Keine Angst vor Polarisierung

Von Finn Schreiber

Wann habt ihr zum letzten Mal eine richtig gute linke Parole gesehen oder gehört? In Deutschland wird das schon eine Weile her sein. Dass die Parole als ästhetische Praxis für linke Politik aber weiterhin ihre Daseinsberechtigung hat, hat Daphne Weber am 30. März 2026 im Roten Salon nnachgewiesen. Daphne zeigte dabei nicht nur die Erkenntnisse ihres Buches „Politik der Parole – Ästhetische Praktiken politischer Mobilisierung“ (Campus Verlag, 2025). sondern stellte umfassend ihre Analyse der Parole als ästhetische politische  Praxis dar und demonstrierte anhand umfangreicher Archivmaterialien, wie die KPD in der Weimarer Republik mit diesem Thema umgangen ist.

Wer mehr zu den konkreten Inhalten erfahren möchte, kann sich entweder Daphnes Auftritt im Literaturforum im Brecht Haus auf Youtube anschauen oder einen Blick in das kostenlos verfügbare E-Book werfen. Ich möchte mich in diesem Nachbericht vielmehr an fünf Thesen wagen, die mir im Nachgang zu diesem Vortrag durch den Kopf gegangen sind.

1. These: Aus der Geschichte lernen.

Ein genauerer Blick auf die Agitation der KPD in der Weimarer Republik zeigt nicht nur wirkungsvolle Parolen, sondern auch eine sich zuspitzende Ästhetik der Gewalt. Sprache, Bild und Inszenierung arbeiteten zunehmend mit Feindmarkierungen, militanten Metaphern und offener Konfrontation. Diese Dynamik war kein Zufall, sondern Teil einer politischen Logik, in der Eskalation als Mittel der Mobilisierung diente und sich im Zusammenspiel mit anderen politischen Kräften weiter hochschaukelte. Die Parole war hier nicht nur eine ästhetische Praxis der politischen Mobilisierung, sondern trieb auch eine Radikalisierung voran, die reale Konflikte weiter anheizte.

Daraus ergibt sich eine notwendige kritische Distanz für die Gegenwart. Wer heute an die Wirksamkeit historischer Parolen anknüpfen will, kann ihre gewaltförmige Zuspitzung nicht einfach ausblenden oder romantisieren. Gleichzeitig wäre es falsch, daraus jede Form von Schärfe zu verbannen. Entscheidend ist, zwischen produktiver Zuspitzung und destruktiver Eskalation zu unterscheiden. Aus der Geschichte zu lernen bedeutet, diese Ambivalenz ernst zu nehmen und bewusst zu entscheiden, welche Formen politischer Ästhetik heute tragfähig sind.

olympus digital camera
Links: Marie Hügel, Moderatorin des Abends und Mitarbeiterin des ROTEN SALON HAMBURG

2. These: Keine Angst vor Polarisierung.

Ein zentraler Punkt, der sich aus der Beschäftigung mit Parolen ergibt, ist ihr zwangsläufig polarisierender Charakter. Parolen funktionieren nicht durch Ausgewogenheit, sondern durch Zuspitzung. Sie ziehen Linien, benennen Gegner und schaffen so die Möglichkeit kollektiver Identifikation. In einer politischen Kultur, die stark auf Konsens, Moderation und Ausgleich ausgerichtet ist, wirkt diese Form der Zuspitzung schnell anstößig oder unangemessen. Doch gerade darin liegt ihre Stärke: Parolen können Konflikte sichtbar machen, die sonst verdeckt blieben, und Menschen dazu bringen, Position zu beziehen.

Die gegenwärtige linke Praxis scheint jedoch häufig von einer Angst vor genau dieser Polarisierung geprägt zu sein. Aus Sorge, potenzielle Bündnispartner:innen oder Wähler:innen nicht zu verschrecken, werden Aussagen abgeschwächt oder relativiert. Das Ergebnis ist oft eine Sprache, die zwar korrekt, aber politisch wirkungslos bleibt. Dabei bedeutet Polarisierung nicht zwangsläufig Vereinfachung im Sinne von inhaltlicher Verflachung. Vielmehr kann sie als bewusste Strategie verstanden werden, um gesellschaftliche Widersprüche klar zu benennen.

3. These: Für eine Wiederbelebung ästhetischer Agitation.

Wie der Titel von Daphne Webers Buch bereits verrät, geht es bei Parolen um ästhetische Praktiken. Dies konnte Daphne in ihrem Vortrag anhand der Plakate und Parolen der KPD in der Zeit der Weimarer Republik anschaulich zeigen. Dabei spielt nicht nur die Parole als Text oder gesprochenes Wort eine Rolle, sondern auch ihre Darstellung und Einbettung in eine künstlerische Gesamtinszenierung. Betrachtet man heute Plakate, Instagram-Posts oder andere ästhetische Kontexte, in denen Parolen vorkommen, so fällt auf, wie unästhetisch Linke ihre Parolen inszenieren. Überall sieht man die gleichen biederen oder abstoßenden Designs.

Dabei schwankt die ästhetische Praxis vieler Linker zwischen der langweiligen Ästhetik moderner Unternehmen, die in den letzten Jahren jegliche Individualität aus ihrem Corporate Design verbannt haben, und einer hässlichen, kunstfeindlichen Gestaltungsfeindlichkeit, die sich häufig durch Designs mit rotem Hintergrund und neongrüner Schrift auszeichnet. Wen das ansprechen, inspirieren oder agitieren soll, ist unklar. Wichtig erscheint mir daher, dass die linke politische Agitation sich nicht nur als Selbstzweck versteht, sondern als ästhetische Praxis, die die Menschen auf kreative Art und Weise zumindest ein bisschen aus ihrem Alltag erweckt.

olympus digital camera
Daphne Weber zeigte ausführliches Bildmaterial aus der Weimarer Republik, als die Parole ein zentrales Medium der politischen Auseinandersetzung war

4. These: Die Parole im digitalen Zeitalter.

Eine Frage, die in Webers Buch nur angerissen wird, ist die, ob und inwieweit sich die Parole im digitalen Raum und in den sozialen Medien verändert hat. Was sich genau verändert hat, müsste man noch näher untersuchen. Bei einem Blick auf diverse linke Accounts in den sozialen Medien fällt jedoch auf, dass auch dort die Parole nicht so wirklich ihre Wirkung entfaltet. Die Aufmerksamkeitsökonomie und Geschwindigkeit der Plattformen könnten eigentlich ein geeigneter Ort für knappe und auffällige Parolen sein. Doch was man dort findet, ist entweder Wiedergekäutes aus dem letzten Jahrhundert oder Parolen, die eher auf Glückskeksen, Wandtattoos oder dem nächsten Kommunalwahlkampf zu erwarten wären. Dieser Frage sollte also im Anschluss an Weber nachgegangen werden, um nicht in der Politik der Parolen des vergangenen Jahrhunderts stecken zu bleiben.

olympus digital camera
Wenn Publikumsfragen am Podium ankommen: Hügel, Weber, Hopp (von links)

5. These: Nicht bei der Parole stehen bleiben!

Wenn eine linke Bewegung langfristig erfolgreich sein möchte, braucht sie mehr als nur Parolen. Parolen verkürzen und sind Teil einer populistischen Praxis – im positiven wie im negativen Sinne. Dabei wird in der Kritik des Populismus aus der Mitte natürlich häufig die Kritik am Populismus mit einer Kritik an der Politik verwechselt. Nichtsdestotrotz muss die politische Linke mehr zu bieten haben als bloße Parolen, die den Alltagsverstand der Menschen ansprechen. In den letzten Jahren hat sich die Linke viel zu oft von einem kurzfristigen Wahlerfolg einer linkspopulistischen Partei zum nächsten durchgeschlagen, ohne dabei Strategien zu entwickeln, um Menschen langfristig aus der Passivität des Alltags zu holen.

Ein wesentlicher Punkt, der auch in der Diskussionsrunde kurz angesprochen wurde, muss dabei Bildung sein. Parolen können zwar Momente kollektiver Praxis sein, ersetzen aber nicht die notwendige Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Verhältnissen. Neben der Wiederbelebung der Parole sollte es eine wesentliche Priorität linker Praxis sein, solche Angebote für Menschen zu schaffen, die sich von Parolen angesprochen fühlen.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top
Scroll to Top