Ein Abend im Roten Wien

Ganz Wien ist besetzt von alter und neuer Bürgerlichkeit, vom Glamour einer vergangen Zeit, in der Gegenwart und Zukunft nicht viel Platz haben. Ganz Wien? Nein, am Mittwoch abend feierte der ROTE SALON im Arbeiterbezirk Leopoldstdat seine Wien-Premiere

Von Michael Hopp

Wie würde der ROTE SALON Hamburg in WIEN ankommen, der Stadt, in der für mich alles begann? Die Wien-Premiere stand schon mit dem in Hamburg in erfolgreichen Thema „Die Ökologie bei Marx“ (wunderbarer Vortrag von Heinrich Detering, sehr zufriedenes Publikum), unter einem guten Stern – und war gleichzeitig auch ein guter Test, wie das deutlich in den Vordergrund gestellte Thema „Marx“ in Wien aufgenommen würde.

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Männer in Wien – in der Mitte ganz hinten Heinrich Detering im DJ-Setting. Ungewöhnlich – hat aber gut funktioniert

Karl Marx-Hof und Friedrich Engels-Platz

Denn einerseits ist Wien die Stadt mit Karl Marx-Hof und Friedrich Engels-Platz (Linie 2 und 31, 5 A und 11A, NK 8, N 29 und N 31, für die Linie 2 ist der Engels-Platz Endstation), hat eine grosse, klassenkämpferische Geschichte als „Rotes Wien“ der Vorkriegszeit und die damals entstandene Struktur von „Gemeindebauten“, die heute noch Studienobjekt  sind für vorbildlichen sozialen Wohnbau. Weiters verfügt Österreich über eine stolze Tradition des Austromarxismus … und ist das Land mit dem erstaunlichen Comeback der KPÖ, der Kommunistischen Partei Österreichs, die in der Stadt  Graz (2021: 28,8 Prozent; Bürgermeisterin Elke Kahr) und im  Land Salzburg (2023: 11,7 Prozent) europaweit einzigartige Ergebnisse erzielt. 
Der ROTE SALON HAMBURG wird dies  übrigens am 18. Juni aufgreifen, wenn Dr. Anne Rieger von der KPÖ-Steiermark zu Gast ist, mit ihrer Betrachtung von Nancy Fraesers Anti-Kapitalismus  Klassiker „Der Allesfresser“.

Andererseits ist in Wien auch traumatisierend bekannt, welchen Aufschrei der Empörung (in den eigenen Reihen) SPÖ-Vorsitzender Andreas Babler verursacht hat , als er zu seiner Wahl im Mai 2023 bekannte: „Ich bin ein Marxist“ („Die Gleichsetzung von Marxismus mit allem, was daraus gemacht wurde, ist Blödsinn“) – und daraufhin „zurückrudern“ musste, wie man in Wien sagt.  Bis heute ist Babler Hassobjekt praktisch aller Medien und nur mangels Alternativen noch Parteivorsitzender.

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Jetzt ist das Publikum dran – Frage, Diskussionsbeitrag oder Co-Referat?

Anpassung wird in Wien reich belohnt

Auch bei der Pressearbeit für den Wiener SALON war auffällig, dass Marx womöglich kein Thema ist, mit dem man in Wien im Moment berühmt wird. Selbst gut bekannte, als mehr oder weniger progressiv geltende Kollegen im öffentlich-rechtlichen ORF, fassen das Thema nicht an und lassen sich im SALON lieber nicht blicken. Profilierte Linke wie Robert Misik erzählen, wie sie von der Rechten persönlich bedroht werden und in Deutschland publizistisches Asyl gefunden haben.

Anpassung wird in Wien allerdings schon auch belohnt, mit einem Moderatoren-Vertrag beim Bruno Kreisky Forum, oder einem guten bezahlten Projekt in der Arbeiterkammer. Die Anpassung schlägt dann schnell in die bürgerliche Kaffeehaus-Kultur passende Saturiertheit um, für die mir im Erzählen über Wien in Hamburg folgendes Bonmot gelang (erwähnenswert, da mir sonst nie BONMONTS gelingen – gibt´s das noch?): „In Österreich lassen sich schon Menschen für den Kommunismus begeistern – aber nur wenn sie dafür angestellt werden.“

„Live“ fühlte sie das allerdings alles ein bisschen anders an. Mitstreiter für die Wien-Version des Salon waren schnell gefunden, im engagierten früheren „profi“-Journalisten Ernst Schmiederer, der heute Verleger und Agenturinhaber ist), im Paläontologen, Stadteil-Aktivisten und Gastronomen Roland Schweizer, der sein wunderbares Cafe Else (fast direkt unterm Riesenrad!) zur Verfügung stellte und in der Filmemacherin Henni Fischer, der der MAC seit den 70er Jahren verbunden ist. Beide arbeiten aktuell zusammen an einem Filmprojekt zum 40. Todestag des Regisseurs Manfred Kaufmann im Jahr 2027, von dem hier noch zu lesen sein wird. 

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Autor Heinrich Detering nahm seine Präsentation selbst in die Hand – hinter der Bar

Zu Besuch bei LINKS Wien

Auch beim Plakatieren war die Resonanz auf den Wiener ROTEN SALON freundlicher, als sich dies aus den nicht beantworteten Presseanfragen erkennen liess.  Wir besuchten LINKS Wien (die junge, Wiener KPÖ) in der Veronikagasse in Wien Hernals, und in in der Innenstadt die Buchhandlung „A Punkt Baboe“  (zusammen mit dem Baboe-Verlag pflegt sie das Erbe der legendären linken Wiener Buchhandlung Brigitte Herrmann), ein Lokal der Wiener SPÖ-Frauen und den Republikanischen Club, alle in einer Häuserzeile in der Fischerstiege gelegen, die ihrer Eigentümer-Struktur nach, offensichtlich der „linken Reichshälfte“ zuzuordnen sind, wie man in Wien sagt.  Bei der toll sortieren „Faktory“ Buchhandlung der Arbeiterkammer, die auch Lesungen und sozialrechtliche Beratung durch AK-Experten bietet, kamen wir zurecht, um unsere Plakate unterzubringen. 

Die kurze Beschreibung zeigt: Es gibt ein linkes Biotop in Wien, das aber viel saturierter, etablierter  und wohlhabender ist, als die vergleichweise wilde autonome Szene in Hamburg mit ihren Zentren wie „Rote Flora“ oder „Centro Sociale“, und unverändert eng verbunden – räumlich, finanziell – mit den Institutionen der Sozialdemokratie, immer noch so wie zu Lehrzeiten des MAC, als das „linksradikale“  „Neue Forvm“  auch nicht überlebensfähig gewesen wäre ohne die Anzeigen („Inserate“ sagt man in Wien, inzwischen ein politisch besetzter Begriff) des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB).

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Auf grosses Interesse stiess in Wien der literaturwissenschaftliche Zugriff auf das Werk von Karl Marx – wie kam er zu seinen Metaphern?

Wild, widerständig – und es gab Bier

Nochmal anders die Stimmung bei der Veranstaltung selbst, am Mittwoch Abend in der schönen „Else“, unterm Mond von Alabama.  Schwer zu sagen für den Gast, wer die ca. 80 Menschen waren, die schon ab 17 Uhr den geräumigen Hybrid zwischen Wirtshaus und Cafe´ zu füllen begannen; es waren keine Jugendlichen, aber auch keine ausgesprochenen Senioren, wie wir das aus Hamburg kennen, und es waren deutlich mehr Männer als Frauen, der Frauenteil geringer als in Hamburg. Es gab Bier, was es in Hamburger an der Staatsbibliothek nicht gibt, die Menschen wirkten wilder und widerständiger und lauter als in Hamburg und einige von ihnen, die mit dem zunächst kritischen Blick, hatten von Marx sicher nicht das erste Mal gehört.

Wie in Hamburg kam Heinrich Deterings Vortrag supergut an, der Blick auf den Kommunismus als ein aus der „Natur“ entwickeltes Gesellschaftssystem und die Prophetie, mit der Marx und Engels die heutige Kimakrise vorwegnahmen und im Detail ausformulierten, wirkte auch in Wien so erstaunlich wie begeisternd. Die Frage, wie weit die in dieser neuen Marx-Lesart entdeckte ökologische Komptenz des Marxismus sich zu einem politischen Pfund verwandeln liesse, das die Spaltung von „links“ und „grün“ aufhebt, blieb allerdings auch in Wien unbeantwortet.

Am Ende war der Büchertisch ausverkauft, über 100 Euro in den Spendenbüchse, und wer jetzt noch nicht zufrieden war, der holte sich noch schnell ein Bier.  Wir machen weiter!

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