Karl Marx, Journalist

Wenn uns am Alex Demirović demnächst im ROTEN SALON Marx´ Verständnis von Demokratie näher bringen wird, dann wird und muss es auch um die „Preßfreiheit“ gehen, wie es damals hieß, ein fundamentales Element auch der heutigen Demokratie, für die Marx ebenso leidenschaftlich und nachhaltig stritt, in der ihm eigenen Dialektik: In dem er ihren Mangel beklagte, die Zensur, die ihn selbst als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ betraf, brachte er die „Preßfreiheit“ überhaupt erst auf den Begriff und damit in die Welt.

ROTER SALON HAMBURG
Alex Demirović: Marx als Demokrat oder Das Ende der Politik, Dietz Berlin 2025
Montag, 23. Februar 2026, 18 Uhr 30, Vortragsraum der StaBi. Eintritt frei, Spenden erbeten.

Marx – Erfinder der Pressefreiheit, ein vielleicht weniger bekannter Umstand, der sein Wirken bis in die heutige Zeit erkennen lässt. Im Demorivic-Buch finden sich Auszüge aus Marx Artikelserie für die „Rheinische Zeitung“ – „Deine Freiheit ist nicht meine Freiheit“ – Marx. Debatten über die Preßfreiheit – die er 1842 zu Beginn seiner Tätigkeit als Chefredakteur schrieb. Ein besonderes Zitat daraus bildet heute das Kernstück des Blogs, das das tiefe, für die damalige Zeit visionäre Verständnis des damals 24jährigen, nicht nur für die politische Aufgabe der Presse offenbart, sondern auch für die Mechanismen ihrer Funktion, Grundzüge der späteren Kommunikationswissenschaft.

Marx, Godfather des Journalismus, so würde es der MAC sagen, selbst zeitlebens Journalist, für den die von Marx praktizierte untrennbare Verknüpfung von sprachgewaltigem, zupackenden, ja, teils essayistischem Journalismus mit politischer Analyse, für die Auffassung des Berufs grundlegend war, motivierend, begeisternd, seit seinen Lehrjahren in Günther Nennings „Neues Forvm“ in Wien. Ein Moment, das auch diesen Blog prägt.

Das journalistische Werk von Marx, auch im Kulturbereich – er schrieb viele Theaterkritiken, und lebte und damit die ebenso unverbrüchliche Verbindung von Politik und Kultur vor – lässt sich zum Beispiel in den beiden Bänden Marx/Engels, Über Kunst und Literatur, Dietz Verlag, Berlin, 1967 nachlesen, zu denen der MAC immer wieder greift.

Wäre Marx nicht ein so großartiger Schreiber, ein so begeisterter Stilist gewesen, mit einer libidinösen Beziehung zum Wort – weder „Das Manifest“ noch die anderen großen Werke (schaut mal in das „Maschinenfragment“ im „Kapital“) hätten ihre Wirkmacht entfalten können. Dies sei jenen ins Stammbuch geschrieben, von denen es einige gerade im unmittelbaren Umfeld des MAC gibt, die nur den „wissenschaftlichen“ Marx gelten lassen und deren „Marxismus“ entsprechend blutleer und mit einer traurigen Fixierung auf das Rationale, Zusammenrechenbare daherkommt. M.H.

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Alex Demirović, geb. 1952, ist apl. Prof. an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Permanent Fellow des Centre for Social Critique sowie Host des Theoriepodcasts »tl;dr – too long, didn’t read«.

»Die freie Presse ist das überall offene Auge des Volksgeistes, das verkörperte Vertrauen eines Volkes zu sich selbst, das sprechende Band, das den Einzelnen mit dem Staat und der Welt verknüpft, die inkorporierte Kultur, welche die materiellen Kämpfe zu geistigen Kämpfen verklärt und ihre rohe stoffliche Gestalt idealisiert. Sie ist die rücksichtslose Beichte eines Volkes vor sich selbst, und bekanntlich ist die Kraft des Bekenntnisses erlösend. Sie ist der geistige Spiegel, in dem ein Volk sich erblickt, und Selbstbeschauung ist die erste Bedingung der Weisheit. Sie ist der Staatsgeist, der sich in jede Hütte kolportieren lässt, wohlfeiler als materielles Gas. Sie ist allseitig, allgegenwärtig, all-wissend. Sie ist die ideale Welt, die stets aus der wirklichen quillt und, ein immer reicherer Geist, neu beseelend in sie zurückströmt. «

MEW Bd. 1, S.60, „Debatten über die Preßfreiheit“, zitiert nach Demirović, Marx als Demokrat

„Rheinische Zeitung“, „Presse“ in Wien, „New York Daily Tribune“ :
Marx´ Karriere als politischer Journalist

Dass sich Karl Marx – am 5. Mai 1818 in Trier geboren – als politischer Journalist und Publizist sein Leben lang für Presse- und Meinungsfreiheit eingesetzt hat und gegen die zu seinen Lebzeiten übliche Zensur stritt, ist weitgehend unbekannt. Wohl deshalb, weil Staaten wie die DDR, die sich auf ihn und seine Kapitalismus-Kritik beriefen, genau dieses Credo missachtet haben. Anders als Lenin, der die Rolle der Presse als Propaganda- und Agitationsinstrument begriff, kämpfte Marx von Jugend an für Pressefreiheit und gegen obrigkeitsstaatliche Zensur – also für deutlich andere Funktionsbestimmungen der Medien als später in kommunistischen und realsozialistischen Staaten sowie von ihrer Parteipresse gehandhabt.

Nach seinem Jura- und Philosophiestudium in Bonn und Berlin und angesichts der Tatsache, dass ihm der preußische Staat eine Laufbahn als Universitätsdozent verwehrte, trat er bereits als 24Jähriger in die Redaktion der liberal-demokratischen Rheinischen Zeitung in Köln ein und startete bereits im Mai 1842 eine sechsteilige Artikelserie über die Debatten zur Pressefreiheit im 6. Rheinischen Provinziallandtag.

 Im Oktober 1842 wurde er Chefredakteur dieses oppositionellen Blattes und litt von Anfang an unter den andauernden Zensurmaßnahmen, die im April 1843 zum endgültigen Verbot des Blattes führten. Als Grund wurde angeführt, er habe die Staatsverwaltung böswillig verleumdet und die Zensur und Pressepolizei in Preußen verspottet. In seiner kurzen Zeit als Chefredakteur hatte er die Auflage des Blattes von 1.000 auf etwa 3.300 Exemplare verdreifacht.

Marx musste nun emigrieren, heiratete und ging mit seiner Frau nach Paris, wo solche Kontrollmaßnahmen in der Nach-Napoleonischen Zeit weniger streng gehandhabt wurden. Dort war er am Start der Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher beteiligt, von der aber, aus finanziellen Gründen, nur ein Doppelheft im Jahr 1844 erscheinen konnte. Außerdem arbeitete Marx für das in Paris verlegte Wochenblatt Vorwärts, das vor allem den in Preußen herrschenden Absolutismus attackierte und von 1844 bis 1845 erschien. Auf Betreiben der Preußischen Regierung wurde Karl Marx im Februar 1845 aus Paris ausgewiesen.

Marx übersiedelte nach Brüssel, wo er 1846 zusammen mit Friedrich Engels das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ gründete und gelegentlich für die Deutsche-Brüsseler-Zeitung schrieb. Die allerdings nur eine sehr geringe Auflage von wenigen hundert Exemplaren hatte. Als die französische Februarrevolution in ganz Europa Erschütterungen auslöste, wurde Marx in Brüssel verhaftet und aus Belgien ausgewiesen.

Auf Einladung der provisorischen Regierung der Französischen Republik kehrte er vorübergehend nach Paris zurück, ging aber sofort nach Ausbruch der deutschen Märzrevolution wieder nach Köln. Von wo aus er die Neue Rheinische Zeitung – Organ der Demokratie  als Tageszeitung herausgab. Die erste Ausgabe, mit einer für damalige Verhältnisse hohen Auflage von 6.000 Stück, erschien am 1. Juni 1848 und danach weitere dreihundertmal bis zum 19. Mai 1849, als sie mit ihrer berühmten roten Ausgabe 301 zum letzten Mal erscheinen durfte. Damit endete auch die kurze Phase einer größeren Pressefreiheit in Deutschland.

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Gedenktafel an der Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ am Heumarkt 65, Köln-Altstadt

Daraufhin ging Marx mit seiner Familie nach England ins Exil und wohnte zunächst im Londoner Armenviertel Soho. In seiner Londoner Emigration startete er zusammen mit Friedrich Engels erneut die Neue Rheinische Zeitung, nun als „Politisch-ökonomische Revue“ und ließ sie in Hamburg drucken. Den Unterschied zwischen der einstigen Neuen Rheinischen Zeitung als Tageszeitung und nun als Revue gleichen Namens definierte Marx in seiner Ankündigung so:

„Das größte Interesse einer Zeitung, ihr tägliches Eingreifen in die Bewegung und unmittelbares Sprechen aus der Bewegung heraus, die Widerspiegelung der Tagesgeschichte in ihrer ganzen Fülle, die fortlaufende leidenschaftliche Wechselwirkung zwischen dem Volke und der Tagespresse des Volkes — dies Interesse geht notwendig bei einer Revue verloren. Die Revue gewährt dagegen den Vorteil, die Ereignisse in größeren Umrissen zu fassen und nur bei dem Wichtigeren verweilen zu müssen. Sie gestattet ein ausführliches und wissenschaftliches Eingehen auf die ökonomischen Verhältnisse, welche die Grundlage der ganzen politischen Bewegung bilden.“

Aber auch von dieser Revue erschienen nur sechs Hefte zwischen Januar und November 1850. Der preußische Geheimdienst hatte den Vertrieb erfolgreich behindert. Das blieb der letzte Versuch von Karl Marx, eine eigene Zeitung oder Zeitschrift herauszugeben.

Aber er arbeitete weiter für mehrere Zeitungen und Zeitschriften.  So war er von 1852 bis 1862 Londoner Korrespondent für die New York Daily Tribune und lieferte ihr, umfassende politische und ökonomische Analysen über verschiedene europäische Länder. Ab 1859 schrieb er zudem für die Arbeiterzeitung Das Volk, ein Blatt des Deutschen Arbeiterbildungsvereins in London. Und wurde Korrespondent für die „alte“ Wiener Presse, die 1848 zur Zeit der Märzrevolution gegründet worden war und bis 1896 existierte, aber auch immer wieder durch Verbote eingestellt werden musste.

Karl Marx und die Pressefreiheit: im Prozess gegen die Neue Rheinische Zeitung im Februar 1849 bezeichnete er die Presse als „öffentlichen Wächter, als unermüdlichen Denunzianten der Machthaber und als allgegenwärtiges Auge und allgegenwärtigen Mund des seine Freiheit bewachenden Volksgeistes,“ Was später viele realsozialistische Regierungen nicht wahrhaben wollten.“

Quelle: Haus der Pressefreiheit

https://www.hausderpressefreiheit.de/Home.html

Und ein weiteres tolles Stück:

Jürgen Herres: Karl Marx als politischer Journalist im 19. Jahrhundert

https://marxforschung.de/2016/wp-content/uploads/2023/04/BzMEF_NF2005_J.-Herres_S.-7-28.pdf

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