonialrassismus, Antisemitismus, Orientalismus, Antislawismus, antiirischen Rassismus und Antiziganismus, deren komplexes Verhältnis für Marx und Engels eine Rolle spielte.

Was konnten Marx und Engels über diese Rassismen überhaupt wissen?

Sie kannten sie nicht nur, sondern wussten auch über ihre Hintergründe Bescheid. Im Fall der Rassentheorie betraf das die Phänomene Sklaverei und Plantagenwirtschaft, im Hinblick auf den Antisemitismus die Ghettoisierung und Geldwirtschaft. Dabei war ihnen selbstverständlich klar, dass die sozialökonomischen Verhältnisse und die rassistischen Diskriminierungen einen ideologischen Nexus hatten. Mit den Auswirkungen des Imperialismus auf das Bewusstsein der britischen Arbeiterklasse oder denen des politischen Antisemitismus in der deutschen Arbeiterbewegung waren sie direkt konfrontiert.

Trotzdem haben sich Marx und Engels nicht tiefergehend mit Rassismus befasst. Lag das daran, dass sie rassistische Vorurteile hatten?

Eine Kritik ihrer theoretischen Abstinenz in dieser Frage stößt nicht nur auf Vorurteile, sondern auch auf empirische wie systematische Grundlagen ihres Denkens. Diese haben den Zugang zur Thematik Rassismus erschwert. Dazu gehörten die falschen Vorstellungen der Existenz von Menschenrassen sowie von einem spezifischen Konzept gesellschaftlichen Fortschritts. Aber die erste Fehlannahme spielte keine entscheidende Rolle bei ihrer Kapitalismuskritik und im Hinblick auf die zweite gab es Lernprozesse. Diese führten Marx und Engels zu der Einsicht, dass es keinen »Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie« gibt, »deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein«, wie Marx schreibt. Im Übrigen haben Marx und Engels Emanzipation und Freiheitskämpfe grundsätzlich unterstützt. Ihre politische Agenda war antirassistisch. Dabei kamen sie der Problematik des Rassismus immer dann nahe, wenn sie sich mit Klassenkämpfen befassten – ganz besonders im Verlauf des amerikanischen Bürgerkriegs und im Hinblick auf die Konflikte zwischen englischen und irischen Arbeitern.

Was unterscheidet Ihr Vorgehen von anderen marxistischen Versuchen, das Verhältnis von Kapitalismus und Rassismus zu bestimmen?

Wir betrachten in unserer Studie Rassismus als ein mit unterschiedlichen Klassengesellschaften verbundenes soziales Verhältnis. Er ist nicht erst unter kapitalistischen Bedingungen entstanden und hat sich historisch nicht nur als Rassendiskriminierung geäußert. Außerdem sind alte Formen der Diskriminierung nicht einfach verschwunden, sondern in die neuen Verhältnisse integriert worden. Das zeigt sich zum Beispiel an dem auch von Marx und Engels benutzten Stereotyp des »Barbaren«. Dessen Karriere beginnt in der Antike. Marx kannte dessen Funktion zur Legitimierung der Sklaverei durch Aristoteles ganz genau, er hat sie in seiner Studienzeit gleich zweimal exzerpiert …

Ist denn der Rückgriff bis in die Antike für die Analyse des modernen Rassismus von Bedeutung?

Allerdings. Das zeigt schon die Eingangssequenz des »Kommunistischen Manifests«. Dort wird nicht nur auf die »mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen« in früheren Klassengesellschaften verwiesen. Es wird auch deren für unsere Fragestellung zentrale Verdopplung betont: als »Unterdrücker und Unterdrückte« stehen sich »Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer« gegenüber. Hätte Marx seine Lektüre von Aristoteles mit dieser Verdopplung von Klassenbeziehungen zusammengebracht, wären er und Engels sofort auf die Bedeutung des Rassismus gestoßen. Denn Patrizier und Plebejer gehörten gemeinsam zur Gruppe der Freien, denen die Sklavinnen und Sklaven unfrei gegenüberstanden. Damals legitimierte das Barbarenstereotyp diese Differenz und behauptete, Unfreiheit ginge aus natürlicher Unvollkommenheit, nämlich einem Mangel an Vernunft hervor.

Sind wir damit bei den Grundlagen einer historisch-materialistischen Rassismusanalyse?

Wir sind zumindest bei ihrem Kern. Rassismus ist negative Vergesellschaftung, ein soziales Verhältnis, das klassenübergreifende Vorstellungen von Zusammengehörigkeit durch die Herabminderung anderer ermöglicht. Das kann mit materiellen Vorteilen einhergehen, muss es aber nicht. Engels erklärte dazu: »Die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands.« Und Marx meinte: »Man darf niemals vergessen, dass, so elend auch das Los der großen Masse der englischen Arbeiterklasse sein mag, sie dennoch in gewissem Maße an der Herrschaft Englands über den Weltmarkt teilhat – oder, was noch schlimmer ist, sich einbildet, daran teilzuhaben.« Das ist zumindest perspektivisch, was W.E.B. Du Bois später psychologischen und realen »Lohn des Weißseins« genannt hat.

Sie wollten ja aber Rassismus nicht nur als Ausdruck von Weißsein betrachten.

Stimmt, auch die weiteren Dimensionen von Rassismus lassen sich am Beispiel von Du Bois zeigen. Er hat lange gebraucht, um den Antisemitismus in seine Überlegungen mit einzubeziehen, und selbst dann sein ausschließlich auf dem Rassenbegriff beruhendes Konzept von Rassismus nicht geändert. Widmet man sich dem Thema mit der an Marx orientierten Vorstellung von klassenbezogener und rassistischer Diskriminierung, dann zeigt sich, dass Rassismus schon innerhalb ein und derselben Gesellschaftsformation spezifiziert werden muss. Denn der Antisemitismus bediente sich anderer Diskriminierungsformen als der Kolonialrassismus, auch wenn er derselben Logik folgte.

Können Sie das näher erläutern?

Am besten zeigt dies ein Beispiel, zu dem sich Marx und Engels ausführlich geäußert haben: der Antisemitismus von Eugen Dühring. Dessen Kritik hat Engels wegen seiner eigenen völligen Fehleinschätzung des Antisemitismus als »Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur« und bestenfalls »Abart des feudalen Sozialismus« vollständig versemmelt und Marx hat ihn nicht daran gehindert. Dabei machte Dühring kein Geheimnis um die ideologische Zielsetzung seiner antisemitischen Tiraden. Wie andere politische Antisemiten auch, beschwor er »Rassenzugehörigkeit« und »Rassenbewusstsein« als Grundlage einer klassenübergreifenden »Volksgemeinschaft«, die vom »fremdrassigen« Judentum gefährdet würde. Das setzte er in direkten Zusammenhang mit der Klassenfrage. Die Juden hätten »das Classenbewußtsein solange wachgerufen«, bis das »Racenbewußtsein« dagegen aufstand und zeigte, »dass es noch einen andern grössern Gegensatz gebe, als den von Arbeiter und Bourgeois«. Es »überbrück(e) alle Unterschiede … zwischen den streitenden Ständen und Classen«.

Aber die Juden befanden sich doch in einer anderen sozialen Lage als die Schwarzen in den Vereinigten Staaten und wurden auch mit anderen Argumenten diskriminiert.

Das ist völlig richtig, macht deswegen aber unsere Perspektive nur um so klarer. Eine materialistische Rassismusanalyse muss sich auf unterschiedliche Konstellationen rassistischer Diskriminierung beziehen: in der Longue durée in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen und Klassengesellschaften – und in diesen selbst im Hinblick auf zeitgleiche, aber unterschiedliche Formen rassistischer Ausgrenzung. Beim politischen Antisemitismus wie der Frage der Sklavenarbeit in den USA oder dem Verhältnis von englischen zu irischen Arbeitern stießen Marx und Engels immer wieder auf dieselbe Grundkonstellation, die sie schon für die Antike angesprochen haben, ohne daraus theoretische Konsequenzen zu ziehen. Eine materialistische Rassismusanalyse muss deswegen durch die Kritik ihrer Vernachlässigung bei Marx und Engels hindurch. Das führt zu der Einsicht, dass ihr nicht mit Ableitungen wie »Überausbeutung« oder »fetischistisches Bewußtsein« geholfen ist. Sie muss sich mit der Geschichte der Klassenkämpfe und damit verbundener Prozesse rassistischer Vergesellschaftung befassen.

 

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Lukas Egger ist Politikwissenschafter in Wien und Mitglied der KPÖ. Am 16. September stellt er das Buch im ROTEN SALON WIEN vor

„Wir verstehen Rassismus als soziales Verhältnis, das Klassengesellschaften entspringt!“

Lukas Egger war es wichtig, in dem Werk zu zeigen, wie man sich aus einer an Marx orientieren Perspektive und ohne ideologische Verzerrungen jenseits orhodox-marxistischer Apologetik und unreflektierter Dikussion mit dem heiß umstrittenen Thema Marx und Rassimus (sowie Eurozentrismus, Sklaverei und Kolonialismus) auseinandersetzen kann

„Marx und Engels intim“ – unter diesem Titel wurden vor einigen Jahren von Harry Rowohlt und Gregor Gysi vorgelesene „unzensierte“ Briefe von Marx und Engels veröffentlicht, was damals dem deutlich hörbar werdenden Rassismus der beiden eine breitere Aufmerksamkeit verschaffte. Dass die Diskussion ihres Verhältnisses zum Rassismus zu mehr taugt als einem Kalauer, zeigen Wulf D. Hund, Lukas Egger und Felix Lösing in ihrem Buch „Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit“ – heißt es im Vorspann des Blogs „communaut“, in dem dieses Interview zuerst erschienen ist. https://communaut.org/de/start

Wie kam es, dass ihr gerade jetzt dieses Buch geschrieben habt?

Lukas Egger: Der Entstehungskontext des Buches war eine Anfrage des Dietz-Verlags an Wulf D. Hund, eine Sammlung von Marx’ Texten zum Thema Rassismus zu erstellen, als Teil der Reihe „Marx als…“. Der erste Band („Marx als Demokrat“, eingeleitet von Alex Demirović) ist bereits erschienen. Wulf holte mich und Felix Lösing dazu, da wir schon länger gemeinsam einen Online-Diskussionszirkel zu marxistischer Rassismusanalyse hatten.Fragwürdig war für uns aber schon der Titel: „Marx als Antirassist“ erschien uns zu schönfärberisch. Deshalb wollten wir eine ausführliche, kritische Einleitung schreiben, die die komplexen und teils problematischen Positionen von Marx und Engels sichtbar macht. Bald wurde jedoch klar, dass dies den Rahmen sprengen würde, weshalb ein eigenes Buch entstand: „Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit“. Erst nachdem wir dort die Blindstellen und Fehleinschätzungen aufgearbeitet hatten, wurde der Weg für das ursprüngliche Projekt frei. Der entsprechende Band soll noch dieses Jahr unter dem Titel „Marx als Antirassist“ erscheinen – ohne das kritische Buch im Vorhinein war so ein Titel für uns nicht machbar.

Könntest du die Kernaussagen eures Buchs kurz zusammenfassen?

Kurz wird schwierig. Das liegt schon daran, dass wir versucht haben, das Thema sehr umfassend anzugehen. Im Gegensatz zu vergleichbaren Studien haben wir uns nicht auf Eurozentrismus, Orientalismus, Kolonialismus oder Antisemitismus beschränkt, sondern sämtliche Formen von Rassismus berücksichtigt, die im Werk von Marx und Engels in der ein oder anderen Form Spuren hinterlassen haben. Dazu haben wir sowohl veröffentlichte wissenschaftliche, politische und journalistische Texte als auch Briefe, Exzerpthefte und Manuskripte herangezogen und gleichzeitig versucht, diese in ihren historischen Kontext einzubetten.

Unsere Ergebnisse tragen wir in sechs Kapiteln vor. Wir gehen von der Anthropologie und Geschichtsphilosophie der Aufklärung aus und diskutieren die Frage, ob und wie sich deren rassistisch durchdrungene Fortschrittskonzeption bei Marx und Engels niedergeschlagen hat. Danach zeigen wir am Beispiel ihrer Schriften zu Indien, China und Russland, wie orientalistische Vorstellungen und Vorurteile ihre Sicht auf diese Regionen prägten und wie das mit dem Stufenmodell von Produktionsweisen zusammenhängt. Anschließend diskutieren wir ihr Verhältnis zur Rassentheorie, ihre Versäumnisse in Hinsicht auf den Antisemitismus sowie ihren ambivalenten Umgang mit der Problematik der Sklaverei. Im Schlusskapitel gehen wir auf die Rolle von Rassismus in Klassenkämpfen ein, die Marx und Engels selbst untersucht und kommentiert haben: die in den USA, die in Frankreich und die in Großbritannien und Irland. Dabei zeigen wir, dass sich dort am deutlichsten Ansatzpunkte für eine materialistische Rassismuskritik finden lassen, aber auch, dass diese Ansätze von den beiden selbst nicht theoretisch entwickelt wurden.

Alles in allem kommen wir zu dem ambivalenten Ergebnis, dass Marx und Engels zwar unzweifelhafte Feinde des Kolonialismus, des politischen Antisemitismus und der Sklaverei waren und die diesen Verhältnissen zugrundeliegenden Rassismen in ihrer integrativen Wirkung auf die Arbeiterklassen in Europa durchaus zur Kenntnis genommen und gelegentlich sogar einer Kritik unterzogen haben. Theoretische Anstrengungen haben sie dem allerdings nie gewidmet. Gleichzeitig artikulierten beide immer wieder diverse rassistische Vorurteile. Das waren nicht einfach unbedeutende Ausrutscher, sondern hatte einen theoretischen Effekt, indem diese Vorurteile als Erkenntnishindernisse gewirkt und ihnen immer wieder den Blick verstellt haben.

Gebt ihr als Marxisten mit euren Thesen nicht vielleicht dem politischen Gegner neue Argumente in die Hand? Was ist die politische Motivation hinter dem Buch?

Ja, das ist kaum zu verhindern. In Wien gab es vor nicht allzu langer Zeit eine rechte Petition, die sich Black Lives Matter zum Anlass genommen hat, um eine Umbenennung des Karl Marx Hofs, des größten kommunalen Wohnbaus der Stadt, zu fordern. Als Argument dabei diente, dass Marx ein übler Rassist gewesen sei. Zur Begründung haben die Autor:innen der Petition sogar auf einen früheren Artikel von Wulf D. Hund Bezug genommen. Solchen Unternehmungen gibt man mit Publikationen wie der unseren natürlich Munition an die Hand. Daran zeigt sich aber zugleich, dass das Verhältnis von Marx und Rassismus tatsächlich ein Thema ist, an dem der Marxismus von seinen konservativen (als auch von manchen seiner antirassistischen und postmodernen) Gegner:innen durchaus wirksam angegriffen werden kann. Das funktioniert deshalb, weil tatsächlich ein Problem vorliegt. Marxist:innen reagieren darauf allerdings gerne mit einer selbstsicheren Fundamentalverteidigung von Marx. So eine Herangehensweise ist aber nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, sondern auch politisch fatal, weil gravierende Versäumnisse der eigenen Tradition unter den Tisch gekehrt werden. Trotzki hat das einmal so ausgedruckt, dass „Sympathien, die sich auf Legenden und Fiktionen gründen, […] schwankend“ sind. „Wer für seine Sympathien Illusionen braucht, ist unzuverlässig.“ Daran anschließend sollte man auch in Hinblick auf Marx und Engels und den Rassismus keine Märchen erzählen, nur weil man denkt, damit antirassistische Sympathiepunkte für das eigene politische Projekt sammeln zu können.

Was sind das für Probleme, die bei Marx und Engels vorliegen? Und welche Auswirkungen hatten sie?

Marx und Engels verwiesen an den wenigen Stellen, an denen sie sich (freilich ohne den Begriff zu verwenden) mit Rassismus beschäftigten, diesen gerne auf eine zurückliegende gesellschaftliche Entwicklungsstufe, die mit der Durchsetzung des Kapitalismus verschwinden würde. Beim späten Engels firmiert der Antisemitismus als „Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur“, der nur dort aufzufinden sei, wo „noch nicht genug Kapital“ existiere (MEW 22: 49). Marx äußerte sich auf ähnliche Weise in einem Brief zu den Rassetheorien von Joseph Arthur de Gobineau. Dessen Hass „gegen die ‚race noire‘“ sei Ausdruck der Genugtuung, die der absteigende Adel empfinde, wenn er andere Menschengruppen verachten kann (MEW 32: 655f.). Damit hat Marx zwar einen zentralen Mechanismus des Rassismus benannt, diesen aber zugleich auf eine untergehende Klasse ausgelagert. Auch die vom Hass auf Schwarze beseelten „mean whites“ in den amerikanischen Südstaaten werden von Engels als „aussterben[de] … Race“ bezeichnet (MEW 31: 128). Gerade zu dem Zeitpunkt, als Kolonialrassismus und Antisemitismus immer stärkeren Einfluss auf die Arbeiterklassen im Westen ausübten, erklärten Marx und Engels sie zum Ausdruck untergehender Verhältnisse. Die Attraktivität des Rassismus für das Proletariat wurde auf diesem Weg heruntergespielt, er wurde weder politisch noch theoretisch ernst genug genommen. Dasselbe lässt sich über den späteren orthodoxen Marxismus sagen. Kautsky beispielsweise hat den Antisemitismus als „Produkt des Verzweiflungskampfes niedergehender Volksschichten“ beschrieben. Diese falschen Auffassungen sind der Arbeiter:innenbewegung in politischen Auseinandersetzungen regelmäßig um die Ohren geflogen.

Aber gibt es nicht zugleich bei Marx viele wichtige Ansatzpunkte für eine Rassismuskritik? Schließlich hat er das Verhältnis von englischen und irischen Arbeitern mit dem Rassismus in den USA verglichen und hat geschrieben, dass sich die Arbeiterklasse nirgendwo emanzipieren kann, wo die „Arbeit in schwarzer Haut gebrandmarkt“ wird.

Ja, diese Zitate sind tatsächlich Ansatzpunkte. Allerdings auch nicht viel mehr, da sie mit rassistischen Vorurteilen durchzogen sind, isoliert blieben und nie zu einer ernsthaften theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema führten. Die Ausführungen zum englischen Arbeiter, der den irischen Proletarier als Konkurrenten hasse und sich damit zum „Werkzeug seiner Aristokraten und Kapitalisten gegen Irland“ mache (MEW 32: 668), sind da ein gutes Beispiel.

In der offiziellen Formulierung dieses Arguments in Marx‘ „Konfidentieller Mitteilung“ an die deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei vom März 1870 steht zu Beginn, dass „[d]as revolutionäre Feuer des keltischen Arbeiters … sich nicht mit der soliden, aber langsamen Natur des angelsächsischen Arbeiters“ vereinige (MEW 16: 388). In der Lage der arbeitenden Klasse hat Engels noch mit Wohlwollen auf „die Mischung des leichteren, erregbaren, heißen irischen Temperaments mit dem ruhigen, ausdauernden, verständigen englischen“ geblickt (MEW 2: 351). Marx war Jahrzehnte später, angesichts seiner Erfahrungen mit der britischen Arbeiterbewegung, weniger optimistisch. Beide Aussagen zeigen aber, dass Marx und Engels „Rassenunterschiede“ für einen realen und sozial wirkmächtigen Teil der „ursprüngliche[n], naturwüchsige[n] Organisation der Menschen“ (MEW 3: 21) hielten.

Außerdem zeigen sich dabei die negativen Konsequenzen ihres Fortschrittsmodells. Die „poor whites“ und die „schwarzen Sklaven“ (MEW 16: 388) wurden von Marx und Engels mehrfach mit Plebejer:innen und Sklav:innen im alten Rom verglichen. Dabei firmierten die Plebejer:innen bei Engels als „Lumpenproletarier“ und „Parasiten“ (MEW 21: 497) sowie zusammen mit den Sklav:innen als „zur Selbstbefreiung […] untüchtige Klassen“ (ebd.: 339). Diese Sichtweise übertrugen er und Marx, der von „weißen Plebejern“ sprach (MEW 15: 311), auf die Klassen im US-Süden. Marx erklärte die dortigen schwarzen Sklav:innen nur deshalb für „emanzipationsfähig“, weil sie im Gegensatz zu den „frisch importierten barbarians“ in Jamaika „mehr oder minder yankisiert, Englisch sprechend etc.“ seien (MEW 28: 266).

Im Adjektiv ‚emanzipationsfähig‘ steckt zudem drin, dass Marx – trotz seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Bürgerkrieg und seiner unzweifelhaften Parteinahme für den Abolitionismus – die Sklav:innen selbst kaum als aktive Subjekte ihrer Befreiung gesehen hat. Das zeigt sich gerade an einer Lieblingsstelle marxistischer Antirassist:innen: Und zwar wenn Marx kurz vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs davon spricht, dass „das Größte, was jetzt in der Welt vorgeht“, unter anderem die durch John Browns Angriff auf Harpers Ferry „eröffnet[e]“ Sklavenbewegung sei (MEW 30: 6). Die vielen von Schwarzen angeführten Aufstände in den Sklavenstaaten des US-Südens wie auch die große haitianische Revolution spielen bei Marx keine Rolle. Gleichzeitig wird der weiße Abolitionist Brown zum Initiator der amerikanischen Sklavenbewegung erklärt, während seine schwarzen Mitstreiter:innen genauso wenig Erwähnung finden wie die Tatsache, dass Frederick Douglass versuchte ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Dazu passend ist es im Kapital „die Arbeit in weißer Haut“, die sich nicht „emanzipieren“ kann, „wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt“ wird (MEW 23: 318; Herv. L. E.).

Marx und Engels waren keine Rassisten, aber sie hatten Elemente aus den Arsenalen des Rassedenkens und des kulturalistischen Rassismus verinnerlicht, was sie immer wieder davon abhielt, die Ansätze, die sie entwickelten, zu einer tatsächlichen Rassismustheorie zu verdichten. Die genannten Stellen belegen diese Einordnung eher als sie zu entkräften, auch wenn sich in diesen ohne Zweifel partielle Einsichten und Ansatzpunkte finden lassen.

Aber sind Marx und Engels in dieser Hinsicht nicht einfach Kinder ihrer Zeit? Rassedenken war zu ihrer Zeit völlig normalisiert. Tut man ihnen nicht Unrecht an, wenn man antirassistische Normen der Gegenwart an sie heranträgt?

Ja, Marx und Engels saßen, was das Thema Rassismus angeht, oft einfach den gleichen Vorurteilen auf wie weite Teile der europäischen Intelligenz damals. Allerdings ist es seltsam, wenn Marxist:innen diese Tatsache als Rechtfertigung anführen. Ansonsten wird den beiden ja durchaus zurecht zugutegehalten, wissenschaftliche Revolutionen und epistemologische Brüche eingeleitet, den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft geführt, Hegels Dialektik umgestülpt und neuerdings auch noch avant la lettre eine Erklärung für den Klimawandel geliefert zu haben. Wenn man sie zu solchen Denkriesen erklärt, ist es doch seltsam, dass sie beim Thema Rassismus plötzlich als Zwerge dastehen, die völlig hilflos dem Zeitgeist ausgeliefert sind.

Außerdem werfen wir Marx und Engels an keiner Stelle unseres Buches vor, hinter unserem heutigen Wissensstand zurückgeblieben zu sein. Wenn wir bei Marx und Engels bestimmte Fehleinschätzungen oder Auslassung identifizieren, dann anhand von zeitgenössischen Quellen, die sie kannten oder die sie zumindest hätten kennen können. Ein Beispiel etwa wäre François Bernier, dessen Reisebericht aus Indien von 1670 Marx und Engels sehr schätzten und dessen Auffassung, im Orient gäbe es kein privates Grundeigentum, sie für einen großen Wurf hielten, woraus sie wiederum das Modell der asiatischen Produktionsweise konstruierten. Dabei war Berniers These schon zu Marx‘ und Engels‘ Lebzeiten längst öffentlich in Zweifel gezogen. Verschiedene Verwalter der British East India Company haben dazu historische Untersuchungen veröffentlicht, es wurde öffentlichkeitswirksam darüber auf deren Eigentümerversammlungen gestritten und in der britischen Presse berichtet, die Marx und Engels natürlich verfolgten. Diese Informationen wären ihnen also unschwer zugänglich gewesen.

In eurem Buch formuliert ihr einige Kritiken, die auch von postkolonialen Theorien immer wieder artikuliert wurden: Geschichtsteleologie, Eurozentrismus, Kritik am Konzept der asiatischen Produktionsweise usw. usf. Haltet ihr den Postkolonialismus für eine brauchbare theoretische Alternative zu Marx, gerade vor dem Hintergrund eurer Kritik?

Nein, das tun wir nicht. Wir verstehen Rassismus als soziales Verhältnis, das Klassengesellschaften entspringt und stabilisierend auf sie zurückwirkt, indem es klassenübergreifenden Zusammenhalt auf Basis der Entmenschlichung einer Außengruppe ermöglicht. Ohne theoretische Grundierung in einer historisch-materialistischen Gesellschaftskritik lässt er sich kaum adäquat analysieren und nur schwer politisch bekämpfen. Das gilt schon allein deshalb, weil – wie wir am Ende unseres Buches betonen – „die Subjekte antirassistischer Kämpfe selbst klassenmäßig gespalten sind“. Postkoloniale und verwandte Ansätze ebnen diese Klassendifferenzen oft ein oder argumentieren sogar, dass es überhaupt eurozentrisch sei, Gesellschaften außerhalb Europas auf Basis marxistischer Kategorien zu analysieren. Obendrein verengen sie zumeist den Zuständigkeitsbereich von Rassismusanalyse auf den europäischen Kolonialismus und damit zusammenhängend auf „whiteness“, womit vormoderne, innereuropäische und außereuropäische Formen von Rassismus aus dem Blick geraten. Die letztgenannten Defizite teilen die postkolonialen Studien allerdings auch mit den meisten marxistisch orientierten Rassismustheorien. Daran zeigt sich, dass der historische Materialismus kein perfektes Forschungsparadigma und in Hinsicht auf die Rassismusanalyse noch work in progress ist. Eine an Karl Marx orientierte Gesellschaftstheorie bleibt für die Analyse und Kritik von Rassismus aber zentral und ist den bisher entwickelten Alternativen weiterhin überlegen. Trotz der Kritik, die wir in unserem Buch formulieren, besteht daran für mich kein Zweifel.

Wulf D. Hund/Lukas Egger/Felix Lösing: Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit. Mandelbaum 2025, 304 S., br., 20 €.   https://www.mandelbaum.at/

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