Operation 1. Mai

HEUTE IST 1. MAI IN WIEN und meine rechtes Auge ist seit einer Woche operiert.
Die Sicht auf die Rote Flagge vor Hennis Fenster  (an den Wiener Gemeindebauten gibt es neben den Fenstern Befestigungsvorrichtungen) ist von einem beweglichen schwarzen Kreis getrübt, der wie eine verrutschte Augenklappe vor meinem rechten Auge tanzt. Wenn ich den Kopf bewege, bewegt er sich nach der Gesetzmässigkeit des Auges auf der Wasserwaage (Waagrechte? Physik!) mit. Der Kreis wird jeden Tag ein wenig kleiner.
Das Bild drumrum: farbig, trüb, unscharf. Und immer noch viel größer, als das, das das linke Auge produziert. Auf der Schönbrunner Straße zieht der Mai-Marsch des Bezirks Wien-Margareten vorbei. Trommeln.

HEUTE IST DER 1. MAI IN WIEN und diesen Blog gibt es jetzt auch schon 100 Jahre und er ist immer noch kein Blog. 
Was ist ein Blog? Der MAC folgt der Definition von Rainald Goetz und seinem unsterblichen „Abfall für alle“ (Suhrkamp, 1999). Also: locker machen, aber klug bleiben dabei, gebildet. Das ist mehr als nur Hintippen. Manchmal denke ich, du schreibst doch auch so gute Mails, wenn du in der Arbeit was erreichen willst, nimm doch die. (Mails schreiben ist eigentlich, was ich als Journalist am besten kann. Gibt es dafür Preise?). Egal.
Manchmal kommt es mir so vor, als wäre Lockerheit nur vorgetäuscht und eigentlich die höchste Form von Konzentration.

HEUTE IST DER 1. MAI IN WIEN und diese Zeile soll heute wie eine Wäscheleine sein, auf der die einzelne Teile zum Trocknen hängen.

HEUTE IST DER 1. MAI IN WIEN und meine rechtes Auge muss untertags alle vier Stunden mit vier verschiedenen Tropfen getropft werden.
Ein Cortison, ein Antibiotikum, ein „Reinigungsding“, das ziemlich brennt. Henni versucht aufopfernd, den Überblick zu bewahren. In meiner neuen 2-Städte-Existenz wurde die OP in Hamburg gemacht (Asklepios Klink Barmbeck), die Reha ist jetzt in Wien und am Friedrichhof in Burgenland. Heute ist der 1. Mai in Wien.

HEUTE IST DER 1. MAI IN WIEN und mir platzt der Kopf.
(Gibt es noch jemanden, dem vom ersten Mai der Kopf platzt? Alleinstellung!) Was ist geblieben vom „Roten Wien“? So viel. Es ist ein historischer Sieg der Arbeiterbewegung, nicht relativeren, nicht Rumreden bitte, auch mal die Klappe halten.  Zu Recht setzt der Parteivorsitzende Andreas Babler in seinem Mai-Aufruf auch diesen 1. Mai auf die Errungenschaften, die mehr sind als die Halterung an unseren Fenster in der Franzensgasse:

 Morgen ist wieder 1. Mai – unser sozialdemokratischer Kampf- und Festtag.Traditionell begehen wir ihn mit unserem Aufmarsch vom Herzen Margaretens zum Rathausplatz. Der 1. Mai ist der höchste Feiertag unserer Bewegung. Es ist ein Tag, an dem wir unsere Errungenschaften hochhalten: unser starkes Bildungs- und Sozialsystem, unsere verlässliche Daseinsvorsorge, gute Arbeitsbedingungen, faire Löhne und gerechte Kollektivverträge. Unser Rotes Wien zeigt jeden Tag, wie sozialdemokratische Politik wirkt: kostenfreie Kindergärten und Ganztagsschulen, Gemeindebauten und geförderte Wohnhausanlagen in jedem Wiener Bezirk, eine Gesundheitsversorgung mit der höchsten Ärzt:innendichte Österreichs, ein dichtes Netz öffentlicher Verkehrsmittel, der österreichweit niedrigste Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern sowie zahlreiche Parks, Grünräume, Freizeit- und Kulturangebote, die allen offen stehen. Der Maiaufmarsch erinnert auch daran, dass Fortschritt immer von Menschen ausgeht, die an eine bessere Zukunft glauben und aktiv an ihr arbeiten. 

Da kann man viel sagen dazu, aber nichts sagen dagegen.
Kein Wort zum Klimaschutz. Worin besteht eigentlich der Kampf an diesem Tag? Gegen wen? Sprechen wir von Klassenkampf? Die Reaktion in Österreich ist groß und mächtig und in vielem sehr ungut prägend. Wer durch Wiens Straßen geht, wird sofort mit unsichtbaren Düsen vom Narkosegift der Vergangenheit bestäubt, die Linke natürlich auch. Nur der Rechten gelingt es im Moment besser, die Vergangenheitsbeschwörung zum Weckruf zu verwandeln,  
Gibt es noch eine freie Presse? Ein Me-Too-Skandal im ORF lenkt ab von der Diskussion über seine politische Abhängigkeit. Babler will da ran, an die Medien überhaupt.  Doch seit er sich zu Beginn seiner Karriere als Marxist bezeichnet hat, verfolgen ihn die rechten Medien (mit Ausnahme des „Falter“ sind alle Medien tendenziell rechts), mit einer Hass-Kampagne.
Die andere Seite führt den Kampf, ja, jeden Tag. Klassenkampf ist ja auch nicht etwas, das man sich aussucht wie eine Modefarbe. Bei Marx haben wir gelernt, Klassenkampf ist. Ist Wien ein gutes Umfeld für den MAC, für den ROTEN SALON? Das wird sich jetzt zeigen. Ein erster Schritt ist getan, eine Spielstätte gefunden mit dem wunderbaren Café Else, in dem der erste SALON schon stattgefunden hat. Ins Else gehen wir am Nachmittag, zur 1. Mai-Afterparty, die eingebunden ist ins multikulturelle Struwer -Vierteil nahe des Riesenrad im Wiener Prater

HEUTE IST DER ERSTE MAI IN WIEN und deshalb muss dieser Text jetzt auch fertig werden.
Ein Wort noch zur Psychedelik: Am 1. Mai 1977 saß ich mit Robert Menasse und anderen Dichtern im Café Museum in der Operngasse und die Kakao-Tassen waren plötzlich so schwer, geworden dass wir sie kaum noch heben konnten. Das Jugendstil – Cafe stand jetzt auf schwankendem Boden, in schwarz-weissen Karos – geile Optik, wenn man so möchte, schwer allerdings, darauf zu stehen. So gut es ging, liefen wir zum Ring, quer durch den Demonstrationszug, und fielen auf der Wiese des Burggartens in einen ohnmächtigen Schlaf. Ob´s alle noch aufs Klo geschafft haben (wo? welches?) ist seltsamerweise nicht überliefert. Den LSD-Trips („Purple Haze“), die wir am Vorabend (Fackelzug!) im „Hellas“ gekauft hatten, war offenbar Rattengift beigemischt. Das war die Geschichte, die wir uns erzählten.
Das Wort: Die Psychedelik bei dem „Netzhaut“-Peeling, dem ich mich heute vor einer Woche in Hamburg unterzogen habe. Ich hatte sie schon beim Lasern der Augen erlebt- die Bilder, die der Sehnerv produziert, wenn die Linse des Auges davon abgetrennt ist, . Fantastische Farb- und Formenwelten, für die meine Sprache nicht reicht, aber auch die Möglichkeiten der abstrakten Malerei wirken müde dagegen.
OP-TIPP: Die Bilder, die man im OP-Stuhl mit abgedecktem Gesicht und künstlich bewässerten Augen erlebt, können entspannend wirken und Angst nehmen.  Du bist  ohnehin nur noch ein Pünktchen im Universum … was soll schon noch gross passieren? Training durch LSD hilft dabei, 50 Jahre später diese Erfahrung zu machen.

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1. Mai-Beflaggung in der Wiener Franzensgasse Foto: Henni Fischer

HEUTE IST DER ERSTE MAI IN WIEN und das absolute Vertrauen- Teil I.
Damit das Ewige – Alles – Doppeltsehen (durch die beiden unterschiedlichen Bilder, die meine beiden Augen produzieren) und die damit verbundenen Einschränkungen endlich behoben werden, habe ich mich der OP (Vitrektomie – Glaskörperoperation) meiner „Gliose“ (auch Makula – Pukker) unterzogen. Die Einschränkungen sind: Autofahren unmöglich, ständig kommt das zweite Auge auf der eigenen Spur entgegen, jede harmlose Bundestrasse wird zur Gaming-Racing-Huch!-Huch!-Horrorpiste, Radfahren Geschmackssache.
Das Lesen, die Textarbeit- über die Massen und existenzgefährdend anstrengend.
Ich hatte irre Angst, diese vier Worte reichen hier. Aber – sie ging weg. Das sei Euch heute noch mitgegeben. Nicht nur wegen der Psychedelik, sondern auch wegen … nun, das wird jetzt schwer zu beschreiben. Nehmen wir die Überschrift: DIE MACHT DER BANALITÄT. Was so unter den Kolleginnen des OP-Teams gequatscht wurde, vor und nach und teils während dieser „Routine OP“.
Der Hamburg-Marathon an diesem Tag. Die Frage, wann man als Mutter aufstehen muss („Kann ja nicht sein!“), um das Kind zu bringen. Was man beruflich mache. Die KI, ja die haben wir hier auch. Ob man Angst um seinen Job habe.
Ah, Herr Hopp, das ist interessant.  Aber wisst Ihr was, bevor  ich mich da dran mache, hole ich mir noch einen Kaffee, sagt die zupackende, ultrakompetente, wie ein gleissender Strahlenkranz Vertrauen verströmende Oberärztin, bevor sie sich an den, naja, Routineeingriff macht, bei dem immerhin ein Teil des Glaskörpers des Auges entfernt wird, um Platz zu machen, um an der hinteren Netzhaut herum peelen zu können. Danach wird das Auge wie ein kleiner Luftballon wieder aufgepumpt, in dem Vertrauen, daß sich der Glaskörper von Gottes und etwas Pharma-Hand wieder aufbaut und die Luft verdrängt. Die bis heute verbliebene, schon weniger werdende  Luft bildet in der optischen Abbildung übrigens den schwarzen, ebenfalls schon kleiner werdenden „Boller“, der den Blick auf Hennis Rote-1.Mai-Fahne vom Fenster verdeckt.

HEUTE IST DER ERSTE MAI IN WIEN und das absolute Vertrauen- Teil II.
Könnt Ihr noch? Ja, Herr Hopp und jetzt müssen wir noch die Betäubung setzen, das wird jetzt von hinten ein bisschen drücken vielleicht, aber das wirft sie nicht um …
AAAHHH … und schon bewegt sich die erste (von dann dreien) Injektionsnadel auf meine Auge zu, an die rechte Seite, ich sehe genau, wie sie die Oberfläche durchsticht, dringt ein (sind wir hier im Porno) – und … naja, das drückt von hinten ein wenig, das hat die OA gut beschrieben.
Wie war das nochmal mit der KI? Die ist in der Zwischenzeit an der Arbeit. Die Operateurin, ich kann es nur ahnen, sitzt in einer Art Steuer-Cockpit, über meinem Kopf eine Apparatur, die offenbar Mikroskop und Laser beinhaltet, die Laser werden von der KI unterstützt, die immer brav Bescheid gibt, wenn etwas durchgeführt ist.  In was für eine geile Reportage bin ich hier geraten?
Ein Wort noch zum Vertrauen – ich meine das absolute, das bedingungslose. In diesen Zustand hatte ich mich begeben. Ist das der Rede wert? JAAA! Da sticht dir eine mit der Nadel ins Auge, dann schlüpft sie dir das halbe Auge raus, dann schabt sie mit Laser und von Hand an der 100stel-Millimeter dünnen Netzhaut rum („Das sieht jetzt schon ganz gut aus“) – und du denkst die ganze Zeit: Cool, mach weiter, so lässt sich die Zeit doch auch verbringen, deshalb sind wir doch hier.
Du merkst: DU VERTRAUST. Wie fühlt sich das an? GANZ WUNDERBAR. Oder, in der „Wort zum Sonntag“-Version: Vertrauen ist etwas, das zwischen uns Menschen möglich ist. Als vielleicht unsere größte Power von uns „Gattungswesen“ (Marx), die ALLES möglich macht, am Ende auch den Sozialismus. Heute ist 1. Mai in Wien.

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