Das Alter, naja

Erst, nun ja, ein kurzer Text des MAC, ob er deshalb ein MAC-Text ist, sei noch dahingestellt, ein kurzes Text jedenfalls, seht selbst, er ist GROSS gesetzt und auch nur ein paar Zeilen – 38 Sekunden Lesezeit, kürzer als ein Klogang! Und als zweiten Beitrag, passend zum Thema Altern, ein kleiner Retro-Rutscher. Art Director Gottfried Moritz in Wien hat aufmerksam reagistriert, dass es genau (?) 38 Jahre her ist, seit die Maxi-Single Carbaret Kurt W., Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, in Wien erschienen ist – ein Projekt, in das der MAC stark involviert war. Jetzt ist der aufsässige Rap erstmals auch im Internet zu hören. Den Weg dahin müsst Ihr Euch selber bahnen, ich hoffe, die Angaben reichen. M.H.

Im Alter wird einem nichts nachgelassen. Alles muss jetzt bezahlt werden. Es gibt keinen Aufschub mehr. Niemand hat noch Geduld. Schwächen, die zeitlebens als lässlich galten, werden jetzt lebensbedrohlich. Versäumnisse, die harmlos waren, sind jetzt monströs, unverzeihlich. Es wird nicht verziehen, es wird nichts nachgesehen. Das Alter ist ein Tribunal, mit immer neuen Anklagen. Alles kommt jetzt ans Licht. Es ist niemand, der einen verteidigt.

Ein zweiter Teil des MAC ist in Planung. Manche wird das wundern, andere vielleicht freuen. War das mit den ersten 750 Seiten nicht schon genug? Ist nicht auch mal gut? Würde sagen, es gibt aber auch etwas in uns, das vom Ewig-Gleichen nie genug kriegt. Und hier wäre aus dem Text schon aus Zeile 2 eine ganz gute Definition für den zweiten Band gepurzelt: Nicht dasselbe, wie der erste, aber das Gleiche.

Was ist der Text oben? Ein Sound-Check? Treffe ich den Ton noch? Zuletzt hatte sich dieser Blog eher in Richtung politischer Theorie und ROTER SALON HAMBURG bewegt, hatte sich der irgendwie abgedrehte, konfuse, sprunghafte MAC-Mix in einer robuste linksradikalen Hülle verborgen. War zu wenig Sauerstoff in der Hülle? Was kommt jetzt zum Vorschein?

Will man sowas lesen? Eher nicht. Zu negativ, fast schon verzweifelt. DEPRI DEPRI DEPRI.  Da fällt dir nichts mehr ein vor lauter DEPRI. Und dieses kurze-Texte-raushauen. Tagebuch im Rechthaber-Ton. Behauptungs-Lärm im Schreiben, weil sonst keiner zuhört. Aphorismen, oder Zeug, wie man es für Social Media braucht. Der MAC verachtet das eigentlich. Es ist zu wenig Bergwerk in der Herstellung. Zu wenig Semmering-Tunnel (nachdem der Erbauer mit den zwei Röhren nicht zusammengefunden hatte, erschoss er sich doch nicht).

Doch der MAC ist gleichzeitig auch neidig auf die Leichtigkeit, das Lässige. Das direkte Abschreiben von dem, was man gerade im Kopf und im Bauch hat. Rainald Goetz, Gott der Blogger („Abfall für Alle“), der wie kein anderer große Inhalte im Plauderton „verpacken“ kann (blödes Journalistenlehrer-Wort, das es nicht ganz trifft). Oder das BRUTALE, schnelle Hintippen, auch das ist etwas, das der MAC in sich trägt. Sportlich schreiben, sorglos, mühelos, ohne Rücksicht auf … „Gute Lieder sind wie Pistolen, denn sie schiessen dich frei, aus der Alltagskartei“, sang Marianne Mendt. Die Alltagskartei ist scheisse. Aber der Gedanke, daß Worte wie Pistolenschüsse sein können, der gefällt mir. Wenn ich beim Wichsen brutal an mir herumreisse, bis ein paar kleine Tropfen kommen … ich meine, so kann ich auch schreiben. Ein paar Tropfen. Niemand kann sagen, ich hätte mich nicht bemüht.

Unsere Zeit setzt sich irgendwie aus ganz kurzen Texten zusammen. Kurze Texte kriegt man heute jede Minute geschenkt. Es stecken Millionen Perlen in Milliarden Social Media-Einträgen. Es gibt alles. Und alles ist egal. Nur noch im Buch steckt der Glaube an den Wert geistigen Schaffens, die Hoffnung, es könnte alles auch anders sein, Das Vielleicht-Doch. Klar kann man auch auf alles Kotzen. Wie jetzt hier. Was Beliebiges raushauen, als verunglückte Ankündigung für ein neues Buch, gleich mal einen falschen Akzent setzen. Es gibt was Mächtiges in mir, das gerne zerstört, Brücken abbricht, es gibt auch etwas Selbstzerstörerisches und auch einen Selbsthass. SEARCH AND DESTROY,  Nur ist der MAC in all einer Bescheuertheit unzerstörbar. WE DON´T DIE WE MULTIPLY. Am ersten Band des MAC habe ich gesehen: Er ist von jeder Kritik angreifbar, und am Ende doch von keiner.

Ist das jetzt Pop-Journalismus? JAAA. Nö. Die Buchwissenschafterin Erika Thomalla hat alle Figuren von damals (Tom Kummer und 57 andere)  mit kurzen Zitaten zu einem Totentanz versammelt, an dem auch der MAC teilgenommen hat:

Erika Thomalla: Gegenwart machen – Eine Oral History des Popjournalismus, Schöffling & Co, 2026

Alters_Aphorismen gibt es wie Sand am Meer, Männer sind wehleidiger als Frauen. Manchmal haben alte Männer gar nicht mehr die Kraft für lange Texte (manchmal schon).
Von Franz Xaver Krotz fliegt das durchs Internet:

Ich hasse dieses Altwerden. Ich kann es nur mit Philipp Roth sagen. „Das Alter ist ein Massaker“. Es ist grauenhaft, es schleicht auf dich zu. Es ist schrecklich.

Seins besser oder meins? Seins, weil es ist kürzer.
Wer sich durch all das Gesülze bis hierher gequält hat, der wird jetzt reich belohnt.
Mit dem Tipp für ein WIRKLICH GROSSARTIGES, BERÜHRENDES, INSPIERENDES (aha, sehr bürgerliche Kategorien für die Qualität eines Buchs) Werk zum Thema Altern:

Natascha Wodin, Die späten Tage, Rowohlt Verlag, 2026

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Gestaltung des Maxi-Covers: Gottfried Moritz

Noch einer, der nur seine Pflicht erfüllt

@ m.soundcloud.com

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Cabaret Kurt W.: Ich habe meine Pflicht erfüllt

(Street Fighting Man Version)

Erstmals im Internet

Waldheim-Rap „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“

Von Michael Hopp

Die Maxi Single erschien im Frühjahr 1988 in Wien, am Höhepunkt der Kampagnen um den österreichischen Präsidentschaftskandidaten und früheren UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim. 1986 war seine Mitgliedschaft bei der SS aufgedeckt worden, was Waldheim als Verschwörung des „jüdischen Weltkongresses* abtat und in einem Interview mit den Worten „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, wie Hunderttausende andere Österreicher auch“ kommentierte. Die Platte „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt* beruht auf ein dem Originalton dieses Zitats, das als Gesangsstimme in einen für die 80er Jahre typischen Elektro-Rap gemischt ist.
Als Chefredakteur des Wiener war ich damals in die Waldheim-Diskussion involviert und hatte gemeinsam mit meinem Freund Fono Dor von „Rosachrom“ die Idee zu dem Stück. Wir brachten es bei GIG Records unter, dem Label des Falco-Entdeckers Markus Spiegel. Fono Dor (gestorben 2022) machte die Musik in seinem Studio, ich besorgte die Tonbänder des Waldheim-Interviews über einen Freund in der Redaktion des „Mittagsjournals“. Am Schluss ließen wir noch ein paar Sekunden von „They Are Coming To Take Me Away“* von Napoleon XVIII., erklingen, einer Comedy-Nummer des New Yorker Produzenten Jerry Samuels, als Anspielung darauf, dass auch Waldheim „abgeholt* gehört. In den Chor-Passagen orientierten wir uns an David Bowies „Let’s Dance“. Das Cover gestaltete Gottfried Moritz, der damals gerade vom „Wiener‘ zu „News* gewechselt war.
Als Künstler nannten wir uns „Cabaret Kurt W.“ und vermieden aus rechtlichen Gründen die Nennung des Namens Kurt Waldheim. Auch am Cover sieht man nur ein halbes Foto von Waldheim. Am Popsender ö3 wurde unsere Single nur ein einziges Mal gespielt, von der Moderatorin Martina Rupp, die danach beurlaubt wurde. In Clubs wie dem „U4* lief sie gut und politisierte den Dancefloor.
1991 gestand Bundeskanzler Franz Vranitzky im Parlament die Mitschuld der Österreicher an Holocaust und Nazidiktatur ein.
Mit geringer Wirkung. Österreich ist bis heute Brutstätte der alten und neuen Rechten.

1 Kommentar zu „Das Alter, naja“

  1. Vergiss nicht, es ist wieder einmal Frühling. Da haut man bald mal, alles mögliche raus. Insofern bin ich nicht der Meinung, dass länger schlechter wäre als kurz. Bei Kurz sowieso. Aber das ist ein Insider Joke.

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