„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“

In Deutschland haben wir in diesem Jahr fünf Landtagswahlen, fast das ganz Jahr über haben wir Wahlkampf, in vielen Formaten. Eine Element ist immer noch – die Parole, inzwischen vielleicht in Form des „Slogans“ oder, in der Sprache der Werber ,des „Claims“. Parole, das klingt nach Strassenkampf, und das ist auch richtig so. Daphne Weber zeigt  im Band „Politik der Parole – Ästhetische Praktiken politischer Mobilisierung“  die  historische  Bedeutung der Parole – und fragt nach der zukünftigen. Ist die Parole tot? Oder kommen wir in Wahrheit ohne sie nicht aus?

„Die Situation ist zu ernst für Quatsch“(Video), „Jem Risemir –  ein Macher, ein Durchzieher“ (Tik Tok) „Weil Baden Württemberg Zukunft kann – Einer von uns“(Plakat) … Es ist unwahrscheinlich, dass Cem Özdemir die Wahl in Baden Württemberg wegen toller Slogans oder Parolen gewonnen hat.  Und unwahrscheinlich ist auch, dass sich die Qualität der Slogans bei den kommenden vier Landtagswahlen noch groß verbessern wird. Who cares!  Die politische Parole scheint  heute nicht nur an Qualität, sondern auch an Bedeutung verloren zu haben, wahrscheinlich geht beides auch einher. 

Für die Parteien scheint das Entwickeln von Parolen gar nicht mehr der Mühe wert zu sein. Das mag auch an einer neu strukturierten Öffentlichkeit liegen, in der sich die klassische Parole schwer tut, weil sie keine Alleinstellung erreicht., in der Flut von Social-Media, von Posts und Memes, untergeht. Aber es gibt auch einen inhaltlichen Grund: In Zeiten des Populismus ist das Image der Parole ramponiert. Sie vereinfache, heißt es, werde Komplexität nicht gerecht, agitiert, diskreditiert. Man begegnet ihr mit Misstrauen.

Die Kulturwissenschafterin Daphne Weber nimmt die auffällig trübe Verfassung politischer Kommunikation zum Anlass, in einer umfangreichen Untersuchung die große Geschichte der politischen Parole zu rekonstruieren – und daraus die Frage zu entwickeln, was ihre Zukunft sein könnte. Denn: Kann Politik ohne Parolen auskommen? Was wäre die Alternative? Und: Kann es sich die Linke leisten, die Kraft auf den Punkt gebrachter Inhalte der Rechten zu überlassen? M.H.

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Der ROTE SALON HAMBURG lädt zu einem Abend zur „Politik der Parole“, auf dem Daphne Weber die verschiedenen „ästhetischen Praktiken politischer Mobilisierung“ aufschlüsselt und aktuelle Fragen der politischen Kommunikation mit dem Publikum diskutiert. 
Anmelden könnt Ihr Euch hier: https://roter-salon-hamburg.de/

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 Daphne Weber ist Mitglied des Parteivorstands der LINKEN und hat an der Humboldt-Universität promoviert über Mobilisierungsstrategien und politische Werbemittel.

Abriss: Politik der Parole – Ästhetiscche Praktiken politischer Mobilisierung

Von Marie Hügel

In ihrer fast 400-seitigen Schrift „Politik der Parole – Ästhetische Praktiken  politischer Mobilisierung“ wirft die _Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber einen historischen Blick auf die Geschichte der Protestbewegung und analysiert, wie die sogenannte Parole sich konstituiert und sich im Laufe der Geschichte durch „Formenwandel an und für sich“ verändert

Daphne Weber, Politik der Parole Ästhetische Praktiken politischer Mobilisierung, Campus Verlag, 2025, ISBN 978-3-593-52133-6, 48 Euro. Auch als E-Book erhältich

Was ist eine Parole?

Die Parole, so Daphne Weber, sei ein rhetorisches Werkzeug, das oft mit „Verdinglichung“ arbeite. Eine Parole zeichne insbesondere Emotionalisierungen aus: Das Erzeugen von Zustimmung oder Abgrenzung sei  ihr spezifischer Inhalt. Daraus könne  ein Gefühl für ein Kollektivum entstehen. Die Parole verlange zwingend eine Verkürzung, da das Format, in dem die Parole stattfinde, sich durch Platzmangel auszeichne. Parolen sind nach Daphne Weber die kleinsten Einheiten der Sprache, die  grosse Macht enfalten können.

Von der Weimarer Republik bis zur Memification der Parole

Die Parole als Mittel zur politischen Mobilisierung zieht sich durch die Geschichte, wenngleich die Form ihre Gestalt und ihre Bestimmung stetig ändert. So charakterisiert die Autorin in den 1920ern die Parole als den „Sprechchor der Arbeiterbewegung“. Dieser diente jedoch nicht nur der Agitation- sondern stellte auch ein genuines Interesse der proletarischen Bewegung an künstlerischer Teilhabe dar. Der Sprechchor konnte dazu verhelfen, „Dinge zu artikulieren, die auszusprechen der Einzelne nicht in der Lage war und damit zur Bildung eines Kollektivsubjekts beitragen.“

Sind Parolen „Kunst“?

Die Ausdrucksweise ist jedoch keine rein mündliche,  die Parole wird in verschiedenen Formen inszeniert: Auf Flugblättern und Plakaten, oder sie findet, in der späteren technischen Entwicklung, über elektronische Medien Verbreitung. Die künstlerische Ambition der Arbeiterbewegung lässt sich auch dort nachvollziehen, wo Plakate und Flugblätter neben der schriftlichen Parole llustrationen beinhalten, um die Wirkung der Parole zu verstärken. Die Form der Parole war historisch eine stets künstlerische, dadurch erlangt sie, im Gesamtkontext betrachtet, eine „Aura des Kunstwerks“. Einzeln hat die Parole diese Eigenschaft, als reine politische Verknappung aber nicht zwingend. Der künstlerische Inhalt ist kein fester, sondern muss aktiv und individuell in die Parole verwoben werden.

Am Ende der Schrift wird ein Ausblick auf mögliche Veränderungen der Parole im heutigen technologisierten Zeitalter gegeben. Dabei wird eine gewisser Zynismus spürbar, jedoch weniger als Haltung der Autorin, sondern als Beschreibung einer aktuellen Entwicklung:  „Durch die Memification wirken Parolen zunehmend wie Parodien ihrer urpsünglichen Funktionen.  Anstatt weiterhin agitativ Massen zu mobilisieren, scheinen sie heute oft eher in humoristischen oder ironischen Kontexten zu zirkulieren, wobei höchstens noch kleinere Veränderungen innerhalb des bestehenden Systems eingefordert werden.“ So zeugen Parolen wie die der Linksfraktion „Mieten steigen nicht, sie werden erhöht“ eher von einem politischen Fataismus, als dass sie moblisieren würden.

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„Refugees Welcome“ – die bisher bedeutendste internationale Parole des 21. Jahrhunderts

Brauchen wir überhaupt Parolen?

Die Sinnhaftigkeit der Parole als Werkzeug politischer Kommunikation hat mich während des Lesens stetig beschäftigt. Verfütgt sie tatsächlich über ein ästhetisch-politisches Momentum, das für emanzipatorische Bewegungen Tragweite besitzt? Oder bedeutet die Memefication in ihrer unüberschaubaren Beliebigkeit nicht das Ende der politischen Parole, die auf den Screens der Handies ihre Aura zu verlieren droht.

Freilich tragen Parolen seit jeher ein starkes dialektisches Momentum in sich. Ursprünglich sind sie im Rahmen einer militaristischen Ästhetik entstanden. Die proletarische Bewegung hat sich diese Ästhetik früh anzueignen gewusst. Gerade in dieser Aneignung zeigt sich bereits die doppelte Struktur der Parole: Ein ursprünglich herrschaftliches Ausdrucksmittel wird in ein Instrument kollektiver Artikulation umgewandelt. Die Form bleibt dabei häufig dieselbe – _kurz, prägnant, rhythmisch –doch ihr politischer Gehalt verschiebt sich. Dadurch wird deutlich, dass die Parole historisch nie ein statisches Phänomen war, sondern sich stets innerhalb gesellschaftlicher Auseinandersetzungen transformiert hat.

Ein Momentum der ersten Analyse

Bei aller Kritik, die an Parolen geäußert werden kann, wie die Verknappung und Fehlinterpretation des Gegenstands, kann die Parole auch ein Momentum der ersten Analyse sein. Ihre notwendige Kürze zwingt zur Zuspitzung und Verdichtung, wodurch komplexe gesellschaftliche Verhältnisse zunächst in eine zugängliche Form gebracht werden. Sie darf nicht als Endpunkt einer Analyse verstanden werden, sie kann Agitationsfiguren aber dazu anregen, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen intensiver zu beschäftigen. In diesem Sinne fungiert sie weniger als vollständige Theorie, sondern vielmehr als Ausgangspunkt politischer Bewusstwerdung und als Einladung zur weiteren Auseinandersetzung.

Auch kann die Parole einen ersten Moment einer ästhetischen Annäherung bedeuten, da die Welt der Kunst oft elitär ist und die proletarische Welt nicht tangiert. Die Parole Ästhetik wieder auf die Straße bringen, indem sie sprachliche Form, Rhythmus und Bildhaftigkeit in den öffentlichen Raum trägt. So kann sich das proletarische Bewusstsein künstlerisch artikulieren, ästhetische Ausdrucksformen verbleiben nicht länger ausschließlich im institutionellen Kunstbetrieb, sondern werden Teil alltäglicher, politischer Praxis. Die Parole steht damit an der Schnittstelle zwischen politischer Artikulation und ästhetischer Erfahrung.

Ein Beispiel für eine solche Agitation ist eine der bekanntesten linken Parolen, „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, die der Dichter Georg Büchner im formulierte. Er veröffentlichte diesen Aufruf 1834 als zentralen Slogan in seiner Flugschrift Der Hessische Landbote, die zum Widerstand gegen die soziale Ungleichheit im Großherzogtum Hessen aufrief. Daran wurde deutlich, dass Parolen den öffentlichen Resonanzraum füllen müssen. Ihre Wirkung entfalten sie erst dort, wo sie kollektiv ausgesprochen, gehört und wiederholt werden können.

Es ist ähnlich, wie Walter Benjamin schon schrieb: „Kritik muß in der Sprache der Artisten reden. Denn die Begriffe des cénacle sind Parolen. Und nur in den Parolen tönt das Kampfgeschrei.“ (1928)

Marie Hügel ist Studentin der Humanbiologie in Hamburg, Mitarbeiter des ROTEN SALON – und wird den Abend mit Daphne Weber moderieren

ROTER SALON HAMBURG, Montag, 30. März 2026, 18.30 bis 21.00 Uhr

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Foto: Lisa Notzke

Neu! MAAC Mini (äääh, Maxi)

Das Foto liegt am Schreibtisch meines Laptops rum und ich weiss nicht, wohin damit. Es war wenige Tage nach meinem ersten Auszug aus dem Haus der Familie, bei einer Bürofeier, zur Einweihung der neuen Räume. Fotografin war Lisa Notzke. Als alle weg waren, war ich alleine.  Der MAC war schon geschrieben zu dem Zeitpunkt, die „Figur“ aber mehr oder weniger an diesem Tag zur Welt gekommen. Es war nicht gut-Kirschen-Essen mit mir in der Zeit, das sieht man. Ein paar Wochen später hatte ich den Nervenzusammenbruch (?) und die Rettung hat mich die 12 Meter ins St. Georg Krankenhaus gebracht. Mein grosser Sohn, das älteste Kind, hat mich abgeholt. Ich bin dann auf der Couch tief eingeschlafen und habe in die Hose gemacht. Das muss für ihn schrecklich gewesen sein.  Am nächsten Morgen bin ich aufgeacht, mein Sohn war weg. Ich bin aufgestanden, habe mich an den Schreibtisch gesetzt – und da sitze ich heute noch.  Der damals war grau, jetzt ist er schwarz. Auf der Fläche sehe ich mein iphone immer nicht.

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